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Ein Molekül mit zwei erstaunlichen Funktionen

16.09.2004


Zum 6. Mal verlieh die Deutsche Vereinigung Morbus Bechterew DVMB) ihren Forschungspreis an zwei erfolgreiche Wissenschaftlerinnen für ihre hervorragenden wissenschaftlichen Arbeiten auf dem Gebiet der Spondylitis ankylosans (Morbus Bechterew). Die Immunologinnen Privatdozentin Dr. Gerhild Wildner und Dr. Maria Diedrichs-Möhring forschen in der Arbeitsgruppe Immunbiologie an der Augenklinik des Klinikums der Ludwig-Maximilians-Universität München an den immunologischen Mechanismen, die bei der Entstehung von Autoimmunerkrankungen wie der Uveitis eine Rolle spielen. Ein Großteil der Arbeiten beschäftigte sich mit dem Molekül HLA-B27, welches mit der Spondylitis ankylosans (Morbus Bechterew) und anderen Autoimmunerkrankungen wie der vorderen Uveitis (Iritis) statistisch assoziiert ist. Hier konnte mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft ein neuer immunologischer Mechanismus beschrieben werden, der erklärt, wie diese seit vielen Jahren bekannten Zusammenhänge zustande kommen könnten. Dabei zeigte sich, dass aus dem großen Molekül HLA-B27 bei Abbauvorgängen verschiedene kleinere Fragmente (Peptide) herausgeschnitten werden. Einige dieser Peptide können eine Gelenksentzündung auslösen, ein weiteres Peptid erwies sich dagegen als Therapeutikum für Uveitispatienten wirksam.


In der durch den Preis gewürdigten Arbeit wurde ein neuer Wirkungsmechanismus eines Peptids von HLA-B27 untersucht. Dr. Diedrichs-Möhring und Dr. Wildner haben gezeigt, dass bestimmte Peptide des HLA-B27-Moleküls eine Arthritis verursachen können, indem sie von T-Zellen erkannt werden, diese T-Zellen im Gelenk ein sehr ähnliches, gelenkspezifisches Peptid wiedererkennen und dann eine Entzündung verursachen. Völlig überraschend zeigte sich, dass eine Verlängerung um nur wenige Aminosäuren dem gleichen Peptid noch eine ganz andere Wirkung verleiht: das verlängerte Peptid stört bestimmte entzündungshemmende Subtypen von T-Zellen in ihrer Funktion, so dass diese hemmenden Zellen weniger aktiv sind. Das hat zur Folge, dass sich die Entzündung verstärkt.
Das HLA-B27-Molekül enthält also Anteile, die
- eine Arthritis auslösen können, und solche, die

- entzündungshemmende Mechanismen des Immunsystems inaktivieren.

Diese Mechanismen wurden von den Preisträgern sowohl in der Zellkultur als auch im Tierexperiment untersucht und eröffnen neue Wege für die Erforschung der Ursachen HLA-B27-assoziierter Autoimmunerkrankungen wie des Morbus Bechterew und der Uveitis.
Die Bechterewsche Erkrankung ist eine entzündliche Krankheit, die vor allem die Wirbelsäule betrifft. Es handelt sich um eine chronische (nicht nur vorübergehende) rheumatische (vor allem das Bewegungssystem betreffende) Krankheit, die über entzündliche Prozesse zu einer knöchernen Einsteifung der Wirbelsäule führen kann (ankylosans = versteifend). Sie kann aber auch die übrigen Gelenke oder andere Organe des Körpers wie das Auge befallen. Sie gilt bis heute als unheilbar, läßt sich aber in ihrem Verlauf ganz entscheidend beeinflussen. Nach heutiger Schätzung erkrankt nahezu 1% der mitteleuropäischen Bevölkerung an Morbus Bechterew, einschließlich solcher Fälle, die wegen eines relativ milden oder untypischen Verlaufs nicht erkannt werden.

S. Nicole Bongard | idw
Weitere Informationen:
http://www.klinikum.uni-muenchen.de

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