Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wie der Körper Autoimmunreaktionen verhindert - Möglicher Ansatzpunkt auch für Tumortherapien

14.04.2008
Diabetes mellitus Typ 1, Schuppenflechte, Multiple Sklerose und auch bestimmte Formen des Haarausfalls: Die Liste der Autoimmunerkrankungen des Menschen ließe sich lange fortsetzen. In all diesen Fällen richtet sich die Abwehrreaktion des Organismus gegen körpereigene Zellen oder Gewebe.

Als Ursache der fehlgerichteten Immunreaktion werden entsprechende genetische Anlagen in Kombination mit Umweltfaktoren vermutet. Verantwortlich für den Angriff sind dann in erster Linie für die Immunabwehr wichtige Abwehrfaktoren, die T-Zellen. Im gesunden Körper werden sie, wenn sie auf körpereigene Strukturen reagieren, in der Thymusdrüse vernichtet. Ein internationales Forscherteam um Professor Thomas Brocker, Institut für Immunologie der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München, konnte nun einen weiteren Mechanismus zur Prävention nachweisen.

Wie in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift "Immunity" berichtet, findet in den Lymphknoten und der Milz beständig eine Art Qualitätskontrolle statt, die sicherstellt, dass keine Abwehrreaktion gegen körpereigene Strukturen entsteht. "Dieser Befund könnte die Grundlage für neue Behandlungen gegen Autoimmunerkrankungen sein, möglicherweise aber auch Tumortherapien effektiver gestalten", so Brocker.

Autoreaktive T-Zellen heißen die Immunfaktoren, die auf körpereigene Strukturen reagieren und diese wie gefährliche Krankheitserreger bekämpfen. Ohne Behandlung können manche dieser Abwehrreaktionen zur Zerstörung von Organen und auch zum Tode führen. Die T-Zellen gehören zu den weißen Blutkörperchen und werden im Knochenmark gebildet. Ein Molekül an ihrer Oberfläche, der T-Zell-Rezeptor, erkennt hochspezifisch eine andere molekulare Struktur, das so genannte Antigen, und dockt daran an. Weil die Rezeptoren mit ihrer Fähigkeit zur Antigenerkennung aber nicht zielgerichtet, sondern zufällig produziert werden, müssen die T-Zellen in einem nachfolgenden Schritt sortiert werden. Die Selektion findet im Thymus statt. Dieses zweilappige Organ liegt im oberen Bereich des Brustkorbs und testet jede einzelne T-Zelle: Gefährliche Einzelgänger, die möglicherweise eine Abwehrreaktion gegen körpereigenes Material provozieren könnten, werden dabei vernichtet.

T-Zellen werden aber auch noch ein zweites Mal getestet, und zwar in den peripheren lymphatischen Organen des Körpers: Es sind vor allem die Lymphknoten und die Milz, in denen diese ständige Qualitätskontrolle abläuft. Zuständig dafür sind die dendritischen Zellen. Diese hochspezialisierte Zellart ist auch beteiligt an der so genannten Antigenpräsentation. Dabei werden Antigene - also fremde oder körpereigene Moleküle - den T-Zellen gezeigt, so dass diese gegebenfalls darauf reagieren können. Die dendritischen Zellen wandern aber auch aus Geweben und Organen, etwa Magen, Darm, Bauchspeicheldrüse, Lunge und Haut, kontinuierlich in die Lymphknoten ein und bringen dabei Gewebsmaterial mit. Die körpereigenen Proteine werden dort dann auf geeignete Weise den T-Zellen präsentiert. "Wenn die Immunzellen spezifisch körpereigene Proteine erkennen können, sind sie potentiell gefährlich und werden inaktiviert oder abgetötet", sagt Brocker. "Dieser Mechanismus neutralisiert also T-Zellen unseres Körpers, die das Potential besitzen, körpereigene Proteine zu erkennen und etabliert auf diesem Weg eine lebenswichtige periphere Toleranz."

Möglich ist dies unter anderem dank der Fähigkeit der dendritischen Zellen zur Kreuzpräsentiation: Sie können also mit Hilfe spezieller Mechanismen körpereigene Gewebsproteine aufnehmen, diese von den Geweben in die Lymphorgane transportieren und dort den so genannten Killer-T-Zellen präsentieren. Für die vorliegende Arbeit erzeugten die Forscher genetisch veränderte Mäuse, deren dendritische Zellen gezielte Defekte bei der Aufnahme und Kreuzpräsentation von körpereigenen Proteinen zeigen. "In diesen Tieren blieb die periphere Toleranzinduktion aus", berichtet Brocker. "Damit konnten autoreaktive T-Zellen akkumulieren und Autoimmunerkrankungen induzieren. Unsere Befunde zeigen erstmals, dass dieser aktive Prozess im Optimalfall T-Zellen entschärft und so das Entstehen von Autoimmunerkrankungen verhindert - und dass dendritische Zellen dabei eine zentrale Rolle spielen. Andererseits erklärt dies auch, warum es so schwer ist, eine Immunantwort gegen Tumoren zu erzeugen: Diese bestehen schließlich vornehmlich aus körpereigenem Material. Letztlich könnten unsere Ergebnisse also zu neuen Behandlungen von Autoimmunantworten führen, möglicherweise aber auch zur Verbesserung von Tumortherapien."

