Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Artenvielfalt in der Tiefsee vor Westafrika

18.08.2000


... mehr zu:
»Expedition »Tiefsee
In einer Meerestiefe von mehr als fünf Kilometern kommen vor der westafrikanischen Küste bestimmte Arten von Geißeltierchen vor, die auch den Rhein sowie den Naturstein des Kölner Doms besiedeln. Dieses Ergebnis
hat Professor Dr. Hartmut Arndt und Markus Weitere vom Zoologischen Institut der Universität zu Köln selbst überrascht. Die beiden Kölner Forscher haben im Juli an der internationalen und interdisziplinären Expedition "DIVA 1" teilgenommen. Die Expedition hatte das Ziel, die Vielfalt der Organismen der Tiefsee des Angola-Beckens vor der Küste Westafrikas zu beschreiben.

Zwar sehen die Geißeltierchen nicht so spektakulär aus wie einige Tiefseefische, aber nach den Erkenntnissen der beiden Forscher sind sie die häufigsten Tiere der Tiefsee. Bisher war ihr Vorkommen in solchen Tiefen nicht bekannt. Besonders häufig sind sie an solchen Stellen, wo sich auf hartem Grund nährstoffreiche Substanzen im ansonsten weichen und nährstoffarmen Tiefseeboden angereichert haben. Ein solches Nährsubstrat bilden die abgefallenen Schuppen von Seeigeln der Tiefsee sowie die Röhren von vielborstigen Würmern, aber auch Kohleschlacken, die aus der Zeit der Dampfschifffahrt stammen: Das untersuchte Gebiet liegt auf der Route einer Dampfschifffahrtsgesellschaft, die vor knapp 100 Jahren regelmäßig Westafrika und Kapstadt anlief. Diese Spuren der Zivilisation beeinflussen die Tierwelt des Meeresbodens. Im Rahmen der Expedition werden sie erstmals als Oasen mikrobieller Aktivität beschrieben. Neben den Geißeltierchen leben hier unter anderem einige Wurmarten, Schwämme sowie Polypen, die sich auf die Schlacke heften oder dort in selbst gebauten Röhren leben.

Nach zweijähriger Vorbereitung der Forschungspläne durch ein interdisziplinäres Team war das Forschungsschiff "Meteor" am 6. Juli 2000 aus dem Hafen Walfisbay in Namibia gestartet und hatte fast drei Tage später das Angola-Becken erreicht. Mit Bodengreifern, Schleppnetzen und einem Tiefseeschlitten wurden Bodenproben aus einer Tiefe von bis zu 5.500 Metern gewonnen. Die Expedition war sehr erfolgreich. Bisher war das Angola-Becken ein weißer Fleck auf der biologischen Landkarte. Viele der jetzt gefangenen Tierarten sind noch nie von Menschen erblickt, also bisher auch nicht wissenschaftlich beschrieben worden. Neben typischen Tiefseefischen (aalartige Fische, Beilbauchfische, auf Flossen stolzierende Fische) wurden vor allem Tiefseegarnelen, Schlangensterne, Muscheln und Schwämme gefunden. Die Zahl der Tiere ist allerdings aufgrund der spärlichen verfügbaren Nahrungsmenge sehr gering.

Der größte Anteil der gefundenen Organismen ist jedoch so klein, dass sie nur unter dem Mikroskop identifiziert werden können. Zu ihnen gehören winzige Ruderfußkrebse, die in einer großen Formenvielfalt auftreten, kleine Meeresborstenwürmer, bizarre, sehr fragile, bedornte Tiefseeasseln mit langen Stelzbeinen und andere Mikrokrebse. Die an der Expedition beteiligten Forscher rechnen damit, dass in den gewonnenen Proben über 100 neue Tierarten enthalten sind. Sie sollen nun in den Labors der verschiedenen Universitäten und Forschungseinrichtungen weiter untersucht werden.

