Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Phytohormone

25.08.2000


Wissenschaftlicher Pressedienst Chemie 35/00 vom 24. August 2000

Phytohormone
Was bewirken Pflanzenhormone beim Menschen?

Hormonähnliche Wirkungen von Umweltchemikalien auf Menschen und Tiere werden seit einigen Jahren diskutiert. Hinweise auf Fehlentwicklungen und Funktionsstörungen der Geschlechtsorgane von Fischen und Alligatoren sowie abnehmende Spermienzahlen bei Männern ließen die Wissenschaft aufhorchen. Dies führte zu verstärkten Forschungsbemühungen, insbesondere über Auswirkungen mancher Industriechemikalien, denen hormonähnliche Wirkungen nachgesagt wurden.

Dabei geriet aber ein Aspekt ein wenig aus den Augen: Auch Pflanzen produzieren hormonähnliche Wirkstoffe, sogenannte Phytohormone. Zu diesen Pflanzen gehören wichtige Nahrungslieferanten wie Soja, so dass größere Mengen Phytohormone auf natürlichem Wege in die Nahrungskette gelangen.

Dies war für das Beratergremium für Altstoffe (BUA) der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) Anlass genug, Phytohormone genauer unter die Lupe zu nehmen. Die ursprüngliche Aufgabe des BUA ist es, Risikobewertungen für Industriechemikalien vorzunehmen. Bis heute wurden 322 Substanzen auf ihre toxikologischen und ökotoxikologischen Eigenschaften hin geprüft. Mit dem nun erschienenen Stoffbericht "Genistein" legt das BUA zum ersten Mal die Bewertung eines Naturstoffs vor.

Genistein ist ein Pflanzenhormon aus der Gruppe der Phytoöstrogene und wurde als Modellsubstanz ausgewählt, weil es in vielen Nahrungspflanzen vorkommt, damit hohe Relevanz für den Menschen hat und weil viele Untersuchungen zu diesem Hormon vorhanden sind. Hohe Genisteinmengen sind in Soja, aber auch z. B. in Erdklee und schwarzen Bohnen enthalten. Wie Studien zeigen, setzt Genistein die Fruchtbarkeit von Schafen und Vögeln herab, so daß vermutet wird, daß sich Pflanzen durch Genistein vor Fraßfeinden mit einer Langfriststrategie schützen.

Ernährungsbedingt nehmen besonders Asiaten und Säuglinge, die mit Sojamilch ernährt werden, hohe Genisteinmengen mit der Nahrung auf. So liegt der Genisteingehalt des Blutes von Japanern 43fach über dem von Finnen, bei Säuglingen mit Sojadiät gar 400fach. Bei diesen beiden Gruppen sollte man mögliche Auswirkungen also am ehesten feststellen können. Es zeigte sich, daß Japanerinnern im Vergleich zu Frauen in westlichen Ländern einen auf durchschnittlich 32 Tage verlängerten Periodenzyklus aufweisen und gleichzeitig ein um 25 Prozent reduziertes Brustkrebsrisiko haben. Beide Erscheinungen können vermutlich auf die Zufuhr von Phytohormonen mit der Nahrung zurückgeführt werden.

Bei Säuglingen mit Sojadiät konnten keinerlei nachteilige Effekte nachgewiesen werden. Diesen wegen der extrem hohen Hormonwerte im Blut zunächst überraschenden Befund erklärten die Wissenschaftler mit der Tatsache, dass sich Embryonen ohnehin in einem stark östrogenhaltigen Milieu entwickeln. Auch vermutete Effekte auf die Fertilität männlicher Nachkommen von Asiatinnen mit traditioneller Ernährung ließen sich nicht nachweisen.

Zusammenfassend kommt das Beratergremium in seinem Stoffbericht zu dem Schluss, dass negative Auswirkungen von Genistein bzw. Phytohormonen auf den Menschen nicht nachweisbar sind, sondern dass im Gegenteil eher gesundheitsfördernde Merkmale, insbesondere durch Verminderung des Brustkrebsrisikos vorzuliegen scheinen. Dennoch wird von einer Einnahme hochdosierter Präparate zur Prävention abgeraten, da die Untersuchungen nicht ausreichen, um unerwünschte Nebenwirkungen mit Sicherheit auszuschließen.

GDCh (Gesellschaft Deutscher Chemiker) (2000), Genistein - Modellstoff zur Beschreibung endokriner Wirkungen von Phytoöstrogenen. BUA-Stoffbericht 222, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft S. Hirzel, Stuttgart, ISBN 3-7776-1037-2, ISSN 0179-2601.

Dr. Kurt Begitt |

Weitere Berichte zu: Genistein Nahrung Phytohormone Säugling

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Bakterieller Untermieter macht Blattnahrung für Käfer verdaulich
17.11.2017 | Max-Planck-Institut für chemische Ökologie

nachricht Neues Werkzeug für gezielten Proteinabbau
17.11.2017 | Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Ultrakalte chemische Prozesse: Physikern gelingt beispiellose Vermessung auf Quantenniveau

Wissenschaftler um den Ulmer Physikprofessor Johannes Hecker Denschlag haben chemische Prozesse mit einer beispiellosen Auflösung auf Quantenniveau vermessen. Bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit kombinierten die Forscher Theorie und Experiment und können so erstmals die Produktzustandsverteilung über alle Quantenzustände hinweg - unmittelbar nach der Molekülbildung - nachvollziehen. Die Forscher haben ihre Erkenntnisse in der renommierten Fachzeitschrift "Science" publiziert. Durch die Ergebnisse wird ein tieferes Verständnis zunehmend komplexer chemischer Reaktionen möglich, das zukünftig genutzt werden kann, um Reaktionsprozesse auf Quantenniveau zu steuern.

Einer deutsch-amerikanischen Forschergruppe ist es gelungen, chemische Prozesse mit einer nie dagewesenen Auflösung auf Quantenniveau zu vermessen. Dadurch...

Im Focus: Leoniden 2017: Sternschnuppen im Anflug?

Gemeinsame Pressemitteilung der Vereinigung der Sternfreunde und des Hauses der Astronomie in Heidelberg

Die Sternschnuppen der Leoniden sind in diesem Jahr gut zu beobachten, da kein Mondlicht stört. Experten sagen für die Nächte vom 16. auf den 17. und vom 17....

Im Focus: «Kosmische Schlange» lässt die Struktur von fernen Galaxien erkennen

Die Entstehung von Sternen in fernen Galaxien ist noch weitgehend unerforscht. Astronomen der Universität Genf konnten nun erstmals ein sechs Milliarden Lichtjahre entferntes Sternensystem genauer beobachten – und damit frühere Simulationen der Universität Zürich stützen. Ein spezieller Effekt ermöglicht mehrfach reflektierte Bilder, die sich wie eine Schlange durch den Kosmos ziehen.

Heute wissen Astronomen ziemlich genau, wie sich Sterne in der jüngsten kosmischen Vergangenheit gebildet haben. Aber gelten diese Gesetzmässigkeiten auch für...

Im Focus: A “cosmic snake” reveals the structure of remote galaxies

The formation of stars in distant galaxies is still largely unexplored. For the first time, astron-omers at the University of Geneva have now been able to closely observe a star system six billion light-years away. In doing so, they are confirming earlier simulations made by the University of Zurich. One special effect is made possible by the multiple reflections of images that run through the cosmos like a snake.

Today, astronomers have a pretty accurate idea of how stars were formed in the recent cosmic past. But do these laws also apply to older galaxies? For around a...

Im Focus: Pflanzenvielfalt von Wäldern aus der Luft abbilden

Produktivität und Stabilität von Waldökosystemen hängen stark von der funktionalen Vielfalt der Pflanzengemeinschaften ab. UZH-Forschenden gelang es, die Pflanzenvielfalt von Wäldern durch Fernerkundung mit Flugzeugen in verschiedenen Massstäben zu messen und zu kartieren – von einzelnen Bäumen bis hin zu ganzen Artengemeinschaften. Die neue Methode ebnet den Weg, um zukünftig die globale Pflanzendiversität aus der Luft und aus dem All zu überwachen.

Ökologische Studien zeigen, dass die Pflanzenvielfalt zentral ist für das Funktionieren von Ökosys-temen. Wälder mit einer höheren funktionalen Vielfalt –...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Technologievorsprung durch Textiltechnik

17.11.2017 | Veranstaltungen

Roboter für ein gesundes Altern: „European Robotics Week 2017“ an der Frankfurt UAS

17.11.2017 | Veranstaltungen

Börse für Zukunftstechnologien – Leichtbautag Stade bringt Unternehmen branchenübergreifend zusammen

17.11.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Technologievorsprung durch Textiltechnik

17.11.2017 | Veranstaltungsnachrichten

IHP präsentiert sich auf der productronica 2017

17.11.2017 | Messenachrichten

Roboter schafft den Salto rückwärts

17.11.2017 | Innovative Produkte