Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Mit Fischen und Forschungsministerin: Zoologen der Universität Hohenheim in der Schwerelosigkeit

16.09.2004


Ganze 22 Sekunden Schwerelosigkeit verordnet der Hohenheimer Zoologe Prof. Dr. Reinhard Hilbig seinem Team, 300 Buntbarschen und Forschungsministerin Edelgard Bulmahn. Ziel sind Grundlagenforschungen, die einmal gegen Krankheiten wie Reiseübelkeit und Höhenangst helfen. In Köln setzen sich Mensch und Tier bis 18. September insgesamt fünf Parabelflügen aus, bei jedem wird die Schwerelosigkeit 30-mal auftreten. Zurück auf dem Boden werden seekranke Fische aussortiert und ihre Gleichgewichtsorgane untersucht. Die Ergebnisse dienen als Grundlage für die Forschung am Menschen.



Rund die Hälfte der Menschheit lebt mehr als mit einen Fehler im Innenohr, wo auch der Gleichgewichtssinn sitzt. 90 Prozent merken nie etwas davon, weil das Gehirn die Fehlinformation ausgleicht. Die restlichen zehn Prozent müssen sich mit Höhenangst und Reisekrankheiten plagen.



Um die Ursachen zu finden und kranken Menschen zu helfen, benutzt die Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Reinhard Hilbig vom Institut für Zoologie der Universität Hohenheim Buntbarsche als Modellorganismen. Etwa 300 Fische werden einzeln in Röhren gesteckt und gehen an Bord eines Airbus A300, der während eines Fluges 30 Parabeln durchfliegt. Die Parabel beginnt mit einer Steigphase, in der sich das eigene Gewicht verdoppelt. Im anschließenden Sturzflug erleben die Buntbarsche und die Passagiere an Bord den Zustand der Schwerelosigkeit - für ganze 22 Sekunden. Für Menschen mit einem gesunden Gleichgewichtssinn sei dies ein tolles Gefühl, so die Mitarbeiter des zoologischen Institutes. Für empfindlich reagierende Passagiere sind Sanitäter an Bord des Flugzeuges. Wer allerdings einmal eingestiegen ist, muss auch alle 30 Parabeln durchhalten.

Während des Fluges werden die Fische gefilmt, danach ihr Verhalten ausgewertet. "Bei Vorversuchen haben wir beobachtet, dass sich etwa 30 Prozent der Fische nach dem Flug um die Längsachse drehen", sagt Prof. Dr. Hilbig. Grund dafür seien die Schwere-Sinnes-Steinchen - kleine Steinchen im Innenohr, die das Gleichgewicht der Fische regulieren: "Bei kranken Fischen sind die Steinchen unterschiedlich groß. Deshalb haben die Barsche in der Schwerelosigkeit das Gefühl, schief zu liegen und versuchen, diese Fehlinformation durch Drehungen auszugleichen." An diesen Fischen werden nach den Parabelflügen verschiedene Untersuchungen vorgenommen und die Ergebnisse werden mit dem menschlichen Innenohr verglichen.

Für die aktuellen Flugtestets wurden die Tiere vorbehandelt. "Eine Fischgruppe hatten wir vorher mit dreifacher Erdbeschleunigung zentrifugiert, das ist etwas mehr Beschleunigung als bei einem Kettenkarussel", erklärt Prof. Dr. Hilbig. "Eine zweite durfte bei verminderter Schwerkraftleben und fühlte sich also leichter als normal." Beide Gruppen kämen mit dem Wechsel der Schwerkraft beim Parabelfliegen besser zurecht als untrainierte Tiere: "Wir hatten rund 80 Prozent weniger reisekranke Tiere."

Die 80.000 Euro teuren Parabelflüge finden in Zusammenhang mit dem bundesweiten "Tag der Raumfahrt auf Initiative des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) vom 14. September bis zum 16. September und am 18. und 19. September in Köln statt. 35 Passagiere, darunter Forscher, Mediziner und Presse begleiten die Fische pro Flug. Edelgard Buhlmahn, Bundesministerin für Bildung und Forschung, nimmt an einem der Flüge teil.

Für Juli 2006 ist ein größerer Ausflug für die Buntbarsche geplant: Nach dem Unglück der Columbia im Jahr 2003 schickt das zoologische Institut wieder 50 frisch geschlüpfte Fische in den Weltraum. Durch dieses Experiment kann die Entwicklung der Schwere-Sinnes-Steinchen unter den Bedingungen andauernder Schwerelosigkeit untersucht werden.

Florian Klebs | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-hohenheim.de

Weitere Berichte zu: Buntbarsche Innenohr Luft- und Raumfahrt Schwerelosigkeit Zoologe

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Mikrobe des Jahres 2017: Halobacterium salinarum - einzellige Urform des Sehens
23.01.2017 | Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland e.V.

nachricht Ionen gegen Herzrhythmusstörungen – Nicht-invasive Alternative zu Katheter-Eingriff
20.01.2017 | GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung GmbH

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mikrobe des Jahres 2017: Halobacterium salinarum - einzellige Urform des Sehens

Am 24. Januar 1917 stach Heinrich Klebahn mit einer Nadel in den verfärbten Belag eines gesalzenen Seefischs, übertrug ihn auf festen Nährboden – und entdeckte einige Wochen später rote Kolonien eines "Salzbakteriums". Heute heißt es Halobacterium salinarum und ist genau 100 Jahre später Mikrobe des Jahres 2017, gekürt von der Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobiologie (VAAM). Halobacterium salinarum zählt zu den Archaeen, dem Reich von Mikroben, die zwar Bakterien ähneln, aber tatsächlich enger verwandt mit Pflanzen und Tieren sind.

Rot und salzig
Archaeen sind häufig an außergewöhnliche Lebensräume angepasst, beispielsweise heiße Quellen, extrem saure Gewässer oder – wie H. salinarum – an...

Im Focus: Innovatives Hochleistungsmaterial: Biofasern aus Florfliegenseide

Neuartige Biofasern aus einem Seidenprotein der Florfliege werden am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP gemeinsam mit der Firma AMSilk GmbH entwickelt. Die Forscher arbeiten daran, das Protein in großen Mengen biotechnologisch herzustellen. Als hochgradig biegesteife Faser soll das Material künftig zum Beispiel in Leichtbaukunststoffen für die Verkehrstechnik eingesetzt werden. Im Bereich Medizintechnik sind beispielsweise biokompatible Seidenbeschichtungen von Implantaten denkbar. Ein erstes Materialmuster präsentiert das Fraunhofer IAP auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin vom 20.1. bis 29.1.2017 in Halle 4.2 am Stand 212.

Zum Schutz des Nachwuchses vor bodennahen Fressfeinden lagern Florfliegen ihre Eier auf der Unterseite von Blättern ab – auf der Spitze von stabilen seidenen...

Im Focus: Verkehrsstau im Nichts

Konstanzer Physiker verbuchen neue Erfolge bei der Vermessung des Quanten-Vakuums

An der Universität Konstanz ist ein weiterer bedeutender Schritt hin zu einem völlig neuen experimentellen Zugang zur Quantenphysik gelungen. Das Team um Prof....

Im Focus: Traffic jam in empty space

New success for Konstanz physicists in studying the quantum vacuum

An important step towards a completely new experimental access to quantum physics has been made at University of Konstanz. The team of scientists headed by...

Im Focus: Textiler Hochwasserschutz erhöht Sicherheit

Wissenschaftler der TU Chemnitz präsentieren im Februar und März 2017 ein neues temporäres System zum Schutz gegen Hochwasser auf Baumessen in Chemnitz und Dresden

Auch die jüngsten Hochwasserereignisse zeigen, dass vielerorts das natürliche Rückhaltepotential von Uferbereichen schnell erschöpft ist und angrenzende...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Mittelstand 4.0 – Mehrwerte durch Digitalisierung: Hintergründe, Beispiele, Lösungen

20.01.2017 | Veranstaltungen

Nachhaltige Wassernutzung in der Landwirtschaft Osteuropas und Zentralasiens

19.01.2017 | Veranstaltungen

Künftige Rohstoffexperten aus aller Welt in Freiberg zur Winterschule

18.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Personal-Trainer zum Anziehen: Intelligente Trainingskleidung gewinnt Fashion Fusion Award

23.01.2017 | Förderungen Preise

Innovationen besser messen

23.01.2017 | Förderungen Preise

Mikrobe des Jahres 2017: Halobacterium salinarum - einzellige Urform des Sehens

23.01.2017 | Biowissenschaften Chemie