Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Das Spiel mit dem Klima

19.02.2008
Klimaschutz kann gelingen, auch wenn jeder nur an sich selbst denkt

Wenn wir unseren Kohlendioxid-Ausstoß bis 2050 nicht um 50 Prozent senken, dann werden Teile der Welt möglicherweise unbewohnbar. Das stellt die Menschen vor ein soziales Dilemma: Wenn alle in den Klimaschutz investieren, dann lassen sich zumindest die dramatischen Folgen des "gefährlichen Klimawandels" vermeiden. Aber für jeden einzelnen Investor besteht dabei die Gefahr, dass zu viele andere nicht oder zu wenig investieren.


Die Verlustwahrscheinlichkeit macht Druck: Gruppen von Studenten erreichen das kollektive Klimaschutzziel nur, wenn ein Misserfolg einen zu 90% wahrscheinlichen Verlust ihres Geldes erwarten lässt (blaue Linie). Selbst dann haben sie dabei noch Probleme: Die Summe an Investitionen erreicht den notwendigen Grenzwert (schwarze Linie) erst in der letzten Runde des Spiels. Beträgt die Verlustwahrscheinlichkeit nur 50% (grüne Linie) oder 10% (rosa Linie), dann entfernen sich die kollektiven Investitionen der Studenten sogar immer mehr vom Grenzwert. Bild: MPI für Evolutionsbiologie/MPI für Meteorologie

Und das bedeutet: Er verliert seinen Einsatz und die Folgen treten trotzdem ein. Wie lassen sich Menschen angesichts einer solchen Situation zum gemeinsamen Klimaschutz bewegen? Die Wissenschaftler aus den Max-Planck-Instituten für Evolutionsbiologie und Meteorologie simulierten das Dilemma in einem Experiment. Ihre Versuchspersonen erreichten nur dann ein gemeinsames Klimaschutzziel, wenn jede einzelne überzeugt war, dass ein Versagen mit hoher Wahrscheinlichkeit persönliche Folgen haben würde. (PNAS, 18. Februar 2008)

Es ist die "tragedy of commons", die Tragödie des Allgemeinguts, dass es hoffnungslos von allen ausgebeutet wird. Da es für alle kostenlos ist, geht kaum einer besonders rücksichtsvoll damit um. Das trifft zum Beispiel bei der Überfischung der Meere zu, aber auch beim globalen Klima: Wir verschmutzen die Atmosphäre mehr und mehr mit Treibhausgasen. Die Welt müsste ihre CO2-Emission bis 2050 um 50% senken - das wäre für uns alle von Vorteil, denn die globale Erwärmung trifft auch uns. Aber die individuelle Investition in den Klimaschutz birgt ein persönliches Risiko: Wenn uns das nicht alle gleich tun, dann haben wir umsonst investiert und müssen die Folgen trotzdem tragen. Die gemeinsame Rettung des Allgemeinguts "Atmosphäre" könnte vielleicht gelingen, wenn der Misserfolg für jeden einzelnen sehr wahrscheinliche hohe finanzielle Verluste hätte. Das bestätigte jetzt ein gemeinsames Experiment der Wissenschaftler von den Max-Planck-Instituten für Evolutionsbiologie und für Meteorologie. Aber das Experiment zeigt auch, dass Menschen selbst dann noch in einigen Fällen nicht genug investieren.

... mehr zu:
»Klimaschutz

Die Forscher benutzten einen Ansatz aus der Spieltheorie. Sie ließen dreißig Gruppen von jeweils sechs Studenten am Computer ein interaktives Spiel spielen, bei dem jeder Einzelne Geld von seinem Konto in den "Klimaerhalt" investieren konnte. Die Studenten einer Gruppe mussten gemeinsam ein Ziel von 120 Euro erreichen, um den simulierten "gefährlichen Klimawandel" abzuwenden. Jeder Student verfügte über ein Startguthaben von 40 Euro. Er konnte in zehn aufeinander folgenden Runden jeweils entweder vier Euro, zwei Euro oder null Euro investieren. Die Wahl des Einzelnen geschah anonym, er konnte dadurch also weder sein Gesicht verlieren noch Reputation gewinnen. Die sechs eingezahlten Beträge wurden aber jedem Spieler in jeder Runde angezeigt und er konnte somit die Strategien der anderen Mitspieler beobachten. Das Spiel war finanziell lukrativ: Wenn eine Gruppe die 120 Euro aufbrachte, dann bekam jede Versuchsperson das restliche Guthaben auf ihrem eigenen Konto bar ausgezahlt. Gelang das nicht, verlor hingegen jeder alles, und zwar mit der vom Computer ausgewürfelten Wahrscheinlichkeit von 90%.

"Jeder Student möchte am Ende möglichst viel Geld erhalten", sagt Manfred Milinski, Direktor am Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie. "Aber dazu muss er gemeinsam mit den anderen das kollektive Ziel erreichen." Jeder einzelne könnte nun darauf spekulieren, dass die anderen in seiner Gruppe genug investieren würden. Er kann sich zurückhalten und hat am Ende mehr Geld auf seinem Konto. Aber das birgt wiederum das Risiko, dass das kollektive Ziel nicht erreicht wird und der Gewinn somit mit hoher Wahrscheinlichkeit ausbleibt. Bei einer Verlustwahrscheinlichkeit von 90% ist es daher rational, Geld einzuzahlen. Nicht rational wäre es einzuzahlen, wenn das Verlustrisiko 50% oder gar nur 10% betragen würde. Auch diese zwei anderen Fälle simulierten die Forscher. So erfolgte der Verlust des Restguthabens bei einigen Gruppen mit einer Wahrscheinlichkeit von 50% oder nur 10%, wenn das kollektive Ziel nicht erreicht wurde.

