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Kannibalismus rettet den Nachwuchs

05.06.2008
Wissenschaftler der Universität Jena liefert Beweis: Junge Ringelwühlen fressen die Haut ihrer Mutter

Es sieht alles ganz harmlos aus: Acht junge Ringelwühlen liegen, ähnlich einer Regenwurmfamilie, ineinander verschlungen mit der Mutter im Nest. Erst die Vergrößerung zeigt ein anderes, brutales Bild: Der Kiefer der Jungtiere ist weit aufgerissen. Die Zähne bohren sich tief in die Mutter, reißen ihr die Haut in Fetzen vom Leib und verschlingen sie anschließend.

Die Mutter scheint allerdings nicht unter dem grausamen Akt zu leiden. "Einmalig im Tierreich", nennt Dr. Alexander Kupfer von der Friedrich-Schiller-Universität Jena das "Hautfressen" der südamerikanischen Ringelwühle 'Siphonops annulatus'.

Diese zählt zu der Gruppe der Blindwühlen oder Gymnophionen, von denen rund 180 Arten bekannt sind. Bisher wurde angenommen, dass sich junge Ringelwühlen von bereits abgefallenen Hautresten ihrer Mutter ernähren.

Neueste Untersuchungen des Jenaer Evolutionsbiologen in Zusammenarbeit mit Dr. Mark Wilkinson aus dem Natural History Museum in London, Dr. Marta Antoniazzi und Dr. Carlos Jared aus dem Instituto Butantan in São Paulo und dem britischen Sender BBC widerlegen die Annahme: Die Jungtiere ziehen ihren Müttern die Haut regelrecht vom Leib und fressen die Hautfetzen anschließend auf. "Eine derart ausgeprägte Mutterfürsorge ist uns neu", weiß der Jenaer Wissenschaftler zu berichten. Kupfer und seine Kollegen vermuten, dass das "Hautfressen" als Form der Brutpflege bei den Amphibien bereits seit mehr als 100 Millionen Jahren existiert.

"Bereits während der Brutzeit verändert sich die Physiologie der Haut des Muttertiers", hat der Jenaer Zoologe ermittelt. "Fette und Proteine werden eingelagert, die Hautzellen vergrößern sich und der Nährstoffreichtum der Haut nimmt erheblich zu", fasst Kupfer seine Untersuchungsergebnisse zusammen, die gerade in der renommierten britischen Fachzeitschrift "Biology Letters" veröffentlicht worden sind.

Ist die Haut komplett abgefressen, regeneriert sie sich und die Prozedur beginnt von vorne. "Über einen Zeitraum von zwei Monaten wird die Haut zweimal in der Woche von 8 bis 16 Jungtieren abgefressen", berichtet Kupfer weiter. Anschließend haben die Jungtiere eine Größe um 15 cm erreicht, verlassen die Mutter und gehen alleine auf Beutefang. "Die Mutter dagegen ist sichtlich ausgemergelt und muss sich von der Brutpflege erholen. Dieser enorme Einsatz erklärt, warum sich Ringelwühlen wahrscheinlich nur alle zwei Jahre fortpflanzen." Südamerikanische Ringelwühlen erreichen eine Lebensdauer von bis zu zehn Jahren. Wie oft sie in dieser Zeit Eier legen, ist noch unklar.

Bei der Untersuchung von 70 Jungtieren, die in brasilianischen Kakaoplantagen gesammelt und im Insituto Butantan beobachtet wurden, war vor allem die Gebissentwicklung auffallend. Die etwa 10 cm langen Jungtiere rammen stark ausgeprägte Zähne in die Haut der Mutter - der Kiefer ist dabei bis zu 90 Grad geöffnet. "Die Zähne sind vergleichbar mit denen lebendgebärender Blindwühlen. Das könnte ein Indiz dafür sein, dass es sich bei den Ringelwühlen um eine Vorstufe zu den lebendgebärenden Tieren handelt", vermutet Alexander Kupfer, der sich bereits seit zehn Jahren mit der Amphibiengruppe beschäftigt.

Die neuen Erkenntnisse beweisen, dass die Nachkommen der Ringelwühlen gieriger sind, als bisher angenommen wurde: Sie fressen nicht nur häufiger, sondern nehmen auch ein von der Mutter abgegebenes Sekret auf. Reiben die Jungtiere ihre Köpfe an der Mutter, wird die Aussonderung eines Sekrets aus speziellen Drüsen in der Nähe der Kloake stimuliert. Genaue Erkenntnisse zur Zusammensetzung des Sekrets fehlen noch.

"Das brutale Verhalten der Jungtiere und die Aufopferung des Muttertiers ist unvergleichbar", betont Kupfer. "Es wäre interessant zu erfahren, was eigentlich die Väter in der Zeit machen, in der die Mütter alles geben."

Originalpublikation:
Mark Wilkinson, Alexander Kupfer, Rafael Marques-Porto, Hilary Jeffkins, Marta M. Antoniazzi, Carlos Jared: One hundred million years of skin feeding? Extended parental care in a Neotropical caecilian (Amphibia: Gymnophiona), Biology Letters, June 2008.
Kontakt:
Dr. Alexander Kupfer
Institut für Spezielle Zoologie und Evolutionsbiologie der Universität Jena
Erbertstr. 1, 07743 Jena
Tel: 03641 / 949183
E-Mail: alexander.kupfer[at]uni-jena.de

Katrin Czerwinka | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-jena.de

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