Publikation:
"Constitutive Crossrepresentation of Tissue-Antigens by Dendritic Cells Controls CD8+ T Cell Tolerance In Vivo",
Nancy Luckashenak, Samira Schroeder, Katrin Endt, Darja Schmidt, Karsten Mahnke, Martin F. Bachmann, Peggy Marconi, Cornelia A. Deeg, and Thomas Brocker,
Immunity, Bd. 28, Ausgabe 4, 11. April 2008,
DOI: 10.1016/; PII
Ansprechpartner:
Professor Dr. Thomas Brocker
Institut für Immunologie der LMU
Tel.: 089 / 2180 - 75674
Fax: 089 / 2180 - 9975674
E-Mail: brocker@lmu.de

Luise Dirscherl | idw
Weitere Informationen:
http://immuno.web.med.uni-muenchen.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Krebsdiagnostik: Pinkeln statt Piksen?
25.05.2018 | Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

nachricht Kugelmühlen statt Lösungsmittel: Nanographene mit Mechanochemie
25.05.2018 | Technische Universität Dresden

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Starke IT-Sicherheit für das Auto der Zukunft – Forschungsverbund entwickelt neue Ansätze

Je mehr die Elektronik Autos lenkt, beschleunigt und bremst, desto wichtiger wird der Schutz vor Cyber-Angriffen. Deshalb erarbeiten 15 Partner aus Industrie und Wissenschaft in den kommenden drei Jahren neue Ansätze für die IT-Sicherheit im selbstfahrenden Auto. Das Verbundvorhaben unter dem Namen „Security For Connected, Autonomous Cars (SecForCARs) wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung mit 7,2 Millionen Euro gefördert. Infineon leitet das Projekt.

Bereits heute bieten Fahrzeuge vielfältige Kommunikationsschnittstellen und immer mehr automatisierte Fahrfunktionen, wie beispielsweise Abstands- und...

Im Focus: Powerful IT security for the car of the future – research alliance develops new approaches

The more electronics steer, accelerate and brake cars, the more important it is to protect them against cyber-attacks. That is why 15 partners from industry and academia will work together over the next three years on new approaches to IT security in self-driving cars. The joint project goes by the name Security For Connected, Autonomous Cars (SecForCARs) and has funding of €7.2 million from the German Federal Ministry of Education and Research. Infineon is leading the project.

Vehicles already offer diverse communication interfaces and more and more automated functions, such as distance and lane-keeping assist systems. At the same...

Im Focus: Mit Hilfe molekularer Schalter lassen sich künftig neuartige Bauelemente entwickeln

Einem Forscherteam unter Führung von Physikern der Technischen Universität München (TUM) ist es gelungen, spezielle Moleküle mit einer angelegten Spannung zwischen zwei strukturell unterschiedlichen Zuständen hin und her zu schalten. Derartige Nano-Schalter könnten Basis für neuartige Bauelemente sein, die auf Silizium basierende Komponenten durch organische Moleküle ersetzen.

Die Entwicklung neuer elektronischer Technologien fordert eine ständige Verkleinerung funktioneller Komponenten. Physikern der TU München ist es im Rahmen...

Im Focus: Molecular switch will facilitate the development of pioneering electro-optical devices

A research team led by physicists at the Technical University of Munich (TUM) has developed molecular nanoswitches that can be toggled between two structurally different states using an applied voltage. They can serve as the basis for a pioneering class of devices that could replace silicon-based components with organic molecules.

The development of new electronic technologies drives the incessant reduction of functional component sizes. In the context of an international collaborative...

Im Focus: GRACE Follow-On erfolgreich gestartet: Das Satelliten-Tandem dokumentiert den globalen Wandel

Die Satellitenmission GRACE-FO ist gestartet. Am 22. Mai um 21.47 Uhr (MESZ) hoben die beiden Satelliten des GFZ und der NASA an Bord einer Falcon-9-Rakete von der Vandenberg Air Force Base (Kalifornien) ab und wurden in eine polare Umlaufbahn gebracht. Dort nehmen sie in den kommenden Monaten ihre endgültige Position ein. Die NASA meldete 30 Minuten später, dass der Kontakt zu den Satelliten in ihrem Zielorbit erfolgreich hergestellt wurde. GRACE Follow-On wird das Erdschwerefeld und dessen räumliche und zeitliche Variationen sehr genau vermessen. Sie ermöglicht damit präzise Aussagen zum globalen Wandel, insbesondere zu Änderungen im Wasserhaushalt, etwa dem Verlust von Eismassen.

Potsdam, 22. Mai 2018: Die deutsch-amerikanische Satellitenmission GRACE-FO (Gravity Recovery And Climate Experiment Follow On) ist erfolgreich gestartet. Am...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Im Fokus: Klimaangepasste Pflanzen

25.05.2018 | Veranstaltungen

Größter Astronomie-Kongress kommt nach Wien

24.05.2018 | Veranstaltungen

22. Business Forum Qualität: Vom Smart Device bis zum Digital Twin

22.05.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Berufsausbildung mit Zukunft

25.05.2018 | Unternehmensmeldung

Untersuchung der Zellmembran: Forscher entwickeln Stoff, der wichtigen Membranbestandteil nachahmt

25.05.2018 | Interdisziplinäre Forschung

Starke IT-Sicherheit für das Auto der Zukunft – Forschungsverbund entwickelt neue Ansätze

25.05.2018 | Informationstechnologie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics