Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Die Spermien-Lotterie - wie Stichlinge auf sexuelle Konkurrenten reagieren

02.06.2003


Um den eigenen Fortpflanzungerfolg zu vergrößern, greifen männliche Stichlinge zu einem ungewöhnlichen Trick: Zoologen der Universität Bonn konnten feststellen, dass die Tiere erheblich mehr Spermien über die Eier des Weibchens ausschütten, wenn sich ein möglicher Konkurrent in der Nähe befindet. Die Ergebnisse der Wissenschaftler sind jetzt im Journal of Behavioral Ecology and Sociobiology erschienen.


Stichlinge im Aquarium
Foto: Frank Luerweg



Die Anmache verlief zunächst erfolgreich: Erst zeigte er ihr seinen roten Bauch, dann tanzte er vor ihrer Nase hin und her, schließlich folgte sie ihm zu seinem Nest. Dort massierte er mit sanften Stößen seiner Schnauze ihren Schwanzansatz, bis sie ablaichte und davonschwamm. Nun schlüpfte er selbst ins Nest und ejakulierte über dem Laich. Doch was der Stichling-Mann nicht bemerkt hatte: ein Konkurrent, ein sogenannter "Sneaker" (zu deutsch "Schleicher"), hatte sich verstohlen hinter den beiden hergeschlichen. Sobald das Männchen das Nest verließ, ergriff der Nebenbuhler die Chance beim Schopfe, schwamm ebenfalls über den Laich und besamte ihn mit seinen Spermien. Es gelang ihm, einen Teil der Eier zu befruchten - einige Stichlingskinder würden fortan seine Gene tragen.

... mehr zu:
»Männchen »NEST »Spermien »Stichling


"Evolutiv gesehen sind derartige ’Kuckuckseier’ für den Nestbesitzer mit hohen Kosten verbunden", erklärt der Zoologe Dr. Marc Zbinden, der in Bonn zu diesem Thema promoviert hat und nun an der Universität Fribourg forscht. Denn der Nestinhaber muss sich zwei Wochen lang intensiv um den Laich kümmern, ihm sauerstoffreiches Wasser zufächeln und abgestorbene Eier entfernen, bevor sie von Pilzen besiedelt werden - "ein harter Job, der ihn rund zwei Drittel seiner Zeit kostet." Den gebürtigen Schweizer interessiert, wie das Männchen seinen Fortpflanzungserfolg bei Anwesenheit eines solchen "Schnorrers" optimiert. Er konfrontiert es zu diesem Zweck mit einem virtuellen Konkurrenten - einem computeranimierten Stichling, der von Dr. Reto Künzler an der Universität Bern in Zusammenarbeit mit Zbindens Doktorvater Professor Dr. Theo Bakker entwickelt wurde. Vorteil des e-Stichlings: Aussehen, Größe und Verhalten können im Rechner beliebig verändert werden.

Der Zoologe führte einem Stichling-Männchen einen kurzen Film vor, der entweder einen balzendes Computer-Männchen zeigte oder aber eines bei der Brutpflege. "Während der Brutpflege stellen Männchen keine Gefahr für ihre Artgenossen dar", meint Dr. Zbinden, "dazu haben sie vermutlich gar keine Zeit. Ein Stichling in der Balz ist dagegen ein potenzieller Sneaker." Danach setzte er ein Weibchen zu ihm ins Becken und zählte nach der Besamung die Spermien im Nest. Ergebnis: Zeigte der Film den balzenden Stichling, lag die Spermienzahl nachher im Durchschnitt um 75 Prozent höher, als wenn das brutpflegende Männchen zu sehen war. Mehr Spermien bedeuten aber auch eine höhere Befruchtungsquote: "Bei einer Verlosung hat auch derjenige die größten Erfolgsaussichten, der die meisten Lose kauft." Dass Stichlingsmännchen mit ihren Spermien normalerweise haushälterisch umgehen, hat wahrscheinlich ökonomische Gründe: Weil sie nur im Herbst Spermien produzieren, können sie es sich bei der Balz nicht leisten, unnötig verschwenderisch zu sein.

Ansprechpartner:
Dr. Marc Zbinden
Telefon: 0041/26300-8857
E-Mail: marc.zbinden@unifr.ch

Professor Dr. Theo Bakker
Institut für Evolutionsbiologie und Zooökologie
Universität Bonn
Telefon: 0228/73-5750


Frank Luerweg | idw
Weitere Informationen:
http://link.springer.de/link/service/journals/00265/contents/03/00612/
http://www.uni-bonn.de/Aktuelles/Presseinformationen/2003/184.html

Weitere Berichte zu: Männchen NEST Spermien Stichling

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Software mit Grips
20.04.2018 | Max-Planck-Institut für Hirnforschung, Frankfurt am Main

nachricht Einen Schritt näher an die Wirklichkeit
20.04.2018 | Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Software mit Grips

Ein computergestütztes Netzwerk zeigt, wie die Ionenkanäle in der Membran von Nervenzellen so verschiedenartige Fähigkeiten wie Kurzzeitgedächtnis und Hirnwellen steuern können

Nervenzellen, die auch dann aktiv sind, wenn der auslösende Reiz verstummt ist, sind die Grundlage für ein Kurzzeitgedächtnis. Durch rhythmisch aktive...

Im Focus: Der komplette Zellatlas und Stammbaum eines unsterblichen Plattwurms

Von einer einzigen Stammzelle zur Vielzahl hochdifferenzierter Körperzellen: Den vollständigen Stammbaum eines ausgewachsenen Organismus haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Berlin und München in „Science“ publiziert. Entscheidend war der kombinierte Einsatz von RNA- und computerbasierten Technologien.

Wie werden aus einheitlichen Stammzellen komplexe Körperzellen mit sehr unterschiedlichen Funktionen? Die Differenzierung von Stammzellen in verschiedenste...

Im Focus: Spider silk key to new bone-fixing composite

University of Connecticut researchers have created a biodegradable composite made of silk fibers that can be used to repair broken load-bearing bones without the complications sometimes presented by other materials.

Repairing major load-bearing bones such as those in the leg can be a long and uncomfortable process.

Im Focus: Verbesserte Stabilität von Kunststoff-Leuchtdioden

Polymer-Leuchtdioden (PLEDs) sind attraktiv für den Einsatz in großflächigen Displays und Lichtpanelen, aber ihre begrenzte Stabilität verhindert die Kommerzialisierung. Wissenschaftler aus dem Max-Planck-Institut für Polymerforschung (MPIP) in Mainz haben jetzt die Ursachen der Instabilität aufgedeckt.

Bildschirme und Smartphones, die gerollt und hochgeklappt werden können, sind Anwendungen, die in Zukunft durch die Entwicklung von polymerbasierten...

Im Focus: Writing and deleting magnets with lasers

Study published in the journal ACS Applied Materials & Interfaces is the outcome of an international effort that included teams from Dresden and Berlin in Germany, and the US.

Scientists at the Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR) together with colleagues from the Helmholtz-Zentrum Berlin (HZB) and the University of Virginia...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Internationale Konferenz zur Digitalisierung

19.04.2018 | Veranstaltungen

124. Internistenkongress in Mannheim: Internisten rücken Altersmedizin in den Fokus

19.04.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Juni 2018

17.04.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Grösster Elektrolaster der Welt nimmt Arbeit auf

20.04.2018 | Interdisziplinäre Forschung

Bilder magnetischer Strukturen auf der Nano-Skala

20.04.2018 | Physik Astronomie

Kieler Forschende entschlüsseln neuen Baustein in der Entwicklung des globalen Klimas

20.04.2018 | Geowissenschaften

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics