Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Umstellung der Sommerzeit - Auswirkungen auf die Innere Uhr?

26.10.2000


Am Sonntag, 29. Oktober, endet mit dem Zurückstellen der Uhren von 3.00 auf 2.00 Uhr die Sommerzeit. Mit möglichen Auswirkungen der Zeitumstellung beschäftigt sich der nachfolgende Text. Autor ist Professor Dr. med. Dr. h.c. Björn Lemmer, Direktor des Instituts für Pharmakologie und Toxikologie an der Fakultät für Klinische Medizin Mannheim der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Er befasst sich in seiner wissenschaftlichen Arbeit unter anderem mit der Chronobiologie und damit gleichsam mit der "Inneren Uhr" der Lebewesen.

In der Nacht vom 28. auf den 29. Oktober geht die Sommerzeit zu Ende, die Uhr wird um eine Stunde zurückgestellt. Obwohl der Energiespareffekt durch die Einführung der Sommerzeit als äußerst gering eingeschätzt oder gar bezweifelt wird, greift diese abrupte Zeitumstellung in biologische Strukturen aller Lebewesen ein.

Alle Lebewesen - vom Einzeller über die Blumen bis zum Menschen - verfügen über Innere Uhren, die die Körperfunktionen rhythmisch steuern. Beim Menschen befindet sich die Haupt-Uhr in einem bestimmten Kerngebiet des Gehirns, dem Nucleus suprachiasmaticus. Am bekanntesten ist unser innerer Rhythmus in der Körpertemperatur und im Wach-Schlafverhalten. Aber auch die Ausschüttung körpereigener Hormone, die Aufmerksamkeit und die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit unterliegen solchen rhythmischen Abläufen. Ja, sogar das Auftreten von Krankheitssymptomen wie Asthma- oder Angina pectoris Anfälle und des Herzinfarktes ist nicht gleichmäßig häufig über den Tag verteilt, sondern unterliegt voraussagbaren tagesrhythmischen Schwankungen. Heute sind sogar die Gene bekannt, die für die Ausbildung der Inneren Uhren bei verschiedenen Lebewesen - ob Fruchtfliege, Schleimpilz, Hamster oder Mensch - verantwortlich sind.
Innere Uhren haben "vorausschauenden" Charakter, das heißt der Organismus "weiß" bereits nachts, was am nächsten Morgen mit seinen Körperfunktionen passieren wird. Damit kommt den Inneren Uhren eine ganz wesentliche Rolle für eine der äußeren Umwelt angepasste zeitliche Strukturierung der Körperfunktionen zu: Sie helfen allen Lebewesen, sich besser an die Umwelt anzupassen - und damit, besser zu überleben.

Da die Inneren Uhren biologische Nervenstrukturen sind, lassen sie sich nicht sofort umstellen wie eine Armbanduhr. Dies wird für den Menschen deutlich, wenn sich seine Umweltbedingungen schnell ändern, so bei Schichtarbeit, nach Flügen über mehrere Zeitzonen nach Osten oder Westen - dabei tritt die Jet-lag Symptomatik auf - oder auch, wenn die äußeren Uhren im Verhältnis zu den Inneren Uhren des Körpers abrupt umgestellt werden, wie bei der Umstellung auf Sommer- beziehungsweise Winterzeit. Untersuchungen nach transkontinentalen Flügen, zum Beispiel von Frankfurt nach New York über sechs Zeitzonen, haben gezeigt, dass im Durchschnitt sechs Tage vergehen, bis eine Anpassung der Körperrhythmen an die New Yorker Zeit geschehen ist, mit einer erstaunlichen Variation von Mensch zu Mensch zwischen zwei und 17 Tagen. Dies verdeutlicht erneut: Innere Uhren sind lebende Strukturen, die Zeit zur Anpassung an eine Zeitumstellung brauchen.

Von den meisten Menschen wird eine Zeitumstellung von einer Stunde kaum wahrgenommen. Aufgrund der geschilderten großen interindividuellen Empfindlichkeit können jedoch "zeitsensiblere" Personen zwei bis drei Tage brauchen, um den "inneren" Übergang von der Sommer- auf die Winterzeit zu vollziehen. Aus England liegen Daten vor, die nachweisen, dass in den ersten beiden Tagen nach Zeitumstellung vermehrt Verkehrsunfälle zu verzeichnen sind.

Wenig bekannt ist, dass wir vor kaum mehr als hundert Jahren noch im Einklang mit dem Sonnentag lebten. Erst 1893 wurde im Deutschen Reich die einheitliche Zeitzone einer Mitteleuropäischen Zeit eingeführt, vor allem bedingt durch die nun den Kontinent durchquerenden Eisenbahnen. Ein verlässlicher Reisezeitplan bedingte die Abschaffung der lokalen Kirchturmzeit, die der Sonnentag vorgab. Ein Reiseführer der Schweiz (Tschudi’s Schweiz) gibt noch 1888 minutengenau die Uhrzeiten europäischer Großstädte im Vergleich zur den Schweizer Bahnen an. Demnach entspricht 12:00 Uhr in der Schweiz 12:04 in Karlsruhe, 12:07 in Stuttgart, 12:24 in Berlin, 11:58 in Köln und 11:30 in London und 12:54 in Warschau.

