Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Einblicke in Schlüsselschritte der biologischen Signalübertragung

14.07.2003


Max-Planck-Forschern beobachten erstmals, wie Nervenzellen die Ausschüttung von Vesikeln über einströmendes Kalzium steuern


Beleuchtung der untersten Zellschicht mittels Totalreflexion. Die mit Botenstoff gefüllten Vesikel in dieser Grenzschicht werden zur Fluoreszenz angeregt. Ein zweiter Laserstrahl (zur Vereinfachung hier nicht abgebildet) regt den Farbstoff an, der die Kalziumkonzentration ermittelt.

Foto: Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin


Kalziumkonzentrationsmessung in der Zelle. Der blaue Verlauf stellt die Gesamtkonzentration von Kalzium in der Zelle da, die rote Überlagerung die lokale Kalziumkonzentration einer Mikrodomäne. Dabei ist ein elementarer Kalziumeinstrom als deutliche Spitze sichtbar.

Foto: Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin



Synapsen sind Schnittstellen zwischen Nervenzellen, wo elektrische Impulse in chemische Signale umgewandelt und damit Signale übertragen werden. Durch einen Nervenimpuls werden Vesikel, winzige mit Botenstoffen gefüllte Bläschen, freigesetzt und entleeren ihren Inhalt in die nachgeschaltete Zelle. Eine Forschergruppe des Max-Planck Instituts für experimentelle Medizin (Göttingen) und der École Supérieure de Physique et Chimie (Paris) hat jetzt erstmals direkt beobachtet, wie die Fusion einzelner Vesikel mit der Zellmembran durch eine lokale Erhöhung der Kalziumkonzentration gesteuert wird. In der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift "Nature Neuroscience" berichten die Wissenschaftler, dass Kalziumeinstrom und Vesikel nur weniger als einen Millonstel Meter voneinander entfernt sein dürfen, damit es tatsächlich zu einer Signalübertragung kommt. Zur Überraschung der Forscher führt eine erste Nervenreizung zu einer vorübergehenden Annäherung von Kalziumkanälen und Vesikeln in der Zelle, so dass die nachfolgenden Nervenimpulse eine bessere Chance haben, übertragen zu werden. Die Nervenzelle merkt sich also den ersten Impuls und geht in Position, um weitere Impulse dann mit höchster Effizienz übertragen zu können (Nature Neuroscience, 6. Juli 2003). Diese Einsichten sind von grundlegender Bedeutung für das Verständnis der Signalübertragung im Nervensystem.



Wenn Nervenzellen elektrische Impulse feuern, führt eine erneute Stimulation in kurzem zeitlichen Abstand häufig zu einer erhöhten Ausschüttung von Botenstoffen und damit zu einer verstärkten elektrischen Antwort der nachgeschalteten postsynaptischen Zelle. Wenn wir zum Beispiel erschrecken, setzen neuroendokrine Zellen des Nebennierenmarks große Mengen von Adrenalin in die Blutbahn frei. Unsere Aufmerksamkeit und Reaktionsfähigkeit wird dadurch erhöht. Interessanterweise beruhen diese Vorgänge auf einem sehr ähnlichen Prozess - der kontrollierten Ausschüttung von Botenstoffen durch Freisetzung von Vesikeln.

Neuroendokrine Zellen und Nervenzellen "verpacken" chemische Botenstoffe und Neurotransmitter in winzige, membranumhüllte Speicherbläschen, die Vesikel. Diese Container der Signalübertragung werden im Zellinneren gefüllt und an den Zellrand transportiert, wo sie erst nach einer Stimulation mit der äußeren Zellmembran verschmelzen. Dabei wird ihr Inhalt ausgeschüttet. Während bei der Hormonausschüttung typischerweise Hunderte von Vesikeln freigesetzt werden, bewirkt ein elektrischer Nervenimpuls häufig nur die Freisetzung eines einzelnen Bläschens. Die Fusion dieses Vesikels mit der Zellmembran löst eine kurzzeitige Erhöhung der Kalziumionen-Konzentration im Zellinneren aus. Dieser Anstieg erfolgt über spannungsabhängige Ionenkanäle in der Zellmembran: Durch eine elektrische Stimulation der Zelle öffnen sich diese Kanäle und Kalziumionen strömen ins Zellinnere. Kalzium-Sensormoleküle auf den Vesikeln detektieren diese erhöhte Kalziumkonzentrationen und leiten die Verschmelzung der Vesikel mit der Zellmembran ein.

