Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Uran im Urin

02.04.2004


Neuartige Untersuchungsmethoden erlauben Nachweis der Uran-Kontamination von Soldaten und Zivilbevölkerung durch amerikanische Waffen im Irak



Ergebnisse einer am Mineralogischen Institut der Universität durchgeführten Studie zeigen, dass sich abgereichertes Uran im Boden wie auch zum Teil in geringen Mengen im Urin von Bewohnern der von den Golfkriegen I und II (Irak) betroffenen Gebiete und der dort eingesetzten (amerikanischen) Soldaten nach-weisen lässt. Abgereichertes Uran wird und wurde als Kern in zahlreichen Geschossen verwendet, da es ihnen aufgrund der hohen Dichte des Urans eine erhöhte Durchschlagskraft verleiht. Der Uranstaub, der bei der Detonation beziehungsweise dem Einschlagen der Geschosse freigesetzt wird, steht im Verdacht - wenn eingeatmet - die Gesundheit von Zivilbevölkerung und Soldaten zu schädigen.

... mehr zu:
»Isotop »Uran »Urin


Abgereichertes Uran (Depleted Uranium) fällt als Abfallprodukt beim Herstellungs- und Wiederaufbereitungsprozess von reaktorfähigem Uran an und behält dabei etwa 60 Prozent seiner Radioaktivität. Im Vergleich zu natürlichem Uran ist es abgereichert an U-235 und U-234; wobei die U-235 und U-234-Anteile in natürlichem Uran ohnehin nur 0,7 bzw. 0,006 Prozent in der Natur ausmachen; (quantitativ) bedeutendstes der drei natürlichen Isotope ist das U-238. Natürliches Uran kommt in der Natur vorwiegend gebunden im Kristallgitter von Mineralien vor, aus dem es sich nur schwer herauslösen lässt. Der Mensch nimmt es in kleinsten Mengen (ppm; parts per million bzw. parts per billion = milliardstel) über die Nahrung oder beim Trinken auf. Weniger als 1 Prozent davon gelangt in den Blutkreislauf, aus dem es zu über 90 Prozent innerhalb der ersten 24 Stunden wieder mit dem Urin ausgeschieden wird. Normale Uran-Konzentrationen im Urin sind häufig so niedrig (wenige ppt, parts per trillion = billionstel), dass sie unterhalb der Nachweisgrenze der meisten Bestimmungsmethoden liegen.

Im Golfkrieg I und II, aber auch im Kosovokonflikt, wurde die als gesundheitsgefährdend eingeschätzte Munition mit abgereichertem Uran vielfach eingesetzt. Kritiker bemängelten, dass bisherige Untersuchungen die Gefahr verharmlosten und das Problem bagatellisierten. Offiziell wurde erklärt, dass sich das abgereicherte Uran kaum oder gar nicht in der Umwelt und erst recht nicht im Urin von Menschen nachweisen lasse, es sei denn, die Kontamination erfolge über eine Wunde.

Dr. Axel Gerdes, Forscher am Institut für Mineralogie der Univer-sität, hat eine Methodik zur Bestimmung der Uran-Isotopenszusammensetzung im Urin am NERC (Natural Environment Research Council) Isotopenlabor in Nottingham mitentwickelt und kann jetzt aufgrund der apparativen Ausstattung in Frankfurt noch kleinere Anteile abgereicherten Urans in biologischen und geologischen Proben exakter bestimmen, als dies bisher in anderen Laboren weltweit möglich war.

Neue Reinstluftlabore in Frankfurt und ein modernes Multikollektor-Massenspektrometer vom Typ Neptune des Herstellers ’Thermo-Finnigan’, Bremen, erlauben die gleichzeitige Analyse verschiedener Isotope eines oder mehrerer Elemente über den enormen Konzentrationsbereich von 1 x 10-7 bis 2 x 10-16 Gramm/Milliliter). Neben den drei natürlichen Isotopen lässt sich auch das im Kernreaktor entstandene U-236 im Urin in vorher noch nicht nachweisbar kleinen Mengen (0.5 x 10-15 bis 150 x10-15 Gramm/Liter bzw. 0.5 bis 150 Femtogramm/Liter) belegen.

