Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Alge des Jahres 2012: Armleuchteralge Chara – bedrohter Pionier mit Hang zur Dominanz

03.01.2012
Die Armleuchteralgen der Gattung Chara sind die Algen des Jahres 2012. Sie wurden von den Algenforschern der Sektion Phykologie der Deutschen Botanischen Gesellschaft gewählt, weil ihre Vertreter sehr verschiedene Strategien verfolgen. Manche erobern als Pionierpflanze neue Gewässer.

Andere haben zwar hohe Standortansprüche, wenn sie sich aber ansiedeln, haben sie das Potenzial, das ganze Ökosystem zu prägen, wie die Algenforscherin Dr. Irmgard Blindow von der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald erklärt. Mit der Entscheidung wird eine Algengattung gewürdigt, von der 20 heimische Arten auf der Roten Liste der gefährdeten Organismen stehen.


In kalkreichen, nährstoffarmen Seen bewächst die Furchenstachelige Armleuchteralge (Chara rudis) wie eine Wiese den Gewässerboden und prägt das Ökosystem des ganzen Sees, wie im Bergsee „Sieben Quellen“ nahe Sulzbach-Rosenberg in Bayern.
Foto: © Klaus van de Weyer, lanaplan GbR

Ihren deutschen Namen verdanken Chara und die Pflanzenfamilie der Characeen ihrem kandelaberartigen Aussehen: Besonders vor Weihnachten mag man dazu verleitet werden, nach Kerzenschmuck auf den in Quirlen stehenden Ästen zu suchen. Im englischen Sprachraum hat sich dagegen die Bezeichnung stonewort (dt.: Steinkraut) etabliert wegen der dicken Kalkkrusten, die sich in hartem Wasser auf den Algen bilden können.

Die heimischen der weltweit etwa 300 vorkommenden Chara-Arten leben meist im Süßwasser, wie in kalkreichen und nährstoffarmen Seen, einige behaupten sich auch im Brackwasser bei Salzgehalten zwischen Süßwasser und Meer. Viele Chara-Arten sind Pioniere, die oft als erste neu entstandene Kleingewässer besiedeln. Anderen Arten der Gattung fällt das oft schwerer. „Auch wenn eine Renaturierungsmaßnahme augenscheinlich geglückt ist, heißt das noch lange nicht, dass sich Chara erfolgreich wieder ansiedelt - selbst wenn bekannt ist, dass sie vorher dort lebte“, sagt die auf Armleuchteralgen spezialisierte Ökologin Dr. Irmgard Blindow von der Biologischen Station Hiddensee der Universität Greifswald.

Systemprägender Schlüsselorganismus

„Aber wenn sie wieder auftauchen, haben manche Armleuchteralgen, wie beispielsweise die Hornblättrige Armleuchteralge, Chara tomentosa, das Zeug, das ganze System zu dominieren“, erklärt die Algenforscherin. Diese Armleuchteralgen überwuchern den Gewässerboden wie eine dichte Wiese. In diesen Algenmatten wachsen Jungfische schnell heran. Vielen Vögeln dienen die Algen oder die in ihnen lebenden Kleintiere als Nahrung. Chara bietet vielen Jungtieren Schutz vor Übergriffen und Lauerjägern wie dem Hecht Verstecke. Biologen bezeichnen sie daher als Schlüsselorganismus des Ökosystems.

Vögel tragen auch dazu bei, dass Armleuchteralgen neue Gewässer erobern können. Chara und andere Armleuchteralgen bilden extrem robuste Sporen, denen weder Austrocknen noch Einfrieren etwas anhaben können. Diese lange überlebenden - Oosporen genannten - Dauerformen überstehen auch die Passage durch einen Gänse- oder Entendarm, sodass sie von den Vögeln in andere Gewässer getragen werden.

Diese mit einer Kalkhülle umgebenen Sporen helfen den Algenforschern auch, die Evolution der Armleuchteralgen zu entschlüsseln, da sie im Gegensatz zu den weichen Algenkörpern gut überdauern. Die Entwicklung ihrer Vorfahren lässt sich mehr als 400 Millionen Jahre bis in das Devon zurückverfolgen. Armleuchteralgen werden von einigen Botanikern als die engsten Verwandten der heutigen Landpflanzen angesehen. Doch immer mehr molekularbiologisch arbeitende Algenforscher finden Hinweise, dass das revidiert werden muss. „Auch wenn es keinen 100prozentigen Beweis geben wird, gehen wir davon aus, dass Grünalgen, wie die Schmuckalgen, die engsten Verwandten aller heutigen Landpflanzen sind und nicht Chara“, ergänzt Burkhard Becker, Schriftführer der wissenschaftlichen Sektion, in der die Algenforscher organisiert sind.

Struppige Armleuchteralge wieder entdeckt

Da immer mehr Gewässer mit Nährstoffen angereichert werden, sind die meisten Chara-Arten in der Roten Liste der gefährdeten Lebewesen aufgeführt. Die Empfindlichkeit der Armleuchteralgen gegenüber Nährstoffen nutzen Biologen auch, um auf die Wasserqualität zu schließen. „Wo Armleuchteralgen vorkommen, ist die Welt noch in Ordnung“, sagt Chara-Expertin Blindow. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich mancherorts die Wasserqualität durch den Bau von Kläranlagen verbessert, sodass sich die Chara-Bestände erholen. Die Struppige Armleuchteralge (Chara horrida), die nach 1980 in Deutschland als ausgestorben galt, hat Blindow gemeinsam mit ihren Kollegen nun wieder vor der Ostseeinsel Hiddensee im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft aufgespürt.

Ansprechpartner dieser Pressemitteilung

PD Dr. Irmgard Blindow
Die Chara-Expertin leitet die Biologische Station der Universität Greifswald auf der Ostseeinsel Hiddensee
Tel.: ++49 (0) 38300 - 50251
E-Mail: blindi@uni-greifswald.de
HD Dr. Burkhard Becker
Der Schriftführer der Sektion Phykologie der Deutschen Botanischen Gesellschaft erforscht die Evolution der Landpflanzen an der Universität Köln
Tel.: ++49 (0)221-4707022
E-Mail: b.becker@uni-koeln.de
Informationen über die Sektion Phykologie
Die Mitglieder der Sektion Phykologie (www.dbg-phykologie.de) untersuchen Algen wissenschaftlich und bearbeiten ökologische, physiologische, taxonomische und molekularbiologische Fragestellungen an Mikro- und Makroalgen. Die Sektion fördert die Algenforschung und unterstützt den wissenschaftlichen Nachwuchs. Sie ist eine der fünf Fachsektionen der Deutschen Botanischen Gesellschaft e. V. (DBG: www.deutsche-botanische-gesellschaft.de)

Verantwortlich für die Inhalte im Sinne des Presserechts ist die Sektion Phykologie der Deutschen Botanischen Gesellschaft.

Babette Verclas | idw
Weitere Informationen:
http://www.dbg-phykologie.de/pages/22PressemitteilungAlgeJahr2012.html
http://www.deutsche-botanische-gesellschaft.de
http://www.dbg-phykologie.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Wie sich das Wasser in der Umgebung von gelösten Molekülen verhält
22.05.2017 | Ruhr-Universität Bochum

nachricht Myrte schaltet „Anstandsdame“ in Krebszellen aus
22.05.2017 | Friedrich-Schiller-Universität Jena

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hauchdünne magnetische Materialien für zukünftige Quantentechnologien entwickelt

Zweidimensionale magnetische Strukturen gelten als vielversprechendes Material für neuartige Datenspeicher, da sich die magnetischen Eigenschaften einzelner Molekülen untersuchen und verändern lassen. Forscher haben nun erstmals einen hauchdünnen Ferrimagneten hergestellt, bei dem sich Moleküle mit verschiedenen magnetischen Zentren auf einer Goldfläche selbst zu einem Schachbrettmuster anordnen. Dies berichten Wissenschaftler des Swiss Nanoscience Institutes der Universität Basel und des Paul Scherrer Institutes in der Wissenschaftszeitschrift «Nature Communications».

Ferrimagneten besitzen zwei magnetische Zentren, deren Magnetismus verschieden stark ist und in entgegengesetzte Richtungen zeigt. Zweidimensionale, quasi...

Im Focus: Neuer Ionisationsweg in molekularem Wasserstoff identifiziert

„Wackelndes“ Molekül schüttelt Elektron ab

Wie reagiert molekularer Wasserstoff auf Beschuss mit intensiven ultrakurzen Laserpulsen? Forscher am Heidelberger MPI für Kernphysik haben neben bekannten...

Im Focus: Wafer-thin Magnetic Materials Developed for Future Quantum Technologies

Two-dimensional magnetic structures are regarded as a promising material for new types of data storage, since the magnetic properties of individual molecular building blocks can be investigated and modified. For the first time, researchers have now produced a wafer-thin ferrimagnet, in which molecules with different magnetic centers arrange themselves on a gold surface to form a checkerboard pattern. Scientists at the Swiss Nanoscience Institute at the University of Basel and the Paul Scherrer Institute published their findings in the journal Nature Communications.

Ferrimagnets are composed of two centers which are magnetized at different strengths and point in opposing directions. Two-dimensional, quasi-flat ferrimagnets...

Im Focus: XENON1T: Das empfindlichste „Auge“ für Dunkle Materie

Gemeinsame Meldung des MPI für Kernphysik Heidelberg, der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster

„Das weltbeste Resultat zu Dunkler Materie – und wir stehen erst am Anfang!“ So freuen sich Wissenschaftler der XENON-Kollaboration über die ersten Ergebnisse...

Im Focus: World's thinnest hologram paves path to new 3-D world

Nano-hologram paves way for integration of 3-D holography into everyday electronics

An Australian-Chinese research team has created the world's thinnest hologram, paving the way towards the integration of 3D holography into everyday...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

14. Dortmunder MST-Konferenz zeigt individualisierte Gesundheitslösungen mit Mikro- und Nanotechnik

22.05.2017 | Veranstaltungen

Branchentreff für IT-Entscheider - Rittal Praxistage IT in Stuttgart und München

22.05.2017 | Veranstaltungen

Flugzeugreifen – Ähnlich wie PKW-/LKW-Reifen oder ganz verschieden?

22.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Myrte schaltet „Anstandsdame“ in Krebszellen aus

22.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

Hauchdünne magnetische Materialien für zukünftige Quantentechnologien entwickelt

22.05.2017 | Physik Astronomie

Wie sich das Wasser in der Umgebung von gelösten Molekülen verhält

22.05.2017 | Biowissenschaften Chemie