Doch die Freisetzung der Vesikel erfolgt nicht automatisch: Nicht jede elektrische Erregung setzt ein Vesikel frei, und manche Ausschüttung geschieht spontan, ohne vorherigen Nervenimpuls. Bislang war bekannt, dass ein Vesikel erst dann freigesetzt wird, wenn die Kalziumkonzentration in der Zelle extrem steigt. Die beobachtete "Unzuverlässigkeit" der Datenübertragung ließe sich also dadurch erklären, dass die Kalziumkonzentration in der Nähe einzelner Vesikel unterschiedlich stark ansteigt. Das Kalzium wiederum gelangt durch spannungsabhängige Ionenkanäle, die durch einen elektrischen Nervenimpuls geöffnet werden, in das Zellinnere. Modellrechnungen sagen nun voraus, dass Vesikel vor allem dann freigesetzt werden, wenn sie sich in der Nähe von offenen Kalziumionenkanälen befinden.

Biophysikalische Experimente haben andererseits ergeben, dass sich Zellen vor zu hohen Kalziumkonzentrationen schützen, indem starke Kalziumpuffer den Großteil des einströmenden Kalziums wieder binden. Auf diese Weise begrenzen sie den Anstieg der intrazellulären Kalziumkonzentration räumlich und zeitlich. In Nervenzellen vergeht zwischen einer elektrischen Stimulation und der Freisetzung eines Vesikels weniger als eine tausendstel Sekunde. Diese Tatsache, zusammen mit der starken Abhängigkeit der Vesikelausschüttung von der Kalziumkonzentration, legen die Vermutung nahe, dass Kalziumionenkanäle und Vesikel dicht nebeneinander liegen sollten. Dann führt ein Kalziumeinstrom durch offene Ionenkanäle zu einem sprunghaften Anstieg der Kalziumkonzentration in der unmittelbarer Umgebung des an der Zellmembran verankerten Vesikels. Umgekehrt erklärt dieses Modell der "Kalzium-Mikrodomänen", warum die synaptische Übertragung manchmal auch nicht funktioniert: In diesem Fall sind Vesikel und Ionenkanal zu weit voreinander entfernt, so dass der Kalziumsensor des Vesikels diese Ionen nicht messen kann und die Verschmelzung mit der Zellmembran unterbleibt.

Der deutsch-französischen Forschergruppe ist es nun gelungen, sowohl die winzigen Vesikel und Kalziummikrodomänen als auch die Kalziumkonzentration in unmittelbarer Nähe der Vesikel direkt zu beobachten. Auf diese Weise erhielten die Wissenschaftler einen unmittelbaren Einblick in die Abfolge von Vesikeldynamik, lokalem Kalziumeinstrom und der Freisetzung des Botenstoffs. Für die Beobachtung der Vesikel nutzen die Wissenschaftler einen speziellen optischen Trick: Sie richteten einen Laserstrahl in einem flachen Winkel auf den Objektträger, auf dem sich die zu untersuchende Zelle befand. Durch den flachen Winkel wird der Laserstrahl an der Grenzfläche reflektiert wird (Totalreflexion). Ein Teil des Lichts dringt weniger als einen tausendstel Millimeter in die Zelle ein. Anstatt - wie sonst üblich - die Zelle insgesamt zu beobachten, ist diese Beleuchtung der Zelle auf eine dünne Schicht in unmittelbarer Nähe der Zellmembran beschränkt. Diese "Totalreflexionsmikroskopie" erlaubt es, Vorgänge, die im Kontaktbereich zwischen der Zelle und dem Objektträger stattfinden, also nahe der Zellmembran, gezielt zu beobachten.

Um gleichzeitig die Kalziumkonzentrationen messen zu können, wurden die neuroendokrinen Zellen mit zwei verschiedenen Farbstoffen markiert, die selektiv einerseits das Kalzium und andererseits die Vesikel hervorheben. Auf diese Weise wird bei der Verschmelzung eines Vesikels nicht nur der Botenstoff, sondern auch der Farbstoff ausgeschüttet, so dass eine kleine Farbwolke sichtbar wird (siehe Abbildung 2). Durch diese Kombination aus einem Kalziumfarbstoff, der nur bei sehr hohen Kalziumkonzentrationen sichtbares Fluoreszenzlicht erzeugt, und einer begrenzten Laser-Beleuchtung gelang es den Forschern, einzelne Kalziummikrodomainen als Lichtblitze zu beobachten. Aus dem Vergleich ihres räumlichen und zeitlichen Auftretens mit der Fusion einzelner Vesikel konnten die Wissenschaftler dann bestimmen, wie nahe Kalziumeinstrom und Vesikel beieinander liegen müssen, damit es tatsächlich zu einer Freisetzung des Botenstoffes kommt: 300 Nanometer sind die Grenze, ab der die Signalübertragung zuverlässig funktioniert.