Mit der Untersuchung der Proben wurde Dr. Gerdes durch das Uranium Medical Research Center, Toronto, beauftragt. Die privat finanzierte Forschungseinrichtung, die von einem ehemaligen Arzt der amerikanischen Armee gegründet wurde, hatte die Entnahme von Bodenproben so wie Urin-Proben der Zivilbevölkerung im Irak im vergangenen September (ohne offiziellen Auftrag) veranlasst. Die Urinproben der amerikanischen Armeeangehörigen wurden von der Tageszeitung New York Daily News beschafft und die Analyse am Frankfurter Institut in Auftrag gegeben. Trotz der in den Urin-Proben nach gewiesenen geringen Mengen - nur 0.2 bis etwa 10 Prozent des gesamten Urans (1.1 bis 65.3 Nanogramm/Liter) im Urin repräsentieren abgereichertes Uran - lassen sich daraus noch keine abschließenden Wertungen hinsichtlich des gesundheitlichen Gefährdungspotenzials ableiten; dies bedarf weiterer Untersuchungen.

Denn wenn die Uranpartikel durch Inhalation von Staub in die Lunge aufgenommen werden, dann lässt der Urintest nur bedingt eine Abschätzung des Ausmaßes der eingeatmeten Menge zu. Diese unter sehr hohen Temperaturen gebildeten Partikel sind nahezu unlöslich in der Lungenflüssigkeit und verbleiben daher möglicherweise über Jahrzehnte im Körper. Die radioaktive Wirkung des Urans, die äußerlich eher vernachlässigbar ist, hat im Inneren des Körpers eine andere Qualität, da die beim Zerfall entstehenden Alphateilchen sehr energiereich sind und direkt und über lange Zeit auf das Gewebe einwirken können.

Kontakt:

Dr. Axel Gerdes
Mineralogisches Institut der Universität
Petrologie & Geochemie
Senckenberganlage 28, 60325 Frankfurt
Tel.: 069-798 28711, Fax: -28066
E-Mail: gerdes@em.uni-frankfurt.de.

TV: Der Arzt und die verstrahlten Kinder von Basra, TV-Reportage des WDR, am 26.04.2004, 22.30 - 23.15 Uhr, Sender West3; Wiederholung 28. April um 10.15 Uhr.

Die Reportage wurde zum Teil in den Laboren des Mineralogischen Instituts gedreht und enthält ein Interview mit dem für die Untersuchungen verantwortlichen Mitarbeiter Dr. Axel Gerdes.

Dr. Ralf Breyer | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-frankfurt.de

Weitere Berichte zu: Isotop Uran Urin

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Diabetesforschung: Neuer Mechanismus zur Regulation des Insulin-Stoffwechsels gefunden
06.12.2016 | Universität Osnabrück

nachricht Was nach der Befruchtung im Zellkern passiert
06.12.2016 | Helmholtz Zentrum München - Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Im Focus: Significantly more productivity in USP lasers

In recent years, lasers with ultrashort pulses (USP) down to the femtosecond range have become established on an industrial scale. They could advance some applications with the much-lauded “cold ablation” – if that meant they would then achieve more throughput. A new generation of process engineering that will address this issue in particular will be discussed at the “4th UKP Workshop – Ultrafast Laser Technology” in April 2017.

Even back in the 1990s, scientists were comparing materials processing with nanosecond, picosecond and femtosesecond pulses. The result was surprising:...

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Im Focus: Shape matters when light meets atom

Mapping the interaction of a single atom with a single photon may inform design of quantum devices

Have you ever wondered how you see the world? Vision is about photons of light, which are packets of energy, interacting with the atoms or molecules in what...

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Innovationen für eine nachhaltige Forstwirtschaft

06.12.2016 | Agrar- Forstwissenschaften

Diabetesforschung: Neuer Mechanismus zur Regulation des Insulin-Stoffwechsels gefunden

06.12.2016 | Biowissenschaften Chemie

Was nach der Befruchtung im Zellkern passiert

06.12.2016 | Biowissenschaften Chemie