Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Kaltwasser-Korallenriffe - Leben am Ökologischen Limit

04.12.2003


Das Expeditionsgelände des Forschungsschiffs Alkor und die untersuchten Riffe. Zwei davon waren bereits bekannt. Abbildungen: Institut für Paläontologie


Bizzare Geodia-Schwämme besiedeln tote Riffe, die durch die Bodenanhebung in die Brackwasserzone geraten sind.


Unter ungewöhnlichen und ungemütlichen Bedingungen wachsen Kaltwasserriffe, die vor kurzem im norwegisch-schwedischen Grenzgebiet im Skagerrak neu entdeckt wurden. Teilnehmer einer Expedition mit dem Kieler Forschungsschiff Alkor fanden Ansiedlungen der weißen Lophelia, die als Tiefseekoralle bekannt ist und noch in 1.000 Metern Meerestiefe gut gedeiht, in einem Bereich von nur 80 bis 120 Metern unter der Meeresoberfläche, wo das Leben für diese Blumentiere nicht einfach ist. Mit an Bord des Schiffs waren Prof. Dr. André Freiwald vom Institut für Paläontologie der Universität Erlangen-Nürnberg und seine Mitarbeiter, die an einem internationalen Verbundprojekt der Europäischen Forschungsgemeinschaft beteiligt sind.

... mehr zu:
»Riff

Untersuchungsgebiet war die kaum erforschte Schärenlandschaft am Eingang des Oslo-Fjordes. Die Gletscher der letzten Eiszeit hinterließen hier eine bizarre Landschaft über und unter dem Meeresspiegel mit unzähligen, bis heute nur wenig kartierten Untiefen. Stürmisches Wetter hätte dem schwedisch-deutschen Forscherteam in den engen Fahrwassern sehr zu schaffen machen können. Trotz der späten Jahreszeit erlaubte das Klima jedoch Arbeiten in der schwimmenden Forschungsstation rund um die Uhr. Mit einem Fächerecholot wurde der Meeresboden in der Hoffnung abgetastet, die für Korallenriffe typischen Strukturen abzubilden, denn Fischer hatten wiederholt von lebenden Korallen in ihren Netzen berichtet.

Tatsächlich tauchten auf dem Computermonitor regelmäßige langgesteckte Formen auf, ähnlich denen, die Prof. Freiwald an vielen Stellen der Tiefsee am nordwesteuropäischen Kontinentalrand gefunden hatte - nur diesmal in viel geringeren Tiefen. Ein mit Kamera ausgestatteter Tauchroboter bestätigte die Vermutung: es handelte sich um Siedlungen von lebenden Korallen. Drei solcher Riffe entdeckte die Besatzung der Alkor im Skagerrak. Mit Greifinstrumenten, die Proben sammelten, und Sonden zur Wasseranalyse vervollständigten die Forscher ihre Informationen.


Die Lophelia-Kolonien haben nur einen äußerst engen Lebensraum zur Verfügung. Brackwasser aus der Ostsee, das unverträglich für die Korallen ist, fließt als obere Strömung in Richtung Atlantik. Es wirkt wie ein Deckel an der Meeresoberfläche. Darunter ragt eine dünne Wasserzunge als Tiefenstrom vom atlantischen Ozean in das Skagerrak hinein. Nur in dieser schmalen Nische können die Kaltwasserkorallen siedeln.

Das Leben der Korallen am ökologischen Limit hat mit erdgeschichtlichen und klimatischen Veränderungen zu tun. Vor etwa 10.000 Jahren schmolz der skandinavische Eispanzer vergleichsweise rasch ab. Infolgedessen hob sich der Untergrund des Oslo-Region um fast einen Kilometer. Die lebenden Riffe stiegen mit dem Meeresboden nach oben. Wenn diese Tendenz anhält, bedeutet dies das Ende der Korallen im Oslo-Fjord - nicht durch menschliche Eingriffe bedingt, sondern durch eine geologische Entwicklung. Bereits abgestorbene Riffkomplexe, von riesigen Schwämmen überzogen, zeigen, wie dieses Ende aussehen könnte.

