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Affen "verstehen" die Regeln der Sprachmusikalität

13.11.2013
Viele von uns kennen das zwiespältige Gefühl, wenn man an die Schulzeit zurückdenkt und sich z.B. die Grammatikstunden in Latein in Erinnerung ruft: Sprachen liegen viele komplexe Regeln und Muster zugrunde.

KognitionsbiologInnen der Universität Wien haben nun gezeigt, dass Sensitivität einfache strukturelle und melodische Regeln oder Muster zu erkennen keines intensiven Lernens bedarf. Sie ist nicht nur beim Menschen, sondern nachweislich auch bei den südamerikanischen Totenkopfaffen bereits vorhanden. Aktuell erscheint dazu eine Publikation im Fachmagazin "Biology Letters".


Totenkopfaffe/Saimiri sciureus
(Foto: M. Böckle)

Sprache und Musik sind sehr strukturierte Systeme, mit ganz speziellen Beziehungen zwischen Silben, Wörtern oder Noten. Um zu erkennen, ob ein Mensch "native speaker" ist oder nicht, reicht das Wissen über Sprachmelodie und grammatikalische Struktur einer Sprache. Die wahrgenommene Musikalität einiger Sprachen resultiert aus der Anordnung von Selbstlauten innerhalb eines Wortes. Im Türkischen harmoniert z.B. die letzte Silbe der Wörter "kaplanar" oder "güller" mit vorangegangen Selbstlauten – "güllar" klingt einfach nicht so gut wie "güller".

Abhängigkeiten zwischen Wörtern, Silben oder Noten gibt es in Sprachen und Musikkulturen auf der ganzen Welt. "Wir untersuchen, ob die Fähigkeit, diese Abhängigkeiten zu verarbeiten, sich gemeinsam mit der menschlichen Sprache entwickelt hat, oder schon früher in der Evolution unabhängig vom Sprachgebrauch aufgetreten ist. Wenn letzteres zutrifft, sollten wir diese Fähigkeit auch bei Tierarten finden können", erklärt Andrea Ravignani, Doktorand in der Gruppe von Tecumseh Fitch, Leiter des Departments für Kognitionsbiologie der Universität Wien.

Andrea Ravignani und seine KollegInnen untersuchten diese Abhängigkeits-Detektions-Fähigkeit bei Totenkopfaffen, kleinen auf Bäumen lebenden Primaten in Zentral- und Südamerika. Die ForscherInnen entwickelten dafür eine Art "Musiksystem" für Affen, das auf die natürlichen Vokalisationen und das Hörvermögen der untersuchten Tierart aufbaut. Die musikalischen Muster klangen ähnlich wie Affen-Laute, während die strukturellen Merkmale jedoch jenen syntaktischen und phonologischen Mustern ähnelten, die man in vielen menschlichen Sprachen wie z.B. dem Türkischen findet.

Die Affen hörten zunächst "Sätze", die strukturelle Abhängigkeiten beinhalteten. In einem weiteren Schritt wurden sie mit unterschiedlichen Stimuli konfrontiert – einige davon enthielten Abhängigkeiten, andere nicht. Ihre Reaktionen wurden nach der "violation of expectations"-Methode gemessen, also Reaktionen der Tiere auf unerwartete Stimuli. Ravignani hält dazu fest: "Man beobachtet jene Dinge länger, die nicht dem Standard entsprechen. Uns ging es nicht um absolute Wahrnehmung, sondern eher darum herauszufinden, wie die Affen diese Stimuli einordnen und ob sie sie in Gegensatz zu einem größeren System setzen."

Die ForscherInnen fanden heraus, dass die Tiere mehr auf die "ungrammatikalischen" Muster reagierten, und zeigten somit, dass sie die Abhängigkeiten wahrnehmen können. "Bei Experimenten dieser Art werden Affen normalerweise mit menschlicher Sprache konfrontiert: Die Tatsache, dass wir Stimuli, die auf die Biologie der Spezies zugeschnitten waren, verwendet haben, könnte den Tieren bei der Wahrnehmung geholfen haben", meint Co-Authorin Ruth Sonnweber, ebenfalls vom Department für Kognitionsbiologie der Universität Wien.

"Unsere Vorfahren könnten bereits vor 30 Millionen Jahren die Fähigkeit zur Abhängigkeits-Detektion erlangt haben. Das würde den modernen Mensch mit vielen anderen lebenden Primaten verbinden. Die Latte dafür, was menschliche Einzigartigkeit ausmacht, muss höher gelegt werden", folgert Andrea Ravignani. Er will auch weiterhin die evolutionären Ursprünge zwischen Sprache und Musik erforschen.

Das Forschungsprojekt wurde gefördert durch den ERC Advanced Grant SOMACCA, den Tecumseh Fitch, Leiter des Departments für Kognitionsbiologie der Universität Wien, 2009 erhielt.

Publikation in "Biology Letters":
Ravignani A, Sonnweber R-S, Stobbe N, Fitch WT. 2013 Action at a distance: dependency sensitivity in a New World primate. Biol Lett 20130852. http://dx.doi.org/10.1098/rsbl.2013.0852
Wissenschaftlicher Kontakt
Andrea Ravignani, BSc MSc
Department für Kognitionsbiologie
Universität Wien
1090 Wien, Althanstraße 14
T +43-1-4277-761 01
andrea.ravignani@univie.ac.at
(Anfragen bitte in englischer Sprache)
oder
Univ.-Prof. W Tecumseh Fitch, PhD
tecumseh.fitch@univie.ac.at
Rückfragehinweis
Mag. Alexandra Frey
Pressebüro der Universität Wien
Forschung und Lehre
1010 Wien, Universitätsring 1
T +43-1-4277-175 33
M +43-664-602 77-175 33
alexandra.frey@univie.ac.at
Weitere Informationen:
http://dx.doi.org/10.1098/rsbl.2013.0852
- Artikel in Biology Letters
http://medienportal.univie.ac.at/presse
- Medienportal der Universität Wien (weitere Fotos zur Publikation)

Veronika Schallhart | Universität Wien
Weitere Informationen:
http://www.univie.ac.at

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