Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Mutation sorgt für 15fach erhöhtes Schizophrenie-Risiko

31.07.2008
Drei neu entdeckte genetische Veränderungen erhöhen das Risiko, an einer Schizophrenie zu erkranken, erheblich.

Das hat ein internationales Forscherkonsortium unter maßgeblicher Beteiligung der Universität Bonn, der LMU München sowie des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim festgestellt.

Die Wissenschaftler sprechen in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Nature" von einem "aufregenden Schritt vorwärts". Sie konnten drei Regionen im Erbgut identifizieren, die vergleichsweise häufig spontan mutieren. Träger dieser neuen Mutationen haben dann ein bis zu 15fach erhöhtes Risiko, an Schizophrenie zu erkranken. Schizophrenie ist in allen Kulturen der Erde etwa gleich weit verbreitet: Weltweit erkranken im Laufe ihres Lebens rund 1 Prozent aller Menschen an diesem schweren psychischen Leiden.

Schon lange nimmt man an, dass Schizophrenie unter anderem genetisch bedingt ist. Allein durch Vererbung lassen sich die Krankheitsfälle aber nicht erklären: Da die Betroffenen oft keine Kinder bekommen, müsste das Leiden dann nämlich immer seltener werden. Das ist aber nicht der Fall: Weltweit liegt das Erkrankungsrisiko seit Jahrzehnten unverändert bei 1 Prozent.

... mehr zu:
»Erbgut »Gen »Mutation »Schizophrenie

Eine Erklärung sind spontane Veränderungen des Erbguts. Sind davon Gene betroffen, die mit der Hirnfunktion zu tun haben, kann eine Schizophrenie möglicherweise quasi aus dem Nichts neu entstehen. Normalerweise sind derartige Mutationen aber sehr selten. "Es gibt jedoch Erbgutregionen, die besonders anfällig für Mutationen sind", erklärt Dr. Sven Cichon vom Forschungszentrum Life&Brain der Universität Bonn. "Nach derartigen Regionen haben wir gesucht und geschaut, ob sie etwas mit der Schizophrenie zu tun haben könnten."

Fast 100 Wissenschaftler beteiligt

Cichon ist zusammen mit seinem isländischen Kollegen Dr. Hreinn Stefansson sowie Dr. Dan Rujescu von der LMU München Erstautor der Studie, die nun in der Zeitschrift Nature erschienen ist. Insgesamt waren fast 100 Wissenschaftler aus aller Welt beteiligt. Im ersten Schritt verglichen sie das Erbgut gesunder Jugendlicher mit dem ihrer Eltern. So wollten sie spontane genetische Veränderungen identifizieren. Sie fanden dabei 66 Mutationen, die bei den Jugendlichen neu aufgetreten waren. "Dann haben wir bei fast 5.000 Schizophrenie-Patienten nachgeschaut, ob bei ihnen vielleicht eine oder mehrere dieser Mutationen auffällig oft vorkommen", sagt Cichon.

Mit Erfolg: Gleich drei der 66 Mutationen tauchen bei den Patienten viel häufiger auf als bei Gesunden. Dabei handelt es sich jeweils um so genannte Deletionen (delete engl. = löschen): Bei den Betroffenen fehlen ganze Erbgutregionen mit mehreren Genen. Da der Mensch von jedem Gen üblicherweise zwei Kopien hat, kann er den Verlust einer Kopie oft kompensieren - in diesem Fall allerdings nur teilweise. "Bei den von uns entdeckten Deletionen ist das Risiko deutlich erhöht, an einer Schizophrenie zu erkranken", sagt Sven Cichon.

Die betroffenen Regionen scheinen also Gene zu enthalten, die etwas mit der Hirnfunktion zu tun haben. "Wir werden sie nun genauer unter die Lupe nehmen", erläutert Dan Rujescu. "Davon erhoffen wir uns vor allem neue Erkenntnisse zur Krankheitsentstehung. Langfristig könnte das auch zur Entwicklung neuer Medikamente führen." Außerdem lassen sich die Erkenntnisse für eine bessere Diagnostik nutzen.

Niemand ist schuld

Die Autoren betonen, dass die gefundenen Mutationen nur einen sehr kleinen Teil aller Schizophrenie-Fälle erklären können. "Dennoch ist dies ein aufregender Schritt vorwärts und ein guter Ausgangspunkt für weitere viel versprechende Untersuchungen", freut sich Cichons Kollege Professor Dr. Markus Nöthen. Zwar gab es bereits zuvor Hinweise auf Gene, die bei der Entstehung einer Schizophrenie eine Rolle spielen. Ihr Beitrag ist aber viel moderater. "Eine Erhöhung des Krankheitsrisikos um das 10- bis 15fache wie in unserem Fall ist wirklich extrem."

Ganz wichtig ist aus Sicht der Mannheimer Psychiaterin Professor Dr. Marcella Rietschel auch ein weiterer Aspekt: "Viele Eltern eines schizophreniekranken Kindes fragen sich, inwiefern sie selbst an der Krankheit schuld sind - sei es durch eine falsche Erziehung oder auch den Beitrag ihrer Gene", sagt sie. "Unsere Studie zeigt aber ganz klar, dass spontane Mutationen die Krankheit auslösen können. Über eine Schizophrenie entscheidet dann ganz wesentlich der Zufall!"

Kontakt:
Privatdozent Dr. Dan Rujescu
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universität München
Telefon: 089/5160-5756
E-Mail: dan.rujescu@med.uni-muenchen.de
Privatdozent Dr. Sven Cichon
Life&Brain-Zentrum der Universität Bonn, Abteilung Genomik
Telefon: 0228/6885-405
E-Mail: Sven.Cichon@uni-bonn.de
Professor Dr. Markus Nöthen
Telefon: 0228/287-22347
E-Mail: markus.noethen@uni-bonn.de
Professor Dr. Marcella Rietschel
Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim
Telefon: 0621/1703-6051
E-mail: marcella.rietschel@zi-mannheim.de

Frank Luerweg | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bonn.de
http://www.zi-mannheim.de
http://www.med.uni-muenchen.de

Weitere Berichte zu: Erbgut Gen Mutation Schizophrenie

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Proteinforschung: Der Computer als Mikroskop
16.01.2017 | Ruhr-Universität Bochum

nachricht Nervenkrankheit ALS: Mehr als nur ein Motor-Problem im Gehirn?
16.01.2017 | Leibniz-Institut für Neurobiologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mit solaren Gebäudehüllen Architektur gestalten

Solarthermie ist in der breiten Öffentlichkeit derzeit durch dunkelblaue, rechteckige Kollektoren auf Hausdächern besetzt. Für ästhetisch hochwertige Architektur werden Technologien benötigt, die dem Architekten mehr Gestaltungsspielraum für Niedrigst- und Plusenergiegebäude geben. Im Projekt »ArKol« entwickeln Forscher des Fraunhofer ISE gemeinsam mit Partnern aktuell zwei Fassadenkollektoren für solare Wärmeerzeugung, die ein hohes Maß an Designflexibilität erlauben: einen Streifenkollektor für opake sowie eine solarthermische Jalousie für transparente Fassadenanteile. Der aktuelle Stand der beiden Entwicklungen wird auf der BAU 2017 vorgestellt.

Im Projekt »ArKol – Entwicklung von architektonisch hoch integrierten Fassadekollektoren mit Heat Pipes« entwickelt das Fraunhofer ISE gemeinsam mit Partnern...

Im Focus: Designing Architecture with Solar Building Envelopes

Among the general public, solar thermal energy is currently associated with dark blue, rectangular collectors on building roofs. Technologies are needed for aesthetically high quality architecture which offer the architect more room for manoeuvre when it comes to low- and plus-energy buildings. With the “ArKol” project, researchers at Fraunhofer ISE together with partners are currently developing two façade collectors for solar thermal energy generation, which permit a high degree of design flexibility: a strip collector for opaque façade sections and a solar thermal blind for transparent sections. The current state of the two developments will be presented at the BAU 2017 trade fair.

As part of the “ArKol – development of architecturally highly integrated façade collectors with heat pipes” project, Fraunhofer ISE together with its partners...

Im Focus: Mit Bindfaden und Schere - die Chromosomenverteilung in der Meiose

Was einmal fest verbunden war sollte nicht getrennt werden? Nicht so in der Meiose, der Zellteilung in der Gameten, Spermien und Eizellen entstehen. Am Anfang der Meiose hält der ringförmige Proteinkomplex Kohäsin die Chromosomenstränge, auf denen die Bauanleitung des Körpers gespeichert ist, zusammen wie ein Bindfaden. Damit am Ende jede Eizelle und jedes Spermium nur einen Chromosomensatz erhält, müssen die Bindfäden aufgeschnitten werden. Forscher vom Max-Planck-Institut für Biochemie zeigen in der Bäckerhefe wie ein auch im Menschen vorkommendes Kinase-Enzym das Aufschneiden der Kohäsinringe kontrolliert und mit dem Austritt aus der Meiose und der Gametenbildung koordiniert.

Warum sehen Kinder eigentlich ihren Eltern ähnlich? Die meisten Zellen unseres Körpers sind diploid, d.h. sie besitzen zwei Kopien von jedem Chromosom – eine...

Im Focus: Der Klang des Ozeans

Umfassende Langzeitstudie zur Geräuschkulisse im Südpolarmeer veröffentlicht

Fast drei Jahre lang haben AWI-Wissenschaftler mit Unterwasser-Mikrofonen in das Südpolarmeer hineingehorcht und einen „Chor“ aus Walen und Robben vernommen....

Im Focus: Wie man eine 80t schwere Betonschale aufbläst

An der TU Wien wurde eine Alternative zu teuren und aufwendigen Schalungen für Kuppelbauten entwickelt, die nun in einem Testbauwerk für die ÖBB-Infrastruktur umgesetzt wird.

Die Schalung für Kuppelbauten aus Beton ist normalerweise aufwändig und teuer. Eine mögliche kostengünstige und ressourcenschonende Alternative bietet die an...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Aquakulturen und Fangquoten – was hilft gegen Überfischung?

16.01.2017 | Veranstaltungen

14. BF21-Jahrestagung „Mobilität & Kfz-Versicherung im Fokus“

12.01.2017 | Veranstaltungen

Leipziger Biogas-Fachgespräch lädt zum "Branchengespräch Biogas2020+" nach Nossen

11.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Proteinforschung: Der Computer als Mikroskop

16.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Vermeintlich junger Stern entpuppt sich als galaktischer Greis

16.01.2017 | Physik Astronomie

Erste "Rote Liste" gefährdeter Lebensräume in Europa

16.01.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz