Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Angler können „aus Versehen“ heimische Forellen und Lachse schützen

07.05.2014

Ein internationales Forscherteam hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Besiedelung von europäischen Gewässern mit nicht heimischen und gebietsfremden forellenartigen Fischen (sogenannten Salmoniden) zu untersuchen.

Ziel des dreijährigen Vorhabens ist es, Handlungsempfehlungen für den Umgang mit der biologischen Vielfalt bei Salmoniden zu entwickeln. Neben Forschern aus Norwegen, Schweden, Frankreich und Kanada sind auch Experten des Berliner Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) und der Humboldt-Universität zu Berlin Projektpartner.


Eine Bachforelle in freier Wildbahn – in unseren Gewässern heimisch.

Foto: Alexander Schwab


Eine Regebogenforelle wird besetzt - diese Art kommt ursprünglich aus Nordamerika.

Foto: Fischereiverein Leibnitz

Forelle ist nicht gleich Forelle. Während zum Beispiel die Bachforelle (Salmo trutta) in unseren Gewässern heimisch ist, wurde die Regenbogenforelle (Oncorhynchus mykiss) Ende des 19. Jahrhunderts aus fischereilichen Gründen aus Nordamerika eingeführt. Ihr schnelles Wachstum und das lachsfarbene Fleisch machten sie zu einem wirtschaftlich attraktiven Speisefisch.

In der freien Natur jedoch können sich die Vorteile der exotischen Regenbogenforellen auch ins Gegenteil verkehren. Hier konkurrieren die Fremdlinge mit heimischen Arten um Futter und Unterstände. Größere ökologische Probleme mit nichtheimischen Salmonidenarten sind aus Deutschland aber bisher nicht bekannt geworden. Das Aussetzen nichtheimischer Arten ist nichtsdestotrotz gemäß Bundesnaturschutzgesetz untersagt.

Aber auch innerhalb einer Art kann das Aussetzen gebietsfremder Individuen zu Problemen führen. Wenn sich zum Beispiel heimische Bachforellen, die sich durch natürliche Auslese optimal an ein Gewässer angepasst haben, mit regelmäßig ausgesetzten Artgenossen fremder Herkunft kreuzen, könnte das unbeabsichtigte Nebenwirkungen haben. Einer deutschlandweiten Befragung zufolge, die im Rahmen des Projekts Besatzfisch am IGB unter mehr als 1000 Angelvereinen durchgeführt wurde, setzen etwa die Hälfte aller hiesigen Angelvereine heimische Salmoniden in Fließgewässer aus.

Es ist zu vermuten, dass sich darunter auch Individuen gebietsfremder Herkunft befinden. Mögliche Folgen für die heimischen Salmonidenbestände sind nicht ausgeschlossen. Aus Norwegen sind Fälle von aus Netzgehegen der Aquakultur entkommenen Zuchtlachsen bekannt, die gefährliche Lachsläuse übertrugen, an die die Wildpopulationen nicht angepasst waren.

Die Verbreitung fremder Arten oder Populationen mit negativen Auswirkungen auf heimische Bestände bezeichnet man als invasiv. Das internationale Forschungsprojekt SalmoInvade arbeitet gemeinsam mit Anglern und anderen wichtigen Interessengruppen, z. B. Fischfarmern und der Wasserwirtschaft, daran, den Effekt invasiver Salmoniden auf lokale Fischpopulationen in verschiedenen europäischen Ländern zu untersuchen. Dabei entwickeln die Wissenschaftler auch Lösungsvorschläge:

„Einer unserer Forschungsschwerpunkte ist es, zu untersuchen, wie Hobbyangler als Schützer für lokale Populationen von Forelle und Lachs agieren können“, betont Projektkoordinator Professor Jörgen Johnsson von der Göteborger Universität. „Durch die enge Zusammenarbeit mit Anglern können wir auch überprüfen, ob diese unbeabsichtigt den möglichen negativen Effekten nichtheimischer Arten oder gebietsfremder Populationen in der Wildbahn entgegenwirken“, so Johnsson weiter. Zuchtfische verhalten sich nämlich oft weniger vorsichtig als ihre wilden Artgenossen und landen so öfter am Haken.

Deshalb könnte Angeln die Ausbreitung besetzter Fische eindämmen. In der Tat ist bereits nachgewiesen worden, dass ausgesetzte große Regenbogenforellen meist sehr rasch wieder aus den Gewässern verschwinden, weil sie sich leichter angeln lassen als Bachforellen. Darüber hinaus tragen Angelvereine durch ihr vielfältiges Engagement für die Wiederansiedelung Lachses sehr effektiv zum Salmonidenschutz bei.

Auch interessieren sich die Forscher für die Unterschiede in der Wertschätzung, die die Bevölkerungen verschiedener Länder Forelle, Lachs und Co. entgegenbringen. Diese Forschungsfrage wird federführend vom IGB Sozialwissenschaftler Dr. Carsten Riepe mittels einer europaweiten Befragung untersucht. Alle Ergebnisse fließen am Ende in Handlungsempfehlungen zum Umgang mit nichtheimischen und gebietsfremden Salmoniden ein. Diese sollen verhindern helfen, dass bestimmte Aussetzungen invasiv werden. Bisher lassen sich in Deutschland noch keine invasiven Salmoniden in freier Wildbahn nachweisen.

