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Entfesselte Stammzellen

02.10.2003


Knapp ein Drittel aller Patienten mit der "akuten myeloischen Leukämie" erwirbt eine ganz bestimmte Mutation im Erbgut, hat Christian Thiede von der Universität Dresden herausgefunden. Seine Arbeiten werden mit einem Graduierten-Stipendium der Novartis-Stiftung für therapeutische Forschung prämiert.



Die Signalwege von Molekülen und Zellen bei der Krebsentstehung zu entschlüsseln, gehört zu den herausragenden Leistungen und Aufgaben der Tumormedizin. Das gilt auch für die "akute myeloische Leukämie". Tatsächlich ist bei einem von drei Patienten ein Gen für einen entscheidenden molekularen Schalthebel des Zellwachstums krankhaft verändert, wie Christian Thiede vom Universitätsklinikum Dresden herausgefunden hat. Die Entdeckung bietet womöglich neue Perspektiven für Diagnose und Therapie der schweren Erkrankung. Deshalb bekommt der 36-jährige jetzt ein Graduiertenstipendium der Nürnberger Novartis-Stiftung für therapeutische Forschung.

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Im Erwachsenenalter besonders häufig, erkranken an der akuten myeloischen Leukämie (AML) jährlich etwa 2500 Bundesbürger. Sie ist eine Erkrankung der Blut bildenden Stammzellen im Knochenmark, die sich unentwegt weißen und roten Blutkörperchen und den Blutplättchen spezialisieren. Den Reifungs- und Vermehrungsprozess steuern etliche Gene der Stammzellen, so dass in einem fein tarierten Gleichgewicht nur so viele reife Blutkörperchen wie nötig aus dem Knochenmark in den Kreislauf einwandern. Durch bislang unbekannte Ursachen können sich diese Gene im Laufe des Lebens verändern, worauf die entarteten funktionsuntüchtigen Stammzellen sich explosionsartig vermehren und das Blut durchfluten.

Die so genannte FLT3-Rezeptor-Tyrosinkinase "gilt seit kurzem als ein entscheidender Schalthebel im Tumorgeschehen der AML", sagt Christian Thiede. Dieses Protein sitzt in der umhüllenden "Membran" der Stammzellen und leitet über einen komplizierten Kommunikationsweg ein Wachstumssignal ins Zellinnere. Folge im gesunden Organismus: Die Stammzelle reift heran und vermehrt sich kontrolliert. Doch fast ein Drittel aller AML-Patienten tragen ein mutiertes Gen für das Protein in ihren Stammzellen, wie Thiede an über 1000 Erkrankten ermittelt hat. "Es ist die häufigste Mutation überhaupt bei dieser Leukämie", so der Dresdener Krebsmediziner. Resultat: Die Zellen erhalten einen unendlichen Wachstumsbefehl - ohne Kontrolle.

Thiede hat zwei verschiedene Veränderungen im Gen für FLT-3 beschrieben. Patienten mit der weitaus häufigeren dieser Mutationen sprechen auf die derzeit übliche Chemotherapie kaum an. Interessanterweise haben die Patienten zu Beginn der Erkrankung noch ein gesundes FLT-3-Gen auf einem bei beiden Chromosomen der Stammzellen. Etwa jeder fünfte Kranke verliert auch dieses mit der Zeit, worauf sich das Leiden verschlimmert. Der Stiftungs-Preisträger will jetzt herausfinden, warum das bei diesen Hochrisikopatienten passiert.

Die Dresdener Tumorspezialisten unter Leitung von Gerhard Ehninger sind zudem an einer neuen Therapiestudie beteiligt. Dabei wird ein innovatives Medikament namens PKC-412 getestet, das den unendlichen Wachstumsbefehl aufheben soll. In einer ersten US-amerikanischen Studie an 14 Patienten im fortgeschrittenen Stadium verringerten die Pillen bei zwölf die Anzahl der Leukämie-Zellen im Blut um mehr als die Hälfte. Bei zwei Patienten verschwanden sie sogar ganz. Zwar setzt PKC-412 am FLT-3-Rezeptor an, doch "wissen wir nicht, ob die Substanz auch über andere Signalwege in der Zelle wirkt", betont Thiede. Auch das will der Krebsmediziner jetzt mit modernen molekularbiologischen Verfahren beleuchten, um neue gezielte Therapien zu ermöglichen.

Die Novartis-Stiftung für therapeutische Forschung in Nürnberg gehört zu den ältesten und größten Unternehmensstiftungen in Deutschland. Ihr Stiftungsvolumen umfasst jährlich etwa 650.000 Euro.

Die Novartis AG (NYSE: NVS) ist ein weltweit führendes Unternehmen in den Bereichen Pharma und Consumer Health. Im Jahr 2002 erzielte der Konzern einen Umsatz von USD 20,9 Milliarden und einen Reingewinn von USD 4,7 Milliarden. Der Konzern investierte rund USD 2,8 Milliarden in Forschung und Entwicklung. Novartis hat ihren Sitz in Basel (Schweiz). Die Novartis Konzerngesellschaften beschäftigen rund 77.200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in über 140 Ländern.

Philipp Kressirer | idw
Weitere Informationen:
http://www.novartis.de

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