Die Geißeltierchen interessieren die Kölner Zoologen besonders wegen ihrer großen Anpassungsfähigkeit: Die fast ausschließlich aus Wasser bestehenden Einzeller können nicht nur den in der Tiefe von 5.500 Metern herrschenden Druck von etwa 550 Atmosphären aushalten (250 Mal mehr als in einem Autoreifen), sondern sie sind auch in der Lage, innerhalb von wenigen Minuten aus Ruhestadien zu schlüpfen und sich bei Nahrungsmangel sofort wieder in ein solches Stadium umzuformen. Dieses Phänomen hat eine große Bedeutung für die Tiefseeökologie und wird weitere umfangreiche Untersuchungen nach sich ziehen. Mit den Ruhestadien scheint auch die weite Verbreitung einiger Geißeltierchenarten in Zusammenhang zu stehen. Im molekularbiologischen Labor in Köln will Professor Arndt mit seiner Arbeitsgruppe nach der Rückkehr im August die Beziehung zwischen den entfernten Populationen mit ihrem Vorkommen in der Tiefsee, auf dem Kölner Dom und im Rhein klären.

Ein Bild des Forschungsschiffs Meteor ist unter URL http://www.uni-koeln.de/organe/presse/pi/08_2000/116_00.htm herunterladbar.

Verantwortlich: Antje Schütt M.A.

Für Rückfragen steht Ihnen Professor Dr. Hartmut Arndt unter der Telefonnummer 0221/470-3100 und der Fax-Nummer 0221/470-5932 sowie der E-Mail Adresse Hartmut.Arndt@uni-koeln.de zur Verfügung.
Unsere Presseinformationen finden Sie auch im World Wide Web
(http://www.uni-koeln.de/organe/presse/pi/index.html).

Für die Übersendung eines Belegexemplars wären wir Ihnen dankbar.

Gabriele Rutzen |

Weitere Berichte zu: Expedition Tiefsee

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Forscher entschlüsseln zentrales Reaktionsprinzip von Metalloenzymen
16.01.2018 | Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen

nachricht Leuchtende Echsen - Knochenbasierte Fluoreszenz bei Chamäleons
15.01.2018 | Staatliche Naturwissenschaftliche Sammlungen Bayerns

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Forscher entschlüsseln zentrales Reaktionsprinzip von Metalloenzymen

Sogenannte vorverspannte Zustände beschleunigen auch photochemische Reaktionen

Was ermöglicht den schnellen Transfer von Elektronen, beispielsweise in der Photosynthese? Ein interdisziplinäres Forscherteam hat die Funktionsweise wichtiger...

Im Focus: Scientists decipher key principle behind reaction of metalloenzymes

So-called pre-distorted states accelerate photochemical reactions too

What enables electrons to be transferred swiftly, for example during photosynthesis? An interdisciplinary team of researchers has worked out the details of how...

Im Focus: Erstmalige präzise Messung der effektiven Ladung eines einzelnen Moleküls

Zum ersten Mal ist es Forschenden gelungen, die effektive elektrische Ladung eines einzelnen Moleküls in Lösung präzise zu messen. Dieser fundamentale Fortschritt einer vom SNF unterstützten Professorin könnte den Weg für die Entwicklung neuartiger medizinischer Diagnosegeräte ebnen.

Die elektrische Ladung ist eine der Kerneigenschaften, mit denen Moleküle miteinander in Wechselwirkung treten. Das Leben selber wäre ohne diese Eigenschaft...

Im Focus: The first precise measurement of a single molecule's effective charge

For the first time, scientists have precisely measured the effective electrical charge of a single molecule in solution. This fundamental insight of an SNSF Professor could also pave the way for future medical diagnostics.

Electrical charge is one of the key properties that allows molecules to interact. Life itself depends on this phenomenon: many biological processes involve...

Im Focus: Wie Metallstrukturen effektiv helfen, Knochen zu heilen

Forscher schaffen neue Generation von Knochenimplantaten

Wissenschaftler am Julius Wolff Institut, dem Berlin-Brandenburger Centrum für Regenerative Therapien und dem Centrum für Muskuloskeletale Chirurgie der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

2. Hannoverscher Datenschutztag: Neuer Datenschutz im Mai – Viele Unternehmen nicht vorbereitet!

16.01.2018 | Veranstaltungen

Fachtagung analytica conference 2018

15.01.2018 | Veranstaltungen

Tagung „Elektronikkühlung - Wärmemanagement“ vom 06. - 07.03.2018 in Essen

11.01.2018 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rittal mit neuem Onlineauftritt - Lösungskompetenz für alle IT-Szenarien

16.01.2018 | Unternehmensmeldung

Die „dunkle“ Seite der Spin-Physik

16.01.2018 | Physik Astronomie

Wetteranomalien verstärken Meereisschwund

16.01.2018 | Geowissenschaften