"Wir wollten wissen, ob die egoistischen Überlegungen von Einzelnen zu einem kollektiven Erfolg führen würden, wenn das Verfehlen des kollektiven Ziels mit hoher Wahrscheinlichkeit den Verlust des restlichen Besitzes kostet", sagt Milinski. "Also genau die Verhältnisse, die wir haben, um den gefährlichen Klimawandel abzuwenden." Und dies traf tatsächlich zu. Die Hälfte der Gruppen, die einen Verlust mit neunzigprozentiger Wahrscheinlichkeit erwarteten, erreichte die Grenzmarke von 120 Euro, die andere Hälfte erreichte sie immerhin fast - und büßte ihr Restvermögen meistens ein. Alle anderen Gruppen dagegen blieben weit unter den 120 Euro. Es engagierten sich also besonders diejenigen Personen, die fürchteten, dass sie für den Fall eines kollektiven Misserfolgs mit hoher Wahrscheinlichkeit ihr Geld verlieren würden. Einige Studenten - die Minderheit - investierten sogar mehr als im Durchschnitt pro Person nötig gewesen wäre. Sie "opferten" sich, weil sie sahen, dass andere zu wenig investierten.

"Dieses Experiment zeigt, dass man die Menschen von den noch zu erwartenden dramatischen Auswirkungen des Klimawandels überzeugen muss", sagt Jochem Marotzke, Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie. Nur wenn sie sichere persönliche Nachteile fürchten, engagieren sie sich beim gemeinsamen Klimaschutz. "Aber bedenklich ist, dass die 90%-Verlustrisikogruppen es in der Hälfte der Fälle nicht geschafft haben, die 120 Euro aufzubringen", sagt Marotzke. "Das ist die schlechte Botschaft, denn größere Gruppen hätten sehr sicher noch mehr Probleme." So ist die Anzahl der Spieler, die am globalen "Klimaspiel" teilnehmen, wesentlich höher als die Anzahl derjenigen im Experiment. "Vielleicht lassen sich die Ergebnisse unserer Arbeit besser auf kleine Versammlungen wie die der G-8 Staaten übertragen", sagt Milinski. In jedem Falle müsse man aber an die eigenen Interessen der Beteiligten appellieren.

Originalveröffentlichung:

Manfred Milinski, Ralf D. Sommerfeld, Hans-Jürgen Krambeck, Floyd A. Reed & Jochem Marotzke
The collective risk social dilemma and the prevention of simulated dangerous climate change

PNAS Online Early Edition, 18. Februar 2008

Dr. Bernd Wirsing | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de

Weitere Berichte zu: Klimaschutz

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Der Evolutionsvorteil der Strandschnecke
28.03.2017 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

nachricht Mobile Goldfinger
28.03.2017 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Entwicklung miniaturisierter Lichtmikroskope - „ChipScope“ will ins Innere lebender Zellen blicken

Das Institut für Halbleitertechnik und das Institut für Physikalische und Theoretische Chemie, beide Mitglieder des Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), der Technischen Universität Braunschweig, sind Partner des kürzlich gestarteten EU-Forschungsprojektes ChipScope. Ziel ist es, ein neues, extrem kleines Lichtmikroskop zu entwickeln. Damit soll das Innere lebender Zellen in Echtzeit beobachtet werden können. Sieben Institute in fünf europäischen Ländern beteiligen sich über die nächsten vier Jahre an diesem technologisch anspruchsvollen Projekt.

Die zukünftigen Einsatzmöglichkeiten des neu zu entwickelnden und nur wenige Millimeter großen Mikroskops sind äußerst vielfältig. Die Projektpartner haben...

Im Focus: A Challenging European Research Project to Develop New Tiny Microscopes

The Institute of Semiconductor Technology and the Institute of Physical and Theoretical Chemistry, both members of the Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), at Technische Universität Braunschweig are partners in a new European research project entitled ChipScope, which aims to develop a completely new and extremely small optical microscope capable of observing the interior of living cells in real time. A consortium of 7 partners from 5 countries will tackle this issue with very ambitious objectives during a four-year research program.

To demonstrate the usefulness of this new scientific tool, at the end of the project the developed chip-sized microscope will be used to observe in real-time...

Im Focus: Das anwachsende Ende der Ordnung

Physiker aus Konstanz weisen sogenannte Mermin-Wagner-Fluktuationen experimentell nach

Ein Kristall besteht aus perfekt angeordneten Teilchen, aus einer lückenlos symmetrischen Atomstruktur – dies besagt die klassische Definition aus der Physik....

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Industriearbeitskreis »Prozesskontrolle in der Lasermaterialbearbeitung ICPC« lädt nach Aachen ein

28.03.2017 | Veranstaltungen

Neue Methoden für zuverlässige Mikroelektronik: Internationale Experten treffen sich in Halle

28.03.2017 | Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Von Agenten, Algorithmen und unbeliebten Wochentagen

28.03.2017 | Unternehmensmeldung

Hannover Messe: Elektrische Maschinen in neuen Dimensionen

28.03.2017 | HANNOVER MESSE

Dimethylfumarat – eine neue Behandlungsoption für Lymphome

28.03.2017 | Medizin Gesundheit