Gleichzeitig beobachteten die Forscher, dass sich Kalziumionenkanäle auch ohne vorherige elektrische Stimulation öffneten, was die eher seltene spontane Ausschüttung von Botenstoffen erklärt. Hingegen öffnet ein elektrischer Nervenimpuls die Kalziumkanäle unmittelbar und erhöht so die Wahrscheinlichkeit der Verschmelzung eines Vesikels mit der Zellmembran. Überraschenderweise scheinen die Zellen selbst diese Abhängigkeit auszunutzen, um die Vesikelfusion präzise zu regeln: Die Forscher stellten fest, dass nach einem Kalziumeinstrom nicht nur die Wahrscheinlichkeit der Vesikelfusion erhöht ist, sondern auch, dass die Vesikel vorübergehend - dem Ort des Kalziumeinstroms näher rückten. Eine erneute elektrische Stimulation hat so in einem begrenzten Zeitfenster eine höhere Chance, übertragen zu werden.

Kontakt:

Max-Planck-Institut für Experimentelle Medizin, Göttingen
Prof. Walter Stühmer
Tel.: 0551 - 3899-646, Fax: -644
E-Mail: wstuehm@gwdg.de

Prof. Walter Stühmer | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.maxplanck.de/instituteProjekteEinrichtungen/institutsauswahl/experimentelle_medizin/index.html

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Ionen gegen Herzrhythmusstörungen – Nicht-invasive Alternative zu Katheter-Eingriff
20.01.2017 | GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung GmbH

nachricht Leibwächter im Darm mit chemischer Waffe
20.01.2017 | Max-Planck-Institut für chemische Ökologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Innovatives Hochleistungsmaterial: Biofasern aus Florfliegenseide

Neuartige Biofasern aus einem Seidenprotein der Florfliege werden am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP gemeinsam mit der Firma AMSilk GmbH entwickelt. Die Forscher arbeiten daran, das Protein in großen Mengen biotechnologisch herzustellen. Als hochgradig biegesteife Faser soll das Material künftig zum Beispiel in Leichtbaukunststoffen für die Verkehrstechnik eingesetzt werden. Im Bereich Medizintechnik sind beispielsweise biokompatible Seidenbeschichtungen von Implantaten denkbar. Ein erstes Materialmuster präsentiert das Fraunhofer IAP auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin vom 20.1. bis 29.1.2017 in Halle 4.2 am Stand 212.

Zum Schutz des Nachwuchses vor bodennahen Fressfeinden lagern Florfliegen ihre Eier auf der Unterseite von Blättern ab – auf der Spitze von stabilen seidenen...

Im Focus: Verkehrsstau im Nichts

Konstanzer Physiker verbuchen neue Erfolge bei der Vermessung des Quanten-Vakuums

An der Universität Konstanz ist ein weiterer bedeutender Schritt hin zu einem völlig neuen experimentellen Zugang zur Quantenphysik gelungen. Das Team um Prof....

Im Focus: Traffic jam in empty space

New success for Konstanz physicists in studying the quantum vacuum

An important step towards a completely new experimental access to quantum physics has been made at University of Konstanz. The team of scientists headed by...

Im Focus: Textiler Hochwasserschutz erhöht Sicherheit

Wissenschaftler der TU Chemnitz präsentieren im Februar und März 2017 ein neues temporäres System zum Schutz gegen Hochwasser auf Baumessen in Chemnitz und Dresden

Auch die jüngsten Hochwasserereignisse zeigen, dass vielerorts das natürliche Rückhaltepotential von Uferbereichen schnell erschöpft ist und angrenzende...

Im Focus: Wie Darmbakterien krank machen

HZI-Forscher entschlüsseln Infektionsmechanismen von Yersinien und Immunantworten des Wirts

Yersinien verursachen schwere Darminfektionen. Um ihre Infektionsmechanismen besser zu verstehen, werden Studien mit dem Modellorganismus Yersinia...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Event News

Sustainable Water use in Agriculture in Eastern Europe and Central Asia

19.01.2017 | Event News

12V, 48V, high-voltage – trends in E/E automotive architecture

10.01.2017 | Event News

2nd Conference on Non-Textual Information on 10 and 11 May 2017 in Hannover

09.01.2017 | Event News

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

21.500 Euro für eine grüne Zukunft – Unserer Umwelt zuliebe

20.01.2017 | Unternehmensmeldung

innovations-report im Interview mit Rolf-Dieter Lafrenz, Gründer und Geschäftsführer der Hamburger Start ups Cargonexx

20.01.2017 | Unternehmensmeldung

Niederlande: Intelligente Lösungen für Bahn und Stahlindustrie werden gefördert

20.01.2017 | Förderungen Preise