Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

ADHS-Kinder fällen aufgrund weniger differenzierter Lern-Prozesse ungünstige Entscheidungen

21.08.2014

Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) gehört zu den häufigsten psychischen Störungen in der Schulzeit. Kinder mit ADHS treffen oft ungünstigere Entscheidungen als ihre nicht betroffenen Klassenkameraden.

Forscher der Universität Zürich haben herausgefunden, dass dafür unterschiedliche Lern- und Entscheidungsmechanismen verantwortlich sind. Sie konnten nun die zugrundeliegenden Prozesse beschreiben und im Gehirn lokalisieren.

Welches Hemd ziehen wir morgens an? Nehmen wir den Zug oder das Auto zur Arbeit? In welchem Take-Away kaufen wir unser Mittagessen? Wir treffen täglich hunderte verschiedener Entscheidungen. Auch wenn diese oftmals nur kleine Auswirkungen haben, so ist es für das persönliche Vorankommen längerfristig doch äusserst wichtig, möglichst optimale Entscheidungen zu treffen.

Dies stellt Personen mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) oft vor Schwierigkeiten. Es ist bekannt, dass vom Zappelphilipp-Syndrom Betroffene eher impulsive Entscheide tätigen: Sie wählen oft Angebote, welche eine zeitnahe, aber kleinere Belohnung bringen anstatt eine Wahl zu machen, bei der später eine grössere Belohnung herausspringt.

Nun zeigen Forschende des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes des Kantons Zürich, dass verschiedene Entscheidungsprozesse dafür verantwortlich sind, und dass diese in der Mitte des Stirnlappens ablaufen.

Mathematische Modelle helfen den Entscheidungsprozess verstehen
In der Studie wurden die Entscheidungsprozesse bei 40 Jugendlichen mit und ohne ADHS untersucht. Die Probandinnen und Probanden spielten – liegend im funktionellen Magnetresonanz-Tomographen, der die Gehirnaktivitäten aufzeichnete – ein Spiel, bei welchem sie lernen mussten, welches von zwei Bildern mit häufigeren Belohnungen einher ging.

Um die beeinträchtigten Mechanismen der ADHS-Betroffenen besser zu verstehen, wurden bei der Auswertung der Daten Lernalgorithmen angewendet, die ursprünglich aus dem Bereich der künstlichen Intelligenz stammen. Diese mathematischen Modelle helfen, die genauen Mechanismen des Lernens und Entscheidens besser zu verstehen.

«Wir konnten zeigen, dass die Jugendlichen mit ADHS nicht grundsätzlich Probleme mit dem Lernen von neuen Informationen haben, vielmehr wenden sie offenbar weniger differenzierte Lernmuster an. Das ist vermutlich der Grund, warum sie öfters suboptimale Entscheide fällten», sagt Erstautor Tobias Hauser.

Multimodale Bildgebung erlaubt Einblicke ins Gehirn
Um die Hirnprozesse zu untersuchen, welche diese Beeinträchtigungen hervorriefen, verwendeten die Autoren multimodale bildgebende Methoden, bei denen die Testpersonen mittels kombinierter Messung von funktioneller Magnetresonanz-Tomographie (fMRT) und Elektroenzephalographie (EEG) untersucht und sowohl die elektrische Aktivität als auch der Blutfluss im Gehirn gemessen wurden. Es zeigte sich, dass bei ADHS-Betroffenen ein Areal im medialen präfrontalen Kortex – einer Region in der Mitte des Stirnlappens – eine beeinträchtigte Funktion aufwies.

Dieser Hirnteil ist stark in Entscheidungsprozesse involviert, insbesondere dann, wenn man zwischen verschiedenen Optionen auswählen muss und ebenfalls beim Lernen aus Fehlern. Eine veränderte Aktivität in dieser Region wurde bereits in anderen Zusammenhängen bei ADHS gefunden – nun konnten die Zürcher Forschenden auch den genauen Zeitpunkt dieser Beeinträchtigung feststellen. Sie trat bereits weniger als eine halbe Sekunde nach einer Belohnung auf, also zu einem sehr frühen Zeitpunkt.

Psychologe Tobias Hauser, der nun am Wellcome Trust Centre for Neuroimaging, University College London, forscht, ist überzeugt, dass die Resultate das Verständnis der Mechanismen des beeinträchtigten Entscheidungsverhaltens bei ADHS grundlegend verbessern. In einem weiteren Schritt sollten nun die involvierten Hirnbotenstoffe untersucht werden. «Wenn unsere Erkenntnisse bestätigt werden, so liefern sie wichtige Hinweise, wie man zukünftige therapeutische Interventionen gestalten könnte», so Hauser.


Literatur:
Tobias U. Hauser, Reto Iannaccone, Juliane Ball, Christoph Mathys, Daniel Brandeis, Susanne Walitza & Silvia Brem: Role of Medial Prefrontal Cortex in Impaired Decision Making in Juvenile Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder, in: JAMA Psychiatry, doi: 10.1001/jamapsychiatry.2014.1093


Kontakt:
Dr. Tobias Hauser
Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Universität Zürich und
Wellcome Trust Centre for Neuroimaging, University College London
Tel: +44 (0)74 74903003
E-Mail: t.hauser@ucl.ac.uk

Weitere Informationen:

http://www.mediadesk.uzh.ch

Nathalie Huber | Universität Zürich

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Stottern: Stoppsignale im Gehirn verhindern flüssiges Sprechen
12.12.2017 | Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

nachricht Undercover im Kampf gegen Tuberkulose
12.12.2017 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Long-lived storage of a photonic qubit for worldwide teleportation

MPQ scientists achieve long storage times for photonic quantum bits which break the lower bound for direct teleportation in a global quantum network.

Concerning the development of quantum memories for the realization of global quantum networks, scientists of the Quantum Dynamics Division led by Professor...

Im Focus: Electromagnetic water cloak eliminates drag and wake

Detailed calculations show water cloaks are feasible with today's technology

Researchers have developed a water cloaking concept based on electromagnetic forces that could eliminate an object's wake, greatly reducing its drag while...

Im Focus: Neue Einblicke in die Materie: Hochdruckforschung in Kombination mit NMR-Spektroskopie

Forschern der Universität Bayreuth und des Karlsruhe Institute of Technology (KIT) ist es erstmals gelungen, die magnetische Kernresonanzspektroskopie (NMR) in Experimenten anzuwenden, bei denen Materialproben unter sehr hohen Drücken – ähnlich denen im unteren Erdmantel – analysiert werden. Das in der Zeitschrift Science Advances vorgestellte Verfahren verspricht neue Erkenntnisse über Elementarteilchen, die sich unter hohen Drücken oft anders verhalten als unter Normalbedingungen. Es wird voraussichtlich technologische Innovationen fördern, aber auch neue Einblicke in das Erdinnere und die Erdgeschichte, insbesondere die Bedingungen für die Entstehung von Leben, ermöglichen.

Diamanten setzen Materie unter Hochdruck

Im Focus: Scientists channel graphene to understand filtration and ion transport into cells

Tiny pores at a cell's entryway act as miniature bouncers, letting in some electrically charged atoms--ions--but blocking others. Operating as exquisitely sensitive filters, these "ion channels" play a critical role in biological functions such as muscle contraction and the firing of brain cells.

To rapidly transport the right ions through the cell membrane, the tiny channels rely on a complex interplay between the ions and surrounding molecules,...

Im Focus: Stabile Quantenbits

Physiker aus Konstanz, Princeton und Maryland schaffen ein stabiles Quantengatter als Grundelement für den Quantencomputer

Meilenstein auf dem Weg zum Quantencomputer: Wissenschaftler der Universität Konstanz, der Princeton University sowie der University of Maryland entwickeln ein...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Innovative Strategien zur Bekämpfung von parasitären Würmern

08.12.2017 | Veranstaltungen

Hohe Heilungschancen bei Lymphomen im Kindesalter

07.12.2017 | Veranstaltungen

Der Roboter im Pflegeheim – bald Wirklichkeit?

05.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Mit Quantenmechanik zu neuen Solarzellen: Forschungspreis für Bayreuther Physikerin

12.12.2017 | Förderungen Preise

Stottern: Stoppsignale im Gehirn verhindern flüssiges Sprechen

12.12.2017 | Biowissenschaften Chemie

E-Mobilität: Neues Hybridspeicherkonzept soll Reichweite und Leistung erhöhen

12.12.2017 | Energie und Elektrotechnik