„Wir kennen zum Beispiel keine nennenswerten natürlich reproduzierenden Bestände der Regelbogenforelle in freier Wildbahn in Deutschland, wie eine Studie unter Beteiligung des IGB Fischbiologen Dr. Christian Wolter kürzlich gezeigt hat“, bestätigt der Koordinator der deutschen Teilgruppe Prof. Dr. Robert Arlinghaus. Dagegen sei der Besatz mit unterschiedlichen Bachforellen- oder Äschenbeständen auch in Deutschland weit verbreitet.

Kontakt:

Prof. Dr. Robert Arlinghaus
Professor für Integratives Fischereimanagement an der Humboldt-Universität zu Berlin
Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)
Abteilung Biologie und Ökologie der Fische
Müggelseedamm 310
12587 Berlin
E-Mail: arlinghaus@igb-berlin.de

SalmoInvade startete im Januar 2014. Das dreijährige Projekt wird gefördert vom Swedish Research Councel Formas (Schweden), von der French National Research Agency - ANR (Frankreich), von der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG (Deutschland) und vom Research Council of Norway - RCN (Norwegen).

Das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) ist das bundesweit größte Forschungszentrum für Binnengewässer. Es gehört zum Forschungsverbund Berlin e. V., einem Zusammenschluss von acht natur-, lebens- und umweltwissenschaftlichen Instituten in Berlin. Die vielfach ausgezeichneten Einrichtungen sind Mitglieder der Leibniz-Gemeinschaft.

Weitere Informationen:

http://www.bioenv.gu.se/english/salmoinvade - Projekt SalmoInvade
http://www.besatz-fisch.de
http://www.igb-berlin.de

Karl-Heinz Karisch | Forschungsverbund Berlin e.V.
Weitere Informationen:
http://www.fv-berlin.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Wirt oder Gast? Proteomik gibt neue Aufschlüsse über Reaktion von Rifforganismen auf Umweltstress
23.02.2018 | Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT)

nachricht Wie Zellen unterschiedlich auf Stress reagieren
23.02.2018 | Max-Planck-Institut für molekulare Genetik

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Vorstoß ins Innere der Atome

Mit Hilfe einer neuen Lasertechnologie haben es Physiker vom Labor für Attosekundenphysik der LMU und des MPQ geschafft, Attosekunden-Lichtblitze mit hoher Intensität und Photonenenergie zu produzieren. Damit konnten sie erstmals die Interaktion mehrere Photonen in einem Attosekundenpuls mit Elektronen aus einer inneren atomaren Schale beobachten konnten.

Wer die ultraschnelle Bewegung von Elektronen in inneren atomaren Schalen beobachten möchte, der benötigt ultrakurze und intensive Lichtblitze bei genügend...

Im Focus: Attoseconds break into atomic interior

A newly developed laser technology has enabled physicists in the Laboratory for Attosecond Physics (jointly run by LMU Munich and the Max Planck Institute of Quantum Optics) to generate attosecond bursts of high-energy photons of unprecedented intensity. This has made it possible to observe the interaction of multiple photons in a single such pulse with electrons in the inner orbital shell of an atom.

In order to observe the ultrafast electron motion in the inner shells of atoms with short light pulses, the pulses must not only be ultrashort, but very...

Im Focus: Good vibrations feel the force

Eine Gruppe von Forschern um Andrea Cavalleri am Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie (MPSD) in Hamburg hat eine Methode demonstriert, die es erlaubt die interatomaren Kräfte eines Festkörpers detailliert auszumessen. Ihr Artikel Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, nun online in Nature veröffentlich, erläutert, wie Terahertz-Laserpulse die Atome eines Festkörpers zu extrem hohen Auslenkungen treiben können.

Die zeitaufgelöste Messung der sehr unkonventionellen atomaren Bewegungen, die einer Anregung mit extrem starken Lichtpulsen folgen, ermöglichte es der...

Im Focus: Good vibrations feel the force

A group of researchers led by Andrea Cavalleri at the Max Planck Institute for Structure and Dynamics of Matter (MPSD) in Hamburg has demonstrated a new method enabling precise measurements of the interatomic forces that hold crystalline solids together. The paper Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, published online in Nature, explains how a terahertz-frequency laser pulse can drive very large deformations of the crystal.

By measuring the highly unusual atomic trajectories under extreme electromagnetic transients, the MPSD group could reconstruct how rigid the atomic bonds are...

Im Focus: Verlässliche Quantencomputer entwickeln

Internationalem Forschungsteam gelingt wichtiger Schritt auf dem Weg zur Lösung von Zertifizierungsproblemen

Quantencomputer sollen künftig algorithmische Probleme lösen, die selbst die größten klassischen Superrechner überfordern. Doch wie lässt sich prüfen, dass der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Von festen Körpern und Philosophen

23.02.2018 | Veranstaltungen

Spannungsfeld Elektromobilität

23.02.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2018

21.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vorstoß ins Innere der Atome

23.02.2018 | Physik Astronomie

Wirt oder Gast? Proteomik gibt neue Aufschlüsse über Reaktion von Rifforganismen auf Umweltstress

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Wie Zellen unterschiedlich auf Stress reagieren

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics