Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Babykannibalen - Zoologen der Universität Jena gelingt weltweit erstmals die Zucht von Schleichenlurchen

16.07.2010
Wie kleine Schlangen wühlen sie sich durch die Erde auf der Suche nach ihrer Mutter. Wenn sie sie gefunden haben, legen sie sich eng an ihren Körper – und rammen ihre kleinen Zähnchen unaufhörlich in die Haut der Mutter.

Was hier beschrieben wird, ist keine Szene aus einem Horrorfilm, sondern die Brutpflege der Schleichenlurche. Denn diese regenwurmähnlichen Amphibien werden nicht von der Mutter gesäugt oder mit Futter versorgt, sondern sie ernähren sich in den ersten zwei Lebensmonaten von einer ganz speziellen Haut des Muttertieres. Allerdings können Forscher dies in der Natur nur schwer beobachten.


Bei dieser etwa drei Wochen alten Westafrikanischen Streifenwühle, die zu den ersten in Gefangenschaft gezüchteten Exemplaren gehört, sind die namengebenden Streifen noch gut erkennbar. Foto: Jan-Peter Kasper/FSU

Zoologen der Friedrich-Schiller-Universität Jena ist es nun erstmals weltweit gelungen, eine Schleichenlurchenart – die westafrikanischen Streifenwühlen – in Gefangenschaft zu züchten. „Das ist schon eine kleine Sensation“, freut sich Dr. Alexander Kupfer vom Institut für Spezielle Zoologie und Evolutionsbiologie der Universität Jena. „Wir haben nach langen Beobachtungen die optimalen Bedingungen schaffen können, in denen sich die Tiere hier fortpflanzen“, sagt Kupfer.

Im Keller des Instituts leben nun mehrere Wühlenfamilien mit durchschnittlich fünf Jungtieren – insgesamt etwa 30 Exemplare – in mit warmer lockerer Erde gefüllten Plastikboxen. „Sandy Reinhard, Diplomandin am Institut, hat mich bei den Vorbereitungen unterstützt“, betont der Jenaer Amphibienexperte. „So fand sie heraus, dass für die Tiere lichtdurchlässige Behältnisse angenehmer sind.“ Das Futter der erwachsenen Streifenwühlen besteht in Jena hauptsächlich aus Regenwürmern, die sie mit ihrem starken Gebiss erstaunlich schnell vertilgen können. Alles in allem wurden optimale Bedingungen für die Fortpflanzung geschaffen. „Es ist außerdem gar nicht so leicht festzustellen, welches das Männchen und welches das Weibchen ist“, erklärt Alexander Kupfer ein weiteres Problem der Zucht. „Das Männchen hat nur ein winziges penisähnliches Organ.“

"Geotrypetes seraphini" – so der wissenschaftliche Name – gebären lebendigen, jedoch wenig entwickelten Nachwuchs. Andere Arten, die etwa in den Subtropen Südamerikas oder Südostasiens vorkommen, legen Eier oder bringen voll entwickelte Junge zur Welt. Die Ernährung der Jungtiere mit Mutterhaut kommt bei vielen Arten vor. „Für uns ist besonders spannend, die Brutpflege bei Amphibien endlich genau unter die Lupe nehmen zu können. Sie ist gar nicht so selten, aber weitaus weniger erforscht als die von Vögeln oder Säugetieren“, erklärt der Jenaer Biologe. Die spezielle Art von Kannibalismus kommt jedoch nur bei dieser kleinsten Amphibienordnung vor. Die Haut ist fett- und proteinhaltig und bildet sich in den zwei Monaten der Brutpflege immer wieder neu. Mit einem ganz besonderen Gebiss, das sich später verändert, können die Jungtiere die Haut abraspeln, ohne die Mutter zu verletzten. Mit einer Kamera wollen die Jenaer Zoologen die Aufzucht der Tiere jetzt genau dokumentieren.

Die Elterntiere der Jenaer Zucht haben eine weite Reise hinter sich. Sie stammen aus Kamerun. Schon seit einiger Zeit existiert eine Kooperation für dieses Projekt mit Dr. Nono Gonwouo, Zoologe an der Universität Yaoundé. Dort kommen Streifenwühlen sehr häufig vor, schon in einer Stunde kann man beispielsweise auf dem Campus der Universität 20 bis 30 Stück sammeln.

Auch Alexander Kupfer plant eine Forschungsreise zu den Kollegen nach Westafrika, denn es gibt noch einiges im Freiland zu erforschen. „Die Streifenwühlen besitzen ein tentakelartiges Sinnesorgan an ihrem Kopf, dessen Funktion uns bisher noch nicht genau bekannt ist“, nennt Alexander Kupfer einen weiteren Forschungsschwerpunkt in Zusammenarbeit mit dem Jenaer Zoologen Dr. Markus Knaden vom Max-Planck-Institut für Chemische Ökologie in Jena. „Außerdem wollen wir in dem Promotionsprojekt von Susanne Kühnel mehr über die Genitalevolution von Amphibien herausfinden. Da werden uns die Zuchttiere sehr viel weiter helfen“, sagt Kupfer. Auch die anderen Schleichenlurchenspezialisten sowie Zoos und Aquarien weltweit freuen sich über die gute Nachricht aus Jena, denn natürlich wissen sie jetzt, unter welchen Bedingungen bei den Schleichenlurchen aus trauter Zweisamkeit mehr werden kann.

Kontakt:
Dr. Alexander Kupfer
Institut für Spezielle Zoologie und Evolutionsbiologie mit Phyletischem Museum der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Erbertstraße 1, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 949183
E-Mail: alexander.kupfer[at]uni-jena.de

Sebastian Hollstein | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-jena.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Zirkuläre RNA wird in Proteine übersetzt
24.03.2017 | Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft

nachricht Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen
24.03.2017 | Universität Bayreuth

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise