Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Auf verschlungenen Wegen zur Genaktivität

01.08.2014

Kleine chemische Änderungen an der DNA, die Methylgruppen, können darüber entscheiden, ob ein Gen abgelesen wird oder nicht.

Wissenschaftler aus dem Deutschen Krebsforschungszentrum entdeckten nun, auf welche Weise die Methylmarkierungen die Genaktivität regulieren können: Sie beeinflussen, wo sich die DNA um ihre Verpackungsproteine schlingt und dabei die so genannten Nukleosomen formt. Die Entfernung der Methylgruppen macht diese Spulen instabil und gibt bislang unzugängliche DNA-Bereiche zur Bindung von Enzymen frei, die die Genaktivität ankurbeln.

Zellen kontrollieren sehr genau, welche ihrer Gene zu einem gegebenen Zeitpunkt aktiv sind und abgelesen werden können. Entscheidend ist dies beispielweise, wenn eine Stammzelle zur spezialisierten Gewebezelle ausreift und dabei ganz andere zelluläre Programme abrufen muss. Eine Vielzahl sogenannter epigenetischer Mechanismen ist an dieser Regulation beteiligt. Ein besonders wichtiges epigenetisches Signal ist die Methylierung der DNA: Einzelne Methylgruppen am DNA-Baustein Cytosin beeinflussen, ob die Information eines Gens abgelesen werden kann.

„Zahlreiche Studien zeigen dramatische Unterschiede im DNA-Methylierungsmuster zwischen verschiedenen Zellen“, sagt Dr. Karsten Rippe vom Deutschen Krebsforschungszentrum. „Bislang war aber nicht bekannt, auf welche Weise die Änderungen der DNA-Methylierung bewirken, dass ein Gen abgelesen wird oder eben nicht.“

Der Genomforscher aus dem DKFZ vermutete, dass die Methylierung sich auf die Verpackung der DNA auswirken könnte: Der meterlange DNA-Faden liegt nicht als chaotisches Knäuel im Zellkern, sondern als komplex gewickelte Struktur vor. Die Spulen, um die der DNA-Faden zunächst geschlungen ist, bestehen aus einen Komplex mehrerer Proteine. Die gewickelten Spulen werden als Nukleosomen bezeichnet, die durch den DNA „Faden“ zu einer Kette verknüpft sind.

Dort, wo die DNA zu Nukleosomen aufgespult ist, ist sie oft unzugänglich für die Enzyme, die das Erbgut lesen und aktivieren. Deshalb müssen die Bindungsstellen dieser „Genschalter“ auf dem Fadenabschnitt zwischen den Nukleosomen liegen, um ein Gen anschalten zu können.

Rippes Team entdeckte nun, dass die Position der Spulen abhängig von der Methylierung der DNA ist. Die Forscher verglichen stärker oder schwächer methylierte DNA in embryonalen Stammzellen und in den daraus hervorgehenden ausgereiften Zellen. Änderte sich im Zuge dieser Entwicklung das Methylierungsmuster der DNA, so änderte dies gleichzeitig die Positionen der Nukleosomen an bestimmten Stellen des Genoms. Dort, wo die Zellen die DNA-Methylierung durch Hydroxymethylierung ersetzt hatten, waren die Nukleosomen instabil und konnten durch das DNA-bindende Protein CTCF verdrängt werden. Auf stabil methylierter DNA dagegen saßen die Nukleosomen fest und CTCF kam nicht zum Zuge.

CTCF ist dafür bekannt, dass es die räumliche Faltung des DNA-Fadens begünstigt und so die dreidimensionale Anordnung des Erbmoleküls im Zellkern steuert. Dadurch separiert es aktive DNA-Bereiche von solchen, die nicht abgelesen werden und reguliert die Genaktivität. Vladimir Teif, der Erstautor der Arbeit, interpretiert seine Ergebnisse: „Die Methylierung gewinnt durch dieses Zusammenspiel einen viel größeren Aktionsradius: Es können großräumige Veränderung der dreidimensionalen Organisation der DNA in einem Bereich von bis zu 100.000 DNA-Bausteinen entstehen.“

Auch zwischen Krebszellen und gesunden Zellen bestehen erhebliche Unterschiede in der DNA-Methylierung und damit in der Aktivität der Gene. Die Forscher um Karsten Rippe prüfen in ihrer Arbeit nun bei Leukämie-Pateinten, ob sie in den Blutkrebs-Zellen eine tumortypische Verschiebung der Nukleosomen-Anordnung entdecken können.

Die Arbeit wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im ERASysBioPlus Programm gefördert.

Teif V.B., Beshnova D.A., Vainshtein Y., Marth C., Mallm J.P., Höfer T. and Rippe K. Nucleosome repositioning links DNA (de)methylation and differential CTCF binding during stem cell development. Genome Res. 24, 1285-1295. DOI: 10.1101/gr.164418.11

Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) ist mit mehr als 3.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die größte biomedizinische Forschungseinrichtung in Deutschland. Über 1000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erforschen im DKFZ, wie Krebs entsteht, erfassen Krebsrisikofaktoren und suchen nach neuen Strategien, die verhindern, dass Menschen an Krebs erkranken. Sie entwickeln neue Methoden, mit denen Tumoren präziser diagnostiziert und Krebspatienten erfolgreicher behandelt werden können. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Krebsinformationsdienstes (KID) klären Betroffene, Angehörige und interessierte Bürger über die Volkskrankheit Krebs auf. Gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Heidelberg hat das DKFZ das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg eingerichtet, in dem vielversprechende Ansätze aus der Krebsforschung in die Klinik übertragen werden. Im Deutschen Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK), einem der sechs Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung, unterhält das DKFZ Translationszentren an sieben universitären Partnerstandorten. Die Verbindung von exzellenter Hochschulmedizin mit der hochkarätigen Forschung eines Helmholtz-Zentrums ist ein wichtiger Beitrag, um die Chancen von Krebspatienten zu verbessern. Das DKFZ wird zu 90 Prozent vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und zu 10 Prozent vom Land Baden-Württemberg finanziert und ist Mitglied in der Helmholtz-Gemeinschaft deutscher Forschungszentren.

Ansprechpartner für die Presse:

Dr. Stefanie Seltmann
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsches Krebsforschungszentrum
Im Neuenheimer Feld 280
69120 Heidelberg
T: +49 6221 42-2854
F: +49 6221 42-2968
E-Mail: S.Seltmann@dkfz.de

Dr. Sibylle Kohlstädt
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsches Krebsforschungszentrum
Im Neuenheimer Feld 280
69120 Heidelberg
T: +49 6221 42 2843
F: +49 6221 42 2968
E-Mail: S.Kohlstaedt@dkfz.de

E-Mail: presse@dkfz.de

www.dkfz.de

Dr. Stefanie Seltmann | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Besser lernen dank Zink?
23.03.2017 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

nachricht Raben: "Junggesellen" leben in dynamischen sozialen Gruppen
23.03.2017 | Universität Wien

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Im Focus: Auf der Spur des linearen Ubiquitins

Eine neue Methode ermöglicht es, den Geheimcode linearer Ubiquitin-Ketten zu entschlüsseln. Forscher der Goethe-Universität berichten darüber in der aktuellen Ausgabe von "nature methods", zusammen mit Partnern der Universität Tübingen, der Queen Mary University und des Francis Crick Institute in London.

Ubiquitin ist ein kleines Molekül, das im Körper an andere Proteine angehängt wird und so deren Funktion kontrollieren und verändern kann. Die Anheftung...

Im Focus: Tracing down linear ubiquitination

Researchers at the Goethe University Frankfurt, together with partners from the University of Tübingen in Germany and Queen Mary University as well as Francis Crick Institute from London (UK) have developed a novel technology to decipher the secret ubiquitin code.

Ubiquitin is a small protein that can be linked to other cellular proteins, thereby controlling and modulating their functions. The attachment occurs in many...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

Über Raum, Zeit und Materie

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Besser lernen dank Zink?

23.03.2017 | Biowissenschaften Chemie

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Innenraum-Ortung für dynamische Umgebungen

23.03.2017 | Architektur Bauwesen