Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Männliche Partnerwahl und die stabile Koexistenz sexueller und asexueller Fischarten

05.03.2008
Warum gibt es Sex? Natürlich ist damit nicht die Frage gemeint, warum es zwischen einigen Menschen zu weitreichenden Kontakten kommt, zwischen anderen dagegen nicht.

In der Biologie ist es eine wesentliche Frage, zu erklären, warum es sexuelle Rekombination in der Natur gibt. Dr. Martin Plath von der Arbeitsgruppe Tierökologie der Universität Potsdam untersucht gemeinsam mit seinen amerikanischen Kollegen Rüdiger Riesch und Prof. Ingo Schlupp vom Department of Zoology in Norman, Oklahoma (USA) die Koexistenz sexueller und asexueller Fischarten der Gattung Poecilia (lebendgebärende Zahnkärpflinge) in Südtexas und Nordmexiko.

Nicht selten kommt es vor, dass in einer Population spontan eine Mutante, ein genetisch verändertes Lebewesen, auftritt, die keinen Sex braucht, um Nachkommen hervorzubringen. Was passiert nun in solchen "gemischten" Populationen? Die asexuelle Art besteht nur aus Weibchen und erzeugt in der nächsten Generation erneut nur weibliche Nachkommen, die mit der Mutter genetisch identisch sind. Man spricht hier von natürlichen Klonen. Anders hingegen ist es bei der sexuellen Art. Hier entstehen zu gleichen Anteilen Männchen und Weibchen. Diese Männchen erzeugen selber keine Jungtiere, sondern liefern lediglich Spermien, so dass theoretisch sehr wenige Männchen ausreichen würden, um eine sexuelle Population "am Leben" zu erhalten. Theoretische Überlegungen zeigen, dass sexuelle Arten einen Nachteil gegenüber asexuellen haben, weil das Populationswachstum asexueller Arten das der sexuellen bei weitem übertrifft. Längerfristig führt dies zum lokalen Aussterben sexueller Arten.

In Texas bilden asexuelle Amazonenkärpflinge (Poecilia formosa) mit sexuellen Breitflossenkärpflingen (P. latipinna) gemischte Populationen. Die Besonderheit in diesem System liegt darin, dass die asexuellen Amazonenkärpflinge spermienabhängig sind. Das heißt, sie erzeugen zwar klonale Nachkommen, benötigen aber Spermien der sexuellen Art, um die Embryonalentwicklung ihrer Eier auszulösen. In solchen Systemen, so sagen es theoretische Modelle voraus, wird langfristig zuerst die sexuelle Art verdrängt, und kurz darauf stirbt die asexuelle Art aus, da sie nicht ohne die Männchen der sexuellen Art existieren kann. Es ergibt sich die Frage, warum beide Arten stabil miteinander koexistieren können. Aus Studien ist bekannt, dass Breitflossenkärpflingsmännchen im Labor Paarungspräferenzen für arteigene Weibchen zeigen. Theoretisch könnte die "Verhaltensregulation" tatsächlich eine wichtige Rolle für die Koexistenz sexueller und asexueller Poecilia-Arten spielen, wenn die Partnerwahl der Männchen den asexuellen Weibchen einen Nachteil in Form von geringeren Nachkommenszahlen verschafft. Bislang war es jedoch völlig unklar, ob männliche Partnerwahl unter natürlichen Bedingungen stattfindet und ob dies Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit der zwei Weibchentypen im Freiland hat. Männchen gelten als weniger wählerisch im Vergleich zu den Weibchen, da die Spermienproduktion als wenig energieaufwendig angesehen wird. In einer Feldstudie wurden gemischte Populationen im Verlauf eines Jahres mehrfach beprobt. Weibchen beider Arten wurden untersucht. Es stellte sich heraus, dass ein wesentlich höherer Anteil sexueller Weibchen Spermien in ihrem Genitaltrakt hatte. Unter diesen Weibchen war die Anzahl der Spermien im Genitaltrakt bei den sexuellen Weibchen höher. Weitere Untersuchungen zeigen, dass asexuelle Weibchen eine größere Anzahl unbefruchtete Eier haben als sexuelle. Es scheint also, dass die männliche Partnerwahl in der Tat der Schlüssel zum Verständnis der stabilen Koexistenz sexueller und asexueller Poecilia-Arten darstellt.

