Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neue Ordnung im Insektenreich

04.11.2003


Zoologen der Universität Jena untersuchen die Verwandtschaft einer neu beschriebenen Insektenordnung


Weibchen einer noch unbeschriebenen Art der neuen Insektenordnung Mantophasmatodea (Foto: Predel, Uni Jena)


Dr. Roth (l.) und Dr. Predel mit dem Objekt ihrer Begierde im Zuchtraum für andere Schreckenarten. (Foto: Günther, Uni Jena)



Mehr als 40 lebende Exemplare einer erst im vergangenen Jahr beschriebenen Insektenordnung haben Zoologen der Universität Jena jetzt von einer Exkursion aus Südafrika mitgebracht. Die Jenaer Zoologen gehören einem internationalen Team von Wissenschaftlern an, welches die Verwandtschaftsverhältnisse dieser neu entdeckten Tiere klären soll. "Seit 1914 ist keine neue Ordnung mehr entdeckt worden," unterstreicht PD Dr. Reinhard Predel die Bedeutung der Forschung. Der Wissenschaftler von der Arbeitsgruppe der Sächsischen Akademie der Wissenschaften, die an der Friedrich-Schiller-Universität beheimatetet ist, weiß: "Neue Arten von Insekten werden oft entdeckt. Das Auffinden einer neuen Ordnung nach fast 90 Jahren ist hingegen eine Sensation." Die Ordnung steht in der Systematik über der Art, Gattung und der Familie.



"Als die neue Ordnung 2002 erstmals in der Fachzeitschrift "Science" beschrieben wurde, hatte man noch keine lebenden Tiere gefunden", so Predel. Inzwischen wurden im Gebiet der sukkulenten Karroo, nördlich von Kapstadt, mehrere Arten entdeckt. "Das Gebiet, in dem auch wir fündig geworden sind, gilt als biodiverser Hot-Spot", sagt Predels Mitarbeiter Dr. Steffen Roth. So bezeichnen die Fachleute kleine Gebiete, die aufgrund besonderer klimatischer und geologischer Bedingungen eine extrem hohe Artenvielfalt aufweisen. Da die Forschung an in "Hot-Spots" verbreiteten Insekten für die Erhaltung der Artenvielfalt der Welt sehr wichtig ist, fördert der World Wildlife Fond (WWF) das Projekt, das die Jenaer Zoologen gemeinsam mit Partnern in Südafrika, Japan, Deutschland und den USA bearbeiten.

Predel, der die südafrikanischen Wissenschaftler von Forschungsaufenthalten an der Universität Kapstadt kennt, interessiert sich für die Evolution des Hormonsystems. Insbesondere für die Neuropeptide. Diese kurzen Eiweißfragmente stellen die Mehrzahl der Botenstoffe im tierischen Organismus. "Die Analyse von Neuropeptiden bietet sich für Verwandtschaftsuntersuchungen an, weil unterschiedliche Organismengruppen spezifische Neuropeptide enthalten. Die Reihenfolge der Aminosäuren aus denen die Peptide aufgebaut sind, können wir mit modernsten massenspektrometrischen Methoden relativ schnell ermitteln", berichtet Predel. "Erste Untersuchungen bestätigen, dass die von uns gesammelten Tiere verschiedene Arten innerhalb der neuen Ordnung repräsentieren." Nun sollen die Daten zur Neuropeptidausstattung mit denen anderer Insektenordnungen verglichen werden. So kann festgestellt werden, ob die neue Ordnung wirklich eine Zwischenstellung zwischen den Gottesanbeterinnen (Mantodea) und den Gespenstschrecken (Phasmida) einnimmt, wie der wissenschaftliche Name Mantophasmatodea suggeriert.

Da die neu entdeckten Tiere winteraktiv sind, wurde die Exkursion im Südafrikanischen Winter durchgeführt. "Die zu diesem Zeitpunkt etwa 2-cm-großen räuberischen Insekten zeigten keinerlei Fluchtreflex und ließen sich relativ leicht ins nasskalte Jena entführen", berichtet Dr. Roth. Neben den Forschungen am Hormonsystem werden die mitgebrachten Tiere natürlich intensiv beobachtet. "Lässt man die ungeflügelten Insekten fallen, landen sie, ähnlich einer Katze, immer auf ihren Beinen. Trotz ihrer großen Augen scheinen sich die Tiere bei der Partnersuche auch auf Klopfsignale zu stützen, die sie mit dem Hinterleib auf der jeweiligen Unterlage erzeugen", zeigt Predel eine weitere Besonderheit auf. "Obwohl wir bei unseren Tieren schon mehr als 40stündige Kopulationen verzeichnet haben, schreiten sie in der Gefangenschaft leider nicht zur Eiablage". Deshalb wird es Ende November im Labor in Jena wohl wieder ruhiger werden. Denn dann haben die Tiere ihre natürliche Altersgrenze erreicht.

Kontakt:

PD Dr. Reinhard Predel und Dr. Steffen Roth
Arbeitsgruppe der Sächsischen Akademie an der Universität Jena
Neugasse 23, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 949191
E-Mail: b6prre@pan.zoo.uni-jena.de

Stefanie Hahn | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-jena.de

Weitere Berichte zu: Insekt Insektenordnung Neuropeptide Zoologe

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Wirt oder Gast? Proteomik gibt neue Aufschlüsse über Reaktion von Rifforganismen auf Umweltstress
23.02.2018 | Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT)

nachricht Wie Zellen unterschiedlich auf Stress reagieren
23.02.2018 | Max-Planck-Institut für molekulare Genetik

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Vorstoß ins Innere der Atome

Mit Hilfe einer neuen Lasertechnologie haben es Physiker vom Labor für Attosekundenphysik der LMU und des MPQ geschafft, Attosekunden-Lichtblitze mit hoher Intensität und Photonenenergie zu produzieren. Damit konnten sie erstmals die Interaktion mehrere Photonen in einem Attosekundenpuls mit Elektronen aus einer inneren atomaren Schale beobachten konnten.

Wer die ultraschnelle Bewegung von Elektronen in inneren atomaren Schalen beobachten möchte, der benötigt ultrakurze und intensive Lichtblitze bei genügend...

Im Focus: Attoseconds break into atomic interior

A newly developed laser technology has enabled physicists in the Laboratory for Attosecond Physics (jointly run by LMU Munich and the Max Planck Institute of Quantum Optics) to generate attosecond bursts of high-energy photons of unprecedented intensity. This has made it possible to observe the interaction of multiple photons in a single such pulse with electrons in the inner orbital shell of an atom.

In order to observe the ultrafast electron motion in the inner shells of atoms with short light pulses, the pulses must not only be ultrashort, but very...

Im Focus: Good vibrations feel the force

Eine Gruppe von Forschern um Andrea Cavalleri am Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie (MPSD) in Hamburg hat eine Methode demonstriert, die es erlaubt die interatomaren Kräfte eines Festkörpers detailliert auszumessen. Ihr Artikel Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, nun online in Nature veröffentlich, erläutert, wie Terahertz-Laserpulse die Atome eines Festkörpers zu extrem hohen Auslenkungen treiben können.

Die zeitaufgelöste Messung der sehr unkonventionellen atomaren Bewegungen, die einer Anregung mit extrem starken Lichtpulsen folgen, ermöglichte es der...

Im Focus: Good vibrations feel the force

A group of researchers led by Andrea Cavalleri at the Max Planck Institute for Structure and Dynamics of Matter (MPSD) in Hamburg has demonstrated a new method enabling precise measurements of the interatomic forces that hold crystalline solids together. The paper Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, published online in Nature, explains how a terahertz-frequency laser pulse can drive very large deformations of the crystal.

By measuring the highly unusual atomic trajectories under extreme electromagnetic transients, the MPSD group could reconstruct how rigid the atomic bonds are...

Im Focus: Verlässliche Quantencomputer entwickeln

Internationalem Forschungsteam gelingt wichtiger Schritt auf dem Weg zur Lösung von Zertifizierungsproblemen

Quantencomputer sollen künftig algorithmische Probleme lösen, die selbst die größten klassischen Superrechner überfordern. Doch wie lässt sich prüfen, dass der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Von festen Körpern und Philosophen

23.02.2018 | Veranstaltungen

Spannungsfeld Elektromobilität

23.02.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2018

21.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vorstoß ins Innere der Atome

23.02.2018 | Physik Astronomie

Wirt oder Gast? Proteomik gibt neue Aufschlüsse über Reaktion von Rifforganismen auf Umweltstress

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Wie Zellen unterschiedlich auf Stress reagieren

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics