Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wenn der blaue Sommerflieder wieder blueht

27.05.2008
Weshalb invasive Arten im Vorteil gegenüber den Alteingesessenen sind

Zugewanderte Pflanzenarten können in ihrer neuen Heimat besser gedeihen als in Ursprungsgebiet. Ursache dafür sind genetische Veränderungen oder das Fehlen von Fressfeinden wie Insekten, die sich erst an die Neulinge anpassen müssen. Das schließen Forscher des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) aus Untersuchungen am Sommerflieder (Buddleja davidii) und an der Mahonie (Mahonia aquifolium). Dadurch hätten invasive Pflanzen einen Vorteil gegenüber einheimischen Arten und könnten so zur Bedrohung für das ökologische Gleichgewicht werden, schreiben die Forscher im Fachjournal Diversity and Distributions.

Er blüht blau, weiß oder lila in vielen Gärten. Der Sommerflieder wurde vor rund einhundert Jahren aus China nach Europa eingeführt und weiter gezüchtet.

Die Zierpflanze wurde schnell populär. Doch nicht nur in Gärten. Im Nachkriegsdeutschland konnte sich der Strauch auch auf dem Trümmerschutt der zerbombten Innenstädte gut verbreiten. Inzwischen wächst der Sommerflieder in großen Teilen West- und Südwestdeutschlands wild. Lediglich im kontinentalen Osten wird die Ausbreitung durch die Winterfröste gebremst. Zwar sorgen die Blüten des Sommerflieders für Freude und bieten Schmetterlingen Nahrung - die Schönheit hat aber eine Schattenseite. Der auch Schmetterlingsstrauch genannte Zuwanderer kann leicht verwildern und dichte Bestände bilden. Dadurch hat er das Potential, einheimische Arten zu verdrängen, und macht der Bahn zu schaffen, weil er an Bahndämmen wuchert und dort zum Sicherheitsrisiko wird. In der Schweiz, Spanien und Frankreich wird der Sommerflieder bekämpft, in der USA wird die Ausbreitung kritisch beobachtet und in Neuseeland verursacht der Sommerflieder ökonomische Probleme, da er die einheimische Vegetation verdrängt.

... mehr zu:
»Insekt »Mahonia »UFZ

Um das Wissen über die Ausbreitungsmechanismen von invasiven Arten zu verbessern, verglichen die UFZ-Forscher zehn Populationen des Sommerflieders in Deutschland mit zehn Populationen in seiner ursprünglichen Heimat, der südwestchinesischen Provinz Yunnan. Obwohl die klimatischen Bedingungen in China günstiger sind, waren die Stäucher in Deutschland größer und produzierten mehr und schwerere Samen. "An den Pflanzen in der chinesischen Heimat waren 15 Prozent der Blätter von Insekten zerfressen. In Deutschland dagegen nur 0,5 Prozent", berichtet Susan Ebeling vom UFZ.

"Der Eindringling steht einfach noch nicht auf der Speisekarte unserer Insekten. Weil es keine Verwandten des Sommerflieders in Mitteleuropa gibt brauchen die Insekten länger, um sich anzupassen." Zwei asisatische Insektenarten, mit denen in Neuseeland versucht wurde, die Sträucher aus China zu bekämpfen, gibt es noch nicht in Europa.

Anders ist die Situation bei einer weiteren Art, die die Forscher genauer unter die Lupe nahmen. Die Mahonie (Mahonia aquifolium) stammt ursprünglich aus dem Westen der USA. In Oregon ist der immergrüne Strauch mit den markanten gelben Blüten sogar die offizielle Pflanze des US-Bundesstaates und wird deshalb auch "Oregon grape" genannt. In Europa hat die Mahonie eine sehr ähnliche

Verwandte: die Beberitze (Berberis vulgaris). Einheimische Insekten hatten Millionen Jahre Zeit, sich an die Beberitze anzupassen und können nun vergleichsweise leicht auf die Mahonie "umsteigen". Die Mahonie dagegen konnte noch keine Abwehrmechanismen hier gegen ihre Fressfeinde entwickeln.

Trotzdem gedeiht sie in Mitteleuropa so gut, dass die Schweizerische Kommission für die Erhaltung von Wildpflanzen die Gartenbesitzer auffordert, vorbeugend auf den Anbau der Mahonie zu verzichten: "Sollten Sie diese Art schon in ihrem Garten haben, müssen Sie unbedingt eine weitere Ausbreitung verhindern, einerseits indem sie die Fruchtstände entfernen, anderseits indem Sie eventuelle Jungtriebe laufend entfernen." Trotz Fressfeinden kann die Mahonie gut gedeihen, ganze Waldböden überwuchern und so zum Problem werden.

"Der Erfolg liegt offensichtlich an der Züchtung. Durch Auswahl und Kreuzung kam es zu einer genetischen Veränderung, die dafür gesorgt hat, dass die Mahonie in Europa größer wächst als in ihrer amerikanischen Heimat", erklärt Dr. Harald Auge vom UFZ das Ergebnis der Untersuchungen. Die Hallenser Biologen hatten dafür Samen von Mahonie-Pflanzen in den USA, Kanada, Deutschland und der Tschechischen Republik gesammelt und die Pflanzen unter kontrollierten Bedingungen im Gewächshaus aufgezogen.

Zier- und Kulturpflanzen machen einen Großteil der neu zugewanderten Pflanzen aus, die zum Problem geworden sind und von Fachleuten daher als biologische Invasoren bezeichnet werden. Vom Menschen verursachte biologische Invasionen sind eine der Ursachen für den dramatischen weltweiten Rückgang von Tier- und Pflanzenarten. Nach einer Studie des Umweltbundesamtes betrugen die volkswirtschaftlichen Belastungen von 20 untersuchten gebietsfremden Arten im Jahr 2002 in Deutschland rund 167 Millionen Euro. Neuere Zahlen liegen noch nicht vor. Für die als gesundheitsgefährdend geltende Ambrosie sollen am UFZ demnächst in einem vom Bundesforschungsministerium geförderten Projekt die Kosten ermittelt werden, die die hoch allergene Pflanze im Gesundheitswesen verursacht.

Tilo Arnhold
http://www.ufz.de/index.php?de=16815
Mehr zum Thema Biologische Invasionen und zu anderen Themen rund um die Biodiversität finden Sie in einer Spezialausgabe des UFZ-Newsletters zur 9. Vertragsstaatenkonferenz der Konvention zur Biologischen Vielfalt (COP9), die vom 19. bis 30. Mai 2008 in Bonn statt finden wird.

http://www.ufz.de/index.php?de=10690

Publikationen:
Ebeling, S. K., Hensen, I., Auge, H. (2008):
The invasive shrub Buddleja davidii performs better in its introduced range Diversity Distrib. 14 (2), 225-233 http://www.blackwell-synergy.com/doi/pdf/10.1111/j.1472-4642.2007.00422.x
Ross, C. A., Auge, H. (2008):
Invasive Mahonia plants outgrow their native relatives.
Plant Ecology (online first): DOI 10.1007/s11258-008-9408-z http://www.springerlink.com/content/j7q5304562j54674/
Ross, C. A., Faust, D., Auge, H. (2008):
Mahonia invasions in different habitats: local adaptation or general-purpose genotypes? Biological Invasions (online
first) DOI 10.1007/s10530-008-9261-y
http://www.springerlink.com/content/y7002j2414271347/
Die Untersuchungen zum Sommerflieder (Buddleja davidii) wurden von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) sowie der EU im Rahmen des ALARM-Projektes gefördert. Die Untersuchungen zur Mahonie (Mahonia aquifolium) wurden über das BMBF-Programm BioTeam gefördert.
Weitere fachliche Informationen:
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) Dr. Harald Auge
Telefon: 0345-558-5309
http://www.ufz.de/index.php?de=1153
und
Susan Ebeling
Telefon: 0345-558-5308
http://www.ufz.de/index.php?de=800
oder über
Tilo Arnhold (UFZ-Pressestelle)
Telefon: 0341-235-1269
E-mail: presse@ufz.de
Weiterführende Links:
Mahonie:
http://www.floraweb.de/pflanzenarten/artenhome.xsql?suchnr=3576&
http://www.cps-skew.ch/deutsch/inva_budd_dav_d.pdf
Sommerflieder:
http://www.floraweb.de/neoflora/handbuch/buddlejadavidii.html
http://www.cps-skew.ch/deutsch/inva_maho_aqu_d.pdf
Versuche
zur biologischen Kontrolle von B. davidiii in Neuseeland:
http://www.ermanz.govt.nz/news-events/focus/biocontrol-agents.html
http://ww.nzpps.org/journal/55/nzpp55_433.pdf
http://www.nzpps.org/journal/60/nzpp60_320.pdf
The
ninth meeting of the Conference of the Parties (COP 9) http://www.cbd.int/cop9/ http://www.bmu.de/naturschutz_biologische_vielfalt/un-konferenz_2008/kurzinfo/doc/39640.php
Im Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) erforschen Wissenschaftler die Ursachen und Folgen der weit reichenden Veränderungen der Umwelt. Sie befassen sich mit Wasserressourcen, biologischer Vielfalt, den Folgen des Klimawandels und Anpassungsmöglichkeiten, Umwelt- und Biotechnologien, Bioenergie, dem Verhalten von Chemikalien in der Umwelt, ihrer Wirkung auf die Gesundheit, Modellierung und sozialwissenschaftlichen Fragestellungen.
Ihr Leitmotiv: Unsere Forschung dient der nachhaltigen Nutzung natürlicher Ressourcen und hilft, diese Lebensgrundlagen unter dem Einfluss des globalen Wandels langfristig zu sichern. Das UFZ beschäftigt an den Standorten Leipzig, Halle und Magdeburg 900 Mitarbeiter. Es wird vom Bund sowie von Sachsen und Sachsen-Anhalt finanziert.

Die Helmholtz-Gemeinschaft leistet Beiträge zur Lösung großer und drängender Fragen von Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft durch wissenschaftliche Spitzenleistungen in sechs Forschungsbereichen: Energie, Erde und Umwelt, Gesundheit, Schlüsseltechnologien, Struktur der Materie, Verkehr und Weltraum. Die Helmholtz-Gemeinschaft ist mit 25.700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in 15 Forschungszentren und einem Jahresbudget von rund 2,3 Milliarden Euro die größte Wissenschaftsorganisation Deutschlands. Ihre Arbeit steht in der Tradition des großen Naturforschers Hermann von Helmholtz (1821-1894).

Tilo Arnhold | UFZ Leipzig-Halle
Weitere Informationen:
http://www.ufz.de/index.php?de=1153
http://www.ufz.de/index.php?de=800

Weitere Berichte zu: Insekt Mahonia UFZ

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Designerviren stacheln Immunabwehr gegen Krebszellen an
26.05.2017 | Universität Basel

nachricht Wachstumsmechanismus der Pilze entschlüsselt
26.05.2017 | Karlsruher Institut für Technologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

Staphylococcus aureus ist aufgrund häufiger Resistenzen gegenüber vielen Antibiotika ein gefürchteter Erreger (MRSA) insbesondere bei Krankenhaus-Infektionen. Forscher des Paul-Ehrlich-Instituts haben immunologische Prozesse identifiziert, die eine erfolgreiche körpereigene, gegen den Erreger gerichtete Abwehr verhindern. Die Forscher konnten zeigen, dass sich durch Übertragung von Protein oder Boten-RNA (mRNA, messenger RNA) des Erregers auf Immunzellen die Immunantwort in Richtung einer aktiven Erregerabwehr verschieben lässt. Dies könnte für die Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs bedeutsam sein. Darüber berichtet PLOS Pathogens in seiner Online-Ausgabe vom 25.05.2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) ist ein Bakterium, das bei weit über der Hälfte der Erwachsenen Haut und Schleimhäute besiedelt und dabei normalerweise keine...

Im Focus: Can the immune system be boosted against Staphylococcus aureus by delivery of messenger RNA?

Staphylococcus aureus is a feared pathogen (MRSA, multi-resistant S. aureus) due to frequent resistances against many antibiotics, especially in hospital infections. Researchers at the Paul-Ehrlich-Institut have identified immunological processes that prevent a successful immune response directed against the pathogenic agent. The delivery of bacterial proteins with RNA adjuvant or messenger RNA (mRNA) into immune cells allows the re-direction of the immune response towards an active defense against S. aureus. This could be of significant importance for the development of an effective vaccine. PLOS Pathogens has published these research results online on 25 May 2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) is a bacterium that colonizes by far more than half of the skin and the mucosa of adults, usually without causing infections....

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Im Focus: A quantum walk of photons

Physicists from the University of Würzburg are capable of generating identical looking single light particles at the push of a button. Two new studies now demonstrate the potential this method holds.

The quantum computer has fuelled the imagination of scientists for decades: It is based on fundamentally different phenomena than a conventional computer....

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Meeresschutz im Fokus: Das IASS auf der UN-Ozean-Konferenz in New York vom 5.-9. Juni

24.05.2017 | Veranstaltungen

Diabetes Kongress in Hamburg beginnt heute: Rund 6000 Teilnehmer werden erwartet

24.05.2017 | Veranstaltungen

Wissensbuffet: „All you can eat – and learn”

24.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

DFG fördert 15 neue Sonderforschungsbereiche (SFB)

26.05.2017 | Förderungen Preise

Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

26.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um

26.05.2017 | Gesellschaftswissenschaften