... mehr zu:
»Koexistenz »Poecilia »Population »Sperma

Ihre neuesten Forschungsergebnisse veröffentlichen die Biologen aus Potsdam und Norman in der Zeitschrift Biology Letters der Proceedings of the Royal Society London.

Hinweis an die Redaktionen:
Für weitere Informationen steht Ihnen Dr. Martin Plath von der Universität Potsdam telefonisch unter 0331/977-5586, E-Mail: mplath@uni-potsdam.de oder martin_plath@web.de zur Verfügung.

Riesch, R.; Schlupp, I.; Plath, M. (2008) Female sperm-limitation in natural populations of a sexual/asexual mating-complex (Poecilia latipinna, Poecilia formosa). Proceedings of the Royal Society London: Biology Letters, online 5. März 2008

Andrea Benthien | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-potsdam.de/pressmitt/2008/pm034_08.htm

Weitere Berichte zu: Koexistenz Poecilia Population Sperma

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Auf der molekularen Streckbank
24.02.2017 | Technische Universität München

nachricht Sicherungskopie im Zentralhirn: Wie Fruchtfliegen ein Ortsgedächtnis bilden
24.02.2017 | Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: „Vernetzte Autonome Systeme“ von acatech und DFKI auf der CeBIT

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kooperation mit der Deutschen Messe AG vernetzte Autonome Systeme. In Halle 12 am Stand B 63 erwarten die Besucherinnen und Besucher unter anderem Roboter, die Hand in Hand mit Menschen zusammenarbeiten oder die selbstständig gefährliche Umgebungen erkunden.

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für...

Im Focus: Kühler Zwerg und die sieben Planeten

Erdgroße Planeten mit gemäßigtem Klima in System mit ungewöhnlich vielen Planeten entdeckt

In einer Entfernung von nur 40 Lichtjahren haben Astronomen ein System aus sieben erdgroßen Planeten entdeckt. Alle Planeten wurden unter Verwendung von boden-...

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Im Focus: HIGH-TOOL unterstützt Verkehrsplanung in Europa

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt sich bewerten, wie verkehrspolitische Maßnahmen langfristig auf Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt wirken. HIGH-TOOL ist ein frei zugängliches Modell mit Modulen für Demografie, Wirtschaft und Ressourcen, Fahrzeugbestand, Nachfrage im Personen- und Güterverkehr sowie Umwelt und Sicherheit. An dem nun erfolgreich abgeschlossenen EU-Projekt unter der Koordination des KIT waren acht Partner aus fünf Ländern beteiligt.

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt...

Im Focus: Zinn in der Photodiode: nächster Schritt zur optischen On-Chip-Datenübertragung

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium allein – die stoffliche Basis der Chip-Produktion – sind als Lichtquelle kaum geeignet. Jülicher Physiker haben nun gemeinsam mit internationalen Partnern eine Diode vorgestellt, die neben Silizium und Germanium zusätzlich Zinn enthält, um die optischen Eigenschaften zu verbessern. Das Besondere daran: Da alle Elemente der vierten Hauptgruppe angehören, sind sie mit der bestehenden Silizium-Technologie voll kompatibel.

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Aufbruch: Forschungsmethoden in einer personalisierten Medizin

24.02.2017 | Veranstaltungen

Österreich erzeugt erstmals Erdgas aus Sonnen- und Windenergie

24.02.2017 | Veranstaltungen

Big Data Centrum Ostbayern-Südböhmen startet Veranstaltungsreihe

23.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Fraunhofer HHI auf dem Mobile World Congress mit VR- und 5G-Technologien

24.02.2017 | Messenachrichten

MWC 2017: 5G-Hauptstadt Berlin

24.02.2017 | Messenachrichten

Auf der molekularen Streckbank

24.02.2017 | Biowissenschaften Chemie