So sollten wir auch bei der kleinen Zeitumstellung von der Sommerzeit auf die Winterzeit tolerant mit unseren Inneren Uhren umgehen und deren langsame Umstellung respektieren.

Klaus Wingen | idw

Weitere Berichte zu: Körperfunktionen Lebewesen Sommerzeit Winterzeit Zeitumstellung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Wegbereiter für Vitamin A in Reis
21.07.2017 | Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau

nachricht Pharmakologie - Im Strom der Bläschen
21.07.2017 | Ludwig-Maximilians-Universität München

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Einblicke unter die Oberfläche des Mars

Die Region erstreckt sich über gut 1000 Kilometer entlang des Äquators des Mars. Sie heißt Medusae Fossae Formation und über ihren Ursprung ist bislang wenig bekannt. Der Geologe Prof. Dr. Angelo Pio Rossi von der Jacobs University hat gemeinsam mit Dr. Roberto Orosei vom Nationalen Italienischen Institut für Astrophysik in Bologna und weiteren Wissenschaftlern einen Teilbereich dieses Gebietes, genannt Lucus Planum, näher unter die Lupe genommen – mithilfe von Radarfernerkundung.

Wie bei einem Röntgenbild dringen die Strahlen einige Kilometer tief in die Oberfläche des Planeten ein und liefern Informationen über die Struktur, die...

Im Focus: Molekulares Lego

Sie können ihre Farbe wechseln, ihren Spin verändern oder von fest zu flüssig wechseln: Eine bestimmte Klasse von Polymeren besitzt faszinierende Eigenschaften. Wie sie das schaffen, haben Forscher der Uni Würzburg untersucht.

Bei dieser Arbeit handele es sich um ein „Hot Paper“, das interessante und wichtige Aspekte einer neuen Polymerklasse behandelt, die aufgrund ihrer Vielfalt an...

Im Focus: Das Universum in einem Kristall

Dresdener Forscher haben in Zusammenarbeit mit einem internationalen Forscherteam einen unerwarteten experimentellen Zugang zu einem Problem der Allgemeinen Realitätstheorie gefunden. Im Fachmagazin Nature berichten sie, dass es ihnen in neuartigen Materialien und mit Hilfe von thermoelektrischen Messungen gelungen ist, die Schwerkraft-Quantenanomalie nachzuweisen. Erstmals konnten so Quantenanomalien in simulierten Schwerfeldern an einem realen Kristall untersucht werden.

In der Physik spielen Messgrößen wie Energie, Impuls oder elektrische Ladung, welche ihre Erscheinungsform zwar ändern können, aber niemals verloren gehen oder...

Im Focus: Manipulation des Elektronenspins ohne Informationsverlust

Physiker haben eine neue Technik entwickelt, um auf einem Chip den Elektronenspin mit elektrischen Spannungen zu steuern. Mit der neu entwickelten Methode kann der Zerfall des Spins unterdrückt, die enthaltene Information erhalten und über vergleichsweise grosse Distanzen übermittelt werden. Das zeigt ein Team des Departement Physik der Universität Basel und des Swiss Nanoscience Instituts in einer Veröffentlichung in Physical Review X.

Seit einigen Jahren wird weltweit untersucht, wie sich der Spin des Elektrons zur Speicherung und Übertragung von Information nutzen lässt. Der Spin jedes...

Im Focus: Manipulating Electron Spins Without Loss of Information

Physicists have developed a new technique that uses electrical voltages to control the electron spin on a chip. The newly-developed method provides protection from spin decay, meaning that the contained information can be maintained and transmitted over comparatively large distances, as has been demonstrated by a team from the University of Basel’s Department of Physics and the Swiss Nanoscience Institute. The results have been published in Physical Review X.

For several years, researchers have been trying to use the spin of an electron to store and transmit information. The spin of each electron is always coupled...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Den Geheimnissen der Schwarzen Löcher auf der Spur

21.07.2017 | Veranstaltungen

Den Nachhaltigkeitskreis schließen: Lebensmittelschutz durch biobasierte Materialien

21.07.2017 | Veranstaltungen

Operatortheorie im Fokus

20.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Einblicke unter die Oberfläche des Mars

21.07.2017 | Geowissenschaften

Wegbereiter für Vitamin A in Reis

21.07.2017 | Biowissenschaften Chemie

Den Geheimnissen der Schwarzen Löcher auf der Spur

21.07.2017 | Veranstaltungsnachrichten