André Freiwald und seine Mitarbeiter sind sicher, dass die Proben, die im Verlauf der Expedition genommen wurden, helfen werden, die spannende Geschichte eines Riffgebiets vom Ausgang der letzten Eiszeit bis zum natürlichen Vergehen zu entschlüsseln. Bilder von der Fahrt der Alkor und weitere Einzelheiten sind im Internet abrufbar.

Weitere Informationen: Prof. Dr. André Freiwald, Institut für Paläontologie, Tel.: 09131/85 -26959, Email: andre.freiwald@pal.uni-erlangen.de

Gertraud Pickel | idw
Weitere Informationen:
http://www.cool-corals.de
http://www.geol.uni-erlangen.de/pal/

Weitere Berichte zu: Riff

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Auf der Suche nach Universal-Grippeimpfstoffen – Neuraminidase unterschätzt?
21.06.2018 | Paul-Ehrlich-Institut - Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel

nachricht Organische Kristalle mit Twist und Selbstreparatur
21.06.2018 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Innovative Handprothesensteuerung besteht Alltagstest

Selbstlernende Steuerung für Handprothesen entwickelt. Neues Verfahren lässt Patienten natürlichere Bewegungen gleichzeitig in zwei Achsen durchführen. Forscher der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) veröffentlichen Studie im Wissenschaftsmagazin „Science Robotics“ vom 20. Juni 2018.

Motorisierte Handprothesen sind mittlerweile Stand der Technik bei der Versorgung von Amputationen an der oberen Extremität. Bislang erlauben sie allerdings...

Im Focus: Temperaturgesteuerte Faser-Lichtquelle mit flüssigem Kern

Die moderne medizinische Bildgebung und neue spektroskopische Verfahren benötigen faserbasierte Lichtquellen, die breitbandiges Laserlicht im nahen und mittleren Infrarotbereich erzeugen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien Jena (Leibniz-IPHT) zeigen in einer aktuellen Veröffentlichung im renommierten Fachblatt Optica, dass sie die optischen Eigenschaften flüssigkeitsgefüllter Fasern und damit die Bandbreite des Laserlichts gezielt über die Umgebungstemperatur steuern können.

Das Besondere an den untersuchten Fasern ist ihr Kern. Er ist mit Kohlenstoffdisulfid gefüllt - einer flüssigen chemischen Verbindung mit hoher optischer...

Im Focus: Temperature-controlled fiber-optic light source with liquid core

In a recent publication in the renowned journal Optica, scientists of Leibniz-Institute of Photonic Technology (Leibniz IPHT) in Jena showed that they can accurately control the optical properties of liquid-core fiber lasers and therefore their spectral band width by temperature and pressure tuning.

Already last year, the researchers provided experimental proof of a new dynamic of hybrid solitons– temporally and spectrally stationary light waves resulting...

Im Focus: Revolution der Rohre

Forscher*innen des Instituts für Sensor- und Aktortechnik (ISAT) der Hochschule Coburg lassen Rohrleitungen, Schläuchen oder Behältern in Zukunft regelrecht Ohren wachsen. Sie entwickelten ein innovatives akustisches Messverfahren, um Ablagerungen in Rohren frühzeitig zu erkennen.

Rückstände in Abflussleitungen führen meist zu unerfreulichen Folgen. Ein besonderes Gefährdungspotential birgt der Biofilm – eine Schleimschicht, in der...

Im Focus: Überdosis Calcium

Nanokristalle beeinflussen die Differenzierung von Stammzellen während der Knochenbildung

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universitäten Freiburg und Basel haben einen Hauptschalter für die Regeneration von Knochengewebe identifiziert....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Leben im Plastikzeitalter: Wie ist ein nachhaltiger Umgang mit Plastik möglich?

21.06.2018 | Veranstaltungen

Kongress BIO-raffiniert X – Neue Wege in der Nutzung biogener Rohstoffe?

21.06.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen im August 2018

20.06.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Der “Stein von Rosetta” für aktive Galaxienkerne entschlüsselt

21.06.2018 | Physik Astronomie

Schneller und sicherer Fliegen

21.06.2018 | Informationstechnologie

Innovative Handprothesensteuerung besteht Alltagstest

21.06.2018 | Innovative Produkte

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics