Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Vom Acker statt aus der Fabrik: Natürliches Süßungsmittel Stevia soll 2016 endgültig marktreif sein

12.11.2013
Feldversuche der Universität Hohenheim sollen langfristige Ertragszahlen liefern, Laborversuche die gesundheitliche Unbedenklichkeit beweisen.

Mit genmanipulierten Hefen will ein US-Konzern Steviolglykoside herstellen, die mit dem Süßkraut aus Südamerika nichts mehr zu tun haben. Der Gegenentwurf zu diesem reinen Kunstprodukt kommt von der Universität Hohenheim.

Dort bringt ein Agrarwissenschaftler ein naturbelassenes Stevia-Süßungsmittel zur Marktreife – und bietet damit Landwirten eine Perspektive, die bisher vom Tabakanbau leben. Dafür gibt es ab 2014 keine Subventionen mehr. Die Europäische Union fördert das Forschungsprojekt mit über 2,3 Millionen Euro. Damit gehört es zu den Schwergewichten der Forschung an der Universität Hohenheim.

Der US-Lebensmittelriese Cargill will den Stevia-Süßstoff Steviolglykosid künftig aus genmanipulierten Hefen gewinnen. Das neuartige Verfahren ist hocheffizient: Eine einzige Fabrikhalle könnte die gesamte derzeitige Stevia-Anbaufläche auf der Welt überflüssig machen. Die Herstellung ist sehr kostengünstig: Der Preis könnte von derzeit bis zu 180 Euro pro Kilogramm auf unter zehn Euro fallen. Bis 2020 will Cargill 20 Prozent der weltweiten Süßungsmittel-Nachfrage abdecken.

Seit Ende 2011 sind Steviolglykoside als Lebensmittelzusatzstoff (E960) zugelassen. Steviolglykoside sind ca. 200mal süßer als Zucker. Sie machen nicht dick, weil sie keine Kalorien enthalten und verursachen keine Karies. Auch in Deutschland greifen immer mehr Menschen zu Produkten, die Steviolglykoside enthalten, welche durch ein chemisches Verfahren aus der Pflanze Stevia rebaudiana hergestellt werden. Sie produziert süßschmeckende Substanzen, die Steviolglykoside. Ursprünglich stammt die Stevia-Pflanze aus Paraguay.

„Durch das neue Herstellungsverfahren werden Stevioglykoside endgültig zu einem reinen Kunstprodukt ohne jeden Bezug zur Natur“, erklärt Dr. Udo Kienle vom Institut für Agrartechnik der Universität Hohenheim. „Dabei legen 40 Prozent der Verbraucher wert auf naturnahe Lebensmittel.“ Als Gegenentwurf will der Forscher ein naturbelassenes, kalorienarmes Süßungsmittel aus dem Süßkraut Stevia rebaudiana zur Marktreife bringen.

EU streicht ab 2014 Subventionen für Tabakanbau – Stevia als Alternative
Dr. Kienles Pläne haben auch einen agrarpolitischen Aspekt: Ab dem Jahr 2014 dreht die Europäische Union Landwirten, die vom Tabakanbau leben, endgültig den Subventionshahn zu. „Die Tabakpflanzer rund um das Mittelmeer müssen also zwangsläufig auf andere Produkte umsteigen, die einen ähnlich hohen Marktwert wie Tabak bringen“, erläutert Dr. Kienle. Stevia könne dieses Kriterium erfüllen und sei deshalb eine mögliche Alternative.

„Wenn man einen Landwirt dazu bringen will auf eine andere Kulturpflanze umzusteigen, muss man ihm verlässliche Ertragsprognosen liefern“, sagt Dr. Kienle. Deshalb baut der Forscher Stevia seit vielen Jahren versuchsweise auf Feldern in verschiedenen europäischen Mittelmeerstaaten an und erfasst, wie hoch die Ernteerträge ausfallen und ob sie über die Jahre einigermaßen konstant bleiben. Diese Forschungsarbeiten werden in enger Zusammenarbeit mit verschiedenen landwirtschaftlichen Tabakanbaukooperativen aus Griechenland, Italien, Portugal und Spanien durchgeführt. Dort soll ab 2016 der großflächige Anbau starten und die kalorienarme Natursüße auf Basis von Stevia rebaudiana hergestellt werden.

Naturbelassenes Stevia-Süßungsmittel soll 2016 marktreif sein
„Wer in der EU ein neues Lebensmittel auf den Markt bringen will, muss sehr hohe Sicherheitsstandards einhalten“, erklärt Dr. Kienle. Dazu gehöre auch ein Nachweis über die gesundheitliche Unbedenklichkeit. „Ich bin mir zwar absolut sicher, dass Stevia harmlos ist, aber es fehlt eben noch der endgültige Nachweis dafür.“
Den sollen Ratten liefern. Sie leben in Laboren in Bologna und Posen und bekommen das naturbelassene Stevia-Süßungsmittel zu fressen. „Die Projektpartner untersuchen die Tiere hinterher auf Tumore und beleuchten, ob Stevia die Aufnahme von Vitaminen, Spurenelementen und anderen Mikronährstoffen hemmt“, erklärt Dr. Kienle. Erst wenn die Wissenschaftler beides ausschließen können, ist die Unbedenklichkeit des Stevia-Süßungsmittels bewiesen.

