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Bachnetzwerke regulieren mikrobielle Gemeinschaftsgefüge

19.08.2014

Biofilme im Bachnetzwerk der Ybbs analysiert

Ein interdisziplinäres Forschungsteam rund um den Limnologen Tom J. Battin von der Universität Wien zeigt erstmals, dass die Organisation mikrobieller Lebensgemeinschaften von der Organisation der Umwelt, in der die Mikroorganismen leben, beeinflusst wird.


ForscherInnen der Universität Wien haben Biofilme in den Zuflüssen der Ybbs untersucht.

Copyright: Tom Battin


Die mikrobielle Diversität ist in den kleinsten Bächen am höchsten; im Bild die Ybbs.

Copyright: Amber Ulseth

Die WissenschafterInnen sequenzierten dazu die DNA von Biofilmen aus 114 Bächen im Einzugsgebiet der Ybbs und errechneten über Netzwerkanalysen das Gefüge der mikrobiellen Gemeinschaften. Ihre Ergebnisse publizieren sie in der renommierten Fachzeitschrift PNAS.

Mikroorganismen steuern wesentliche Prozesse in Ökosystemen und spielen Schlüsselrollen in biogeochemischen Kreisläufen. In Bächen und Flüssen dominieren Biofilme das mikrobielle Leben. Dort koexistieren – und interagieren – auf engem Raum hunderte bis tausende Bakterienarten.

"Vermutlich haben die Interaktionen zwischen diesen Bakterienarten wesentlich zum evolutionären Erfolg der Biofilme beigetragen", sagt Tom J. Battin, Professor am Department für Limnologie und Ozeanographie der Universität Wien. Bisher war unklar, wie sich die Bakterienarten in Gemeinschaften zusammenfügen – und wie diese Gefüge von der Umwelt beeinflusst werden. "Diese Frage zu beantworten ist jedoch essenziell, da der Mensch die Umwelt zunehmend beeinflusst und oft nachhaltig verändert", so der Limnologe.

Biofilme aus von 114 Bächen analysiert und Hydrologie modelliert

In ihrer aktuellen Publikation zeigt das interdisziplinäre Team der Universität Wien rund um Tom J. Battin, wie sich die räumliche Organisation von Bachnetzwerken auf das Gemeinschaftsgefüge der Bakterien in Biofilmen auswirkt. Hierzu sequenzierte die mikrobielle Ökologin Katharina Besemer vom Department für Limnologie und Ozeanographie gemeinsam mit Kollegen der University of Glasgow die DNA von Biofilmen aus 114 Bächen im Einzugsgebiet der Ybbs.

Anschließend konstruierte Stefanie Widder vom Department für Mikrobielle Ökologie und Ökosystemforschung aus den gewonnen Sequenzdaten die Gemeinschaftsgefüge der Biofilme. WissenschafterInnen der renommierten Ecole Polytechnique Fédérale Lausanne entwickelten ein hydrologisches Modell, welches das hydrologische Regime in den untersuchten Bächen beschreibt.

Gemeinschaftsgefüge der Biofilme ist kein Zufall

Die Ergebnisse der Studie sind erstaunlich. Die ForscherInnen fanden heraus, dass sich das Gemeinschaftsgefüge der Biofilme nicht zufällig über das Bachnetzwerk der Ybbs verändert. Vielmehr legen ihre Ergebnisse nahe, dass das mikrobielle Gemeinschaftsgefüge den Fingerabdruck vom Bachnetzwerk selber trägt.

Hydrologische Schwankungen sind in kleinen Bächen stärker ausgeprägt als in größeren Bächen, was zu unterschiedlichen Störungsmuster für ökologische Gemeinschaften führt. Weiters sind Gemeinschaften in den kleinen Bächen im Oberlauf ziemlich isoliert und dadurch in ihrer Verbreitung begrenzt. Dies hat wiederum Einfluss auf die Biodiversität. Abweichungen von natürlichen Schwankungen in Hydrologie und Verbreitung von Arten können ein Störfaktor für die Stabilität lokaler Biofilmgemeinschaften sein.

Störfaktoren können mikrobielles Gemeinschaftsgefüge zerstören

Mikrobielle Lebensgemeinschaften brechen regelrecht auseinander, wenn zu viele Störungen vorliegen, wie die neue Studie zeigt. "Um dies zu belegen, haben wir neueste Methoden der Netzwerkanalyse kombiniert und weiterentwickelt sowie Computersimulationen durchgeführt", sagt Stefanie Widder. In Kombination mit den Sequenzdaten konnte auch gezeigt werden, welche mikrobiellen Gruppen das Gemeinschaftsgefüge zusammenhalten und dass diese besonders sensibel auf Störungseinflüsse reagieren. Die Studie legt nahe, dass sich z.B. das Aufstauen von Wasser oder Flussregulierungen – also alle Eingriffe in die Hydrologie –, auf das Gemeinschaftsgefüge mikrobieller Biofilme auswirken können.

Die Studie erscheint aktuell in der renommierten US-amerikanischen Fachzeitschrift PNAS und wird mit einem besonderen Feature gewürdigt.

Publikation in "Proceedings of the National Academy of Sciences" (PNAS):
Fluvial network organization imprints on microbial co-occurrence networks. Stefanie Widder, Katharina Besemer, Gabriel A. Singer, Serena Ceola, Enrico Bertuzzo, Christopher Quince, William T. Sloan, Andrea Rinaldo and Tom J. Battin. (August 2014)
DOI: 10.1073/pnas.1411723111

Weitere Information zum Forschungsschwerpunkt Biodiversität in Bächen finden Sie unter:
http://medienportal.univie.ac.at/uniview/forschung/detailansicht/artikel/biodive...

Wissenschaftlicher Kontakt
Univ.-Prof. Dr. Tom Battin
Department für Limnologie und Ozeanographie
Universität Wien
1090 Wien, Althanstraße 14
T +43-1-4277-764 10
tom.battin@univie.ac.at

Dr. Stefanie Widder
Department für Mikrobiologie und Ökosystemsforschung
Universität Wien
1090 Wien, Althanstraße 14
T +43-1-4277- 766 83
stefanie.widder@univie.ac.at

Rückfragehinweis
Mag. Veronika Schallhart
Pressebüro der Universität Wien
Forschung und Lehre
1010 Wien, Universitätsring 1
T +43-1-4277-175 30
M +43-664-602 77-175 30
veronika.schallhart@univie.ac.at

Die Universität Wien ist eine der ältesten und größten Universitäten Europas: An 15 Fakultäten und vier Zentren arbeiten rund 9.700 MitarbeiterInnen, davon 6.900 WissenschafterInnen. Die Universität Wien ist damit auch die größte Forschungsinstitution Österreichs sowie die größte Bildungsstätte: An der Universität Wien sind derzeit rund 92.000 nationale und internationale Studierende inskribiert. Mit über 180 Studien verfügt sie über das vielfältigste Studienangebot des Landes. Die Universität Wien ist auch eine bedeutende Einrichtung für Weiterbildung in Österreich. 1365 gegründet, feiert die Alma Mater Rudolphina Vindobonensis im Jahr 2015 ihr 650-jähriges Gründungsjubiläum. http://www.univie.ac.at

Weitere Informationen:

http://medienportal.univie.ac.at/uniview/forschung/detailansicht/artikel/biodive...

Stephan Brodicky | idw - Informationsdienst Wissenschaft

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