Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Artenschutz auf leisen Sohlen mit Bayreuther Tierökologen

17.08.2000


Prospekt zum Projekt


Um den Schutz von Reptilien geht es bei einem Projekt des Bundesamtes für Naturschutz, an dem Bayreuther Tierökologen maßgeblich beteiligt sind. Ziel ist die wissenschaftliche Grundlagenarbeit zur
Konzeption eines Biotopenverbundes, der die Reptilienvorkommen im Lechtal langfristig sichern soll und bundesweit gültige Empfehlungen zum Reptilienschutz.

Tierökologen bei einem Projekt des Bundesamtes für Naturschutz eingebunden
Artenschutz auf leisen Sohlen -
Schlangen und andere Reptilien im Lechtal
Ziel ist ein langfristiges Konzept des Biotopenverbundes zur Sicherung der Reptilien

Bayreuth/Merching (UBT). Im Lechtal zwischen Rain und Klosterlechfeld: Zwei Schlangenkundler schleichen seit diesem Frühjahr den heimischen Kriechtieren nach. Ausgerüstet mit Maßband und Waage, Laptop und Peilantenne ermitteln sie die Anzahl der hier noch lebenden Echsen und Schlangen. Schon früh am Morgen ziehen die Forscher los, dann sind die Reptilien noch sehr träge und können bei ihrem Sonnenbad entdeckt werden. Diese Untersuchungen werden im Rahmen eines vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) geförderten Erprobungs- und Entwicklungsvorhabens durchgeführt und sollen in konkrete Maßnahmen zum Schutz der gefährdeten Kriechtiere einmünden. Mit dabei sind die Bayreuther Tierökologen Professor Dr. Klaus H. Hoffmann und Privatdozent Dr. Wolfgang Völkl mit ihren Mitarbeiter Dipl.-Biol. Daniel Käsewieter und Dipl. Forstwirt Niels Baumann. Sie sind mit der wissenschaftlichen Voruntersuchung beauftragt, was mit Fördermitteln von 350.000.- DM verbunden ist.

Im Projektrahmen sollen in den nächsten zweieinhalb Jahren die Populationsstruktur und die Mikrohabitatnutzung ausgewählter Reptilienarten im Lechtal untersucht werden. Ziel ist die wissenschaftliche Grundlagenarbeit Konzeption eines Biotopenverbundes, der die Reptilienvorkommen im Lechtal langfristig sichern soll.

79 % der in Deutschland heimischen Reptilienarten sind in der Roten Liste verzeichnet (BfN 1998). Trotz des hohen Anteils gefährdeter Arten sind naturschutzrelevante, ökologische Informationen meist nur eingeschränkt verfügbar und werden in der Naturschutzpraxis nur ausnahmsweise berücksichtigt. Gründe dafür sind z.B. Schwierigkeiten bei der Erfassung und die geringe Individuendichte einzelner Arten sowie hohe und komplexe Raum- und Habitatansprüche.
Im Lechtal zwischen Schongau und Donauwörth kommen fünf Reptilienarten regelmäßig vor. Vier dieser Arten - Schlingnatter (Coronella austriaca), Kreuzotter (Vipera berus), Zauneidechse (Lacerta agilis) und Ringelnatter (Natrix natrix) - sind in Deutschland gefährdet. Im Gegensatz zu den anderen auf der deutschen Roten Liste verzeichneten Arten erstreckt sich das potentielle Verbreitungsgebiet dieser Arten über ganz Deutschland. Das Lechtal selbst zeichnet sich durch das Nebeneinander unterschiedlichster Lebensräume aus - von Gewässern, Auen- und Feuchtlebensräumen über Magerrasen bis zu verschiedenen Waldtypen. Im Lechtal gewonnene Untersuchungsergebnisse könnten also - mit Einschränkungen - auf weite Teile der Bundesrepublik übertragen werden.

Auf der Basis bisheriger Untersuchungen und einer Bestands- und Konfliktanalyse sollen für die gefährdeten Reptilienarten Schlingnatter, Kreuzotter, Zauneidechse und Ringelnatter folgende Fragen beantwortet werden:

o Wie stellen sich aktuell Verbreitung, Populationsstruktur und Populationsdichte der Reptilienarten im Projektgebiet dar?
o Wie nutzen die einzelnen Arten die Lebensräume? Gibt es hier Spezifika für das Lechtal?
o Wie hoch ist die Beutetierdichte, speziell für die Jungtiere?
o Welches sind die Schlüsselfaktoren für das langfristige Überleben der Populationen?
o Inwieweit spielen Lebensraumkomplexität und -konnektivität (Stichwort: "Biotopverbund") eine Rolle? Welche Rolle spielen Zerschneidungseffekte?
o Durch welche (naturschutzfachlichen) Maßnahmen sind diese Schlüsselfaktoren steuerbar?
o Lassen sich konkrete, quantitative Angaben über den Umfang sinnvoller Maßnahmen machen?

Das Vorhaben soll dazu beitragen, bundesweit gültige Empfehlungen zum Reptilienschutz zu erarbeiten und diese am konkreten Beispiel "Lechtal" zu verifizieren. Wesentliches Ziel ist es, aktuelle Naturschutzstrategien in Hinblick auf Aspekte des Reptilienschutzes zu erweitern bzw. zu ändern. Von besonderer Bedeutung sind dabei zwei Fragen:
o Wie muss ein "Biotopverbundsystem" tatsächlich aussehen? Wie sind die Faktoren "Lebensraumgröße", "Isolation" und "Komplexität der Biotope" zu wichten und in der Umsetzung zu steuern?

o Inwieweit bestehen Verknüpfungen zu bestimmten historischen Landnutzungsformen? Inwieweit müssen diese Nutzungsformen durch landschaftspflegerische Maßnahmen imitiert werden? Bestehen Alternativen z.B. durch die Förderung der natürlichen Dynamik oder die Wiederaufnahme der historischen Nutzungsformen?

Gerade durch die Einbeziehung der Dynamik natürlicher Lebensräume soll ein innovativer Ansatz erprobt werden soll. Ziel ist es, auf Dauer einen Verbund zu schaffen, in dem Pflegemaßnahmen oder weitere Eingriffe minimiert werden. Beispielsweise soll im Rahmen des geplanten Projektes untersucht werden, ob durch die dynamischen Prozesse bei Hochwässern genügend Schwemmaterial anfällt, um natürliche Eiablagemöglichkeiten für die Ringelnatter zu schaffen. Gleiches gilt für den natürlichen Anfall von faulenden Baumstubben, die ebenfalls als Eiablagemöglichkeit dienen können. Weiterhin sollte in natürlichen Lebensräumen die Beutetierdichte aufgrund der Vielzahl der Habitatstrukturen permanent hoch sein, sodass auch hier optimale Voraussetzungen für die Reptilienpopulationen vorliegen.

Zauneidechsen, Blindschleichen und Ringelnattern protokollieren jedenfalls die Forscher im Lechtal in ihre Erfassungsbögen. Doch auch einige der selten vorkommenden Schlingnattern und Kreuzottern wurden schon gesichtet, berichtete Dr. Völkl kürzlich bei einem Pressegespräch in Merching im Lechtal. Völkl, ein Kenner der Reptilien in Deutschland, ist mit den Kreuzottern während seiner Studien im Fichtelgebirge in Tuchfühlung gekommen. "Durch gezielte Hinweise von ortsansässigen Reptilienkennern ist es uns gelungen, hier im Lechtal einige Standorte der Kreuzotter ausfindig zu machen", resümiert Völkl die bisherigen Ergebnisse. "Kreuzottern bevorzugen ihre gewohnten Paarungs- und Überwinterungsplätze. Auch zum Sonnenbaden verziehen sie sich gerne an ihre traditionellen Plätze", erklärt der Bayreuther Wissenschaftler.

Um übrigens Schlingnattern wieder finden und über einen längeren Zeitraum beobachten zu können, gaben die Schlangenexperten einigen erwachsenen Tieren kleine kapselförmige Sender zum Verschlucken: "So lässt sich die Schlange jederzeit und egal bei welcher Wetterlage ausfindig machen". Den Sender würgt die Natter vor ihrer nächsten Nahrungsaufnahme wieder aus. Funktioniert die eingebaute Batterie noch, stehen die Chancen gut, entweder das Tier oder zumindest den Sender anpeilen zu können.

M. A. Jürgen Abel |

Weitere Berichte zu: Lebensräume Naturschutz Reptil Reptilienart Tierökologen

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Neues Schiff für die Fischerei- und Meeresforschung
22.03.2017 | Johann Heinrich von Thünen-Institut, Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei

nachricht Mit voller Kraft auf Erregerjagd
22.03.2017 | Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Im Focus: Auf der Spur des linearen Ubiquitins

Eine neue Methode ermöglicht es, den Geheimcode linearer Ubiquitin-Ketten zu entschlüsseln. Forscher der Goethe-Universität berichten darüber in der aktuellen Ausgabe von "nature methods", zusammen mit Partnern der Universität Tübingen, der Queen Mary University und des Francis Crick Institute in London.

Ubiquitin ist ein kleines Molekül, das im Körper an andere Proteine angehängt wird und so deren Funktion kontrollieren und verändern kann. Die Anheftung...

Im Focus: Tracing down linear ubiquitination

Researchers at the Goethe University Frankfurt, together with partners from the University of Tübingen in Germany and Queen Mary University as well as Francis Crick Institute from London (UK) have developed a novel technology to decipher the secret ubiquitin code.

Ubiquitin is a small protein that can be linked to other cellular proteins, thereby controlling and modulating their functions. The attachment occurs in many...

Im Focus: Physiker erzeugen gezielt Elektronenwirbel

Einem Team um den Oldenburger Experimentalphysiker Prof. Dr. Matthias Wollenhaupt ist es mithilfe ultrakurzer Laserpulse gelungen, gezielt Elektronenwirbel zu erzeugen und diese dreidimensional abzubilden. Damit haben sie einen komplexen physikalischen Vorgang steuern können: die sogenannte Photoionisation oder Ladungstrennung. Diese gilt als entscheidender Schritt bei der Umwandlung von Licht in elektrischen Strom, beispielsweise in Solarzellen. Die Ergebnisse ihrer experimentellen Arbeit haben die Grundlagenforscher kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift „Physical Review Letters“ veröffentlicht.

Das Umwandeln von Licht in elektrischen Strom ist ein ultraschneller Vorgang, dessen Details erstmals Albert Einstein in seinen Studien zum photoelektrischen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

Über Raum, Zeit und Materie

22.03.2017 | Veranstaltungen

Unter der Haut

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Neues Schiff für die Fischerei- und Meeresforschung

22.03.2017 | Biowissenschaften Chemie

Mit voller Kraft auf Erregerjagd

22.03.2017 | Biowissenschaften Chemie