Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Genveränderungen bei Schilddrüsentumoren

20.08.2003


Veränderungen eines Gens von Chromosom 2 sind für die Entstehung außerordentlich häufiger Tumoren der Schilddrüse verantwortlich wie ein Wissenschaftler-Team der Universität Bremen unter Leitung des Humangenetikers Professor Jörn Bullerdiek mitteilt. Die Entdeckung dieser Genveränderung, von der allein in Deutschland schätzungsweise eine Million Menschen betroffen sind, lässt wichtige Verbesserungen bei der Diagnose und Behandlung von Erkrankungen der Schilddrüse erwarten und hat daher auch international große Resonanz gefunden.


Unter Leitung des Bremer Humangenetikers Professor Jörn Bullerdiek wurde ein Gen auf Chromosom 2 als verantwortlich bei Schilddrüsentumoren identifiziert


THADA - so nannten die Bremer Forscher das neu entdeckte Gen.



Vergrößerungen und Tumoren ("Knoten") der Schilddrüse sind zwar extrem häufig, es ist aber noch wenig darüber bekannt, wie es zu diesen Erkrankungen kommt. "Seit etwa 15 Jahren wissen wir, dass bestimmte Chromosomenveränderungen bei Schilddrüsentumoren regelmäßig vorkommen, die entscheidende Frage nach dem Zusammenhang zwischen den Chromosomenveränderungen und der Tumorentstehung konnten wir jedoch bisher nicht beantworten." erläutert Jörn Bullerdiek. "Genau dieser Frage haben wir uns daher angenommen. Wir wollten Gene suchen, die mit der Entstehung von Schilddrüsentumoren in Zusammenhang stehen. Wie Markierungen auf einer alten Schatzkarte haben uns die Chromosomenveränderungen dabei die Gegend im menschlichen Genom gezeigt, in der sich eine Suche nach solchen Genen lohnte." Auf Chromosom 2 wurden die Bremer Humangenetiker jetzt fündig; dem entdeckten Gen gaben sie den Namen THADA ("thyroid adenoma associated"). Veränderungen des THADA-Gens sind offenbar charakteristisch für eine bestimmte Gruppe von Adenomen, d.h. gutartigen Tumoren der Schilddrüse.



Als Laie denkt man bei dem Wort Gene immer zuerst an Vererbung, d.h. an Genveränderungen, auch als Mutationen bezeichnet, die innerhalb von Familien weitergegeben werden und bei ihren Trägern Erkrankungen auslösen können. Mutationen müssen aber weder vererbt sein noch in allen Zellen der betroffenen Personen auftreten. Während des ganzen Lebens entstehen in menschlichen Geweben und Organen mutierte Zellen. Je nach Art der Mutation kann es ausgehend von solchen Zellen zur Tumorentstehung kommen. Dies ist auch beim THADA-Gen der Fall: Die Chromosomenveränderung ereignet sich irgendwann während des Lebens in einer Zelle der Schilddrüse und führt dort zu einem verkürzten Gen. Damit verändert sich auch die Funktion des von dem Gen kodierten Proteins, offenbar ein entscheidender Vorgang bei der Entstehung der Tumoren.

Welche Konsequenzen kann die Entdeckung des neuen Gens in der Praxis haben? Professor Ulrich Bonk, Direktor des Zentrums für Pathologie am Zentralkrankenhaus St. Jürgen Straße und einer der an der Entdeckung von THADA beteiligten Wissenschaftler, gibt Auskunft: "Schilddrüsenadenome bilden eine große Gruppe von Gewebeveränderungen, die wir mit unseren herkömmlichen Methoden nicht ausreichend differenzieren und teilweise auch nicht von bösartigen Tumoren, den follikulären Karzinomen, unterscheiden können.
Mit dem THADA-Gen haben wir jetzt einen wichtigen Marker in der Hand, mit dem wir eine bestimmte Adenom-Form erkennen können. Dies wird in naher Zukunft helfen, die Diagnose von Schilddrüsen-Erkrankungen zu verbessern und Befunde bereits vor anstehenden Operationen besser einordnen zu können."

Wann kommen die Erkenntnisse Patienten zugute? Während mögliche Anwendungen in der Therapie sicher nicht vor 5-7 Jahren erwartet werden können, sind Bullerdiek und Bonk überzeugt, dass sie bei der Diagnose wesentlich schneller zum Ziel kommen werden: "Innerhalb eines Jahres soll ein entsprechendes diagnostisches Werkzeug verfügbar sein". Günstige Voraussetzung: Mit der innoWi GmbH, der Vermarktungsgesellschaft der Hochschulen des Landes Bremen und der Bremer Investitions-Gesellschaft mbH steht ein Team bereit, das den Wissenschaftlern helfen wird, kompetente Partner für die zügige Umsetzung ihrer Erkenntnisse in die Praxis zu finden. Dr. Anja Turkowsky, Geschäftsführerin der innoWi, ist bei THADA vom schnellen Erfolg überzeugt: "Forschungsergebnisse brauchen oft lange, bis sie ihren Weg in die praktische Umsetzung finden. Bei THADA ist dies anders. Es haben bereits jetzt zwei Diagnostik-Firmen großes Interesse bekundet. Mit beiden stehen wir in Verhandlungen und sind zuversichtlich, diese bald zum Abschluss zu bringen."

Kontakt:

Prof. Dr. Jörn Bullerdiek
Zentrum für Humangenetik der Universität Bremen (ZHG)
Leobener Str. ZHG
Tel./Fax: 0421-218 4239
E-Mail: bullerd@uni-bremen.de

Angelika Rockel | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bremen.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Aus der Moosfabrik
20.10.2017 | Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau

nachricht Wie Fettleibigkeit Brustkrebs aggressiver macht
20.10.2017 | Helmholtz Zentrum München - Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Im Focus: Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt

Eine gemeinsame Studie der Universität Bern und des Inselspitals Bern zeigt, dass spezielle Bindegewebszellen, die in normalen Blutgefässen die Wände abdichten, bei Lungenkrebs nicht mehr richtig funktionieren. Zusätzlich unterdrücken sie die immunologische Bekämpfung des Tumors. Die Resultate legen nahe, dass diese Zellen ein neues Ziel für die Immuntherapie gegen Lungenkarzinome sein könnten.

Lungenkarzinome sind die häufigste Krebsform weltweit. Jährlich werden 1.8 Millionen Neudiagnosen gestellt; und 2016 starben 1.6 Millionen Menschen an der...

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Im Focus: Neutron star merger directly observed for the first time

University of Maryland researchers contribute to historic detection of gravitational waves and light created by event

On August 17, 2017, at 12:41:04 UTC, scientists made the first direct observation of a merger between two neutron stars--the dense, collapsed cores that remain...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Das Immunsystem in Extremsituationen

19.10.2017 | Veranstaltungen

Die jungen forschungsstarken Unis Europas tagen in Ulm - YERUN Tagung in Ulm

19.10.2017 | Veranstaltungen

Bauphysiktagung der TU Kaiserslautern befasst sich mit energieeffizienten Gebäuden

19.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Aufräumen? Nicht ohne Helfer

19.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Neue Biotinte für den Druck gewebeähnlicher Strukturen

19.10.2017 | Materialwissenschaften

Forscher studieren molekulare Konversion auf einer Zeitskala von wenigen Femtosekunden

19.10.2017 | Physik Astronomie