Bis 2016 soll das naturbelassene Süßungsmittel aus der Stevia-Pflanze marktreif sein.

Hintergrund: Forschungsprojekt Go4Stevia
Hinter der Abkürzung Go4Stevia verbirgt sich der Projektname „Stevia rebaudiana as a diversification alternative for European Tobacco Farmers to strengthen the European Competitiveness“. Das Forschungsprojekt ist im Februar 2013 angelaufen und auf drei Jahre angelegt. Die Europäische Union unterstützt das Vorhaben mit insgesamt rund 2,3 Millionen Euro. Projektkoordinator ist der Agrartechniker Prof. Dr. Thomas Jungbluth, Leiter des Fachgebiets Verfahrenstechnik der Tierhaltungssysteme an der Universität Hohenheim. Beteiligt sind außerdem Dr. Morando Soffritti vom Ramazzini-Institut in Bologna und Dr. Magdalena Czlapka-Matyasik von der Life Science Universität Posen.
Hintergrund: Schwergewichte der Forschung
Rund 27 Millionen Euro an Drittmitteln akquirierten Wissenschaftler der Universität Hohenheim im vergangenen Jahr für Forschung und Lehre. In loser Folge präsentiert die Reihe „Schwergewichte der Forschung“ herausragende Forschungsprojekte mit einem Drittmittelvolumen von mindestens 250.000 Euro bei den Experimental- bzw. 125.000 Euro bei den Buchwissenschaften.

Text: Weik / Klebs

Kontakt für Medien:
Dr. Udo Kienle, Universität Hohenheim, Fachgebiet Verfahrenstechnik der Tierhaltungssysteme, Tel.: 0711/459 22845, E-Mail: u-kienle@uni-hohenheim.de

Florian Klebs | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-hohenheim.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Mikro-U-Boote für den Magen
24.01.2017 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

nachricht Echoortung - Lernen, den Raum zu hören
24.01.2017 | Ludwig-Maximilians-Universität München

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Scientists spin artificial silk from whey protein

X-ray study throws light on key process for production

A Swedish-German team of researchers has cleared up a key process for the artificial production of silk. With the help of the intense X-rays from DESY's...

Im Focus: Forscher spinnen künstliche Seide aus Kuhmolke

Ein schwedisch-deutsches Forscherteam hat bei DESY einen zentralen Prozess für die künstliche Produktion von Seide entschlüsselt. Mit Hilfe von intensivem Röntgenlicht konnten die Wissenschaftler beobachten, wie sich kleine Proteinstückchen – sogenannte Fibrillen – zu einem Faden verhaken. Dabei zeigte sich, dass die längsten Proteinfibrillen überraschenderweise als Ausgangsmaterial schlechter geeignet sind als Proteinfibrillen minderer Qualität. Das Team um Dr. Christofer Lendel und Dr. Fredrik Lundell von der Königlich-Technischen Hochschule (KTH) Stockholm stellt seine Ergebnisse in den „Proceedings“ der US-Akademie der Wissenschaften vor.

Seide ist ein begehrtes Material mit vielen erstaunlichen Eigenschaften: Sie ist ultraleicht, belastbarer als manches Metall und kann extrem elastisch sein....

Im Focus: Erstmalig quantenoptischer Sensor im Weltraum getestet – mit einem Lasersystem aus Berlin

An Bord einer Höhenforschungsrakete wurde erstmals im Weltraum eine Wolke ultrakalter Atome erzeugt. Damit gelang der MAIUS-Mission der Nachweis, dass quantenoptische Sensoren auch in rauen Umgebungen wie dem Weltraum eingesetzt werden können – eine Voraussetzung, um fundamentale Fragen der Wissenschaft beantworten zu können und ein Innovationstreiber für alltägliche Anwendungen.

Gemäß dem Einstein’schen Äquivalenzprinzip werden alle Körper, unabhängig von ihren sonstigen Eigenschaften, gleich stark durch die Gravitationskraft...

Im Focus: Quantum optical sensor for the first time tested in space – with a laser system from Berlin

For the first time ever, a cloud of ultra-cold atoms has been successfully created in space on board of a sounding rocket. The MAIUS mission demonstrates that quantum optical sensors can be operated even in harsh environments like space – a prerequi-site for finding answers to the most challenging questions of fundamental physics and an important innovation driver for everyday applications.

According to Albert Einstein's Equivalence Principle, all bodies are accelerated at the same rate by the Earth's gravity, regardless of their properties. This...

Im Focus: Mikrobe des Jahres 2017: Halobacterium salinarum - einzellige Urform des Sehens

Am 24. Januar 1917 stach Heinrich Klebahn mit einer Nadel in den verfärbten Belag eines gesalzenen Seefischs, übertrug ihn auf festen Nährboden – und entdeckte einige Wochen später rote Kolonien eines "Salzbakteriums". Heute heißt es Halobacterium salinarum und ist genau 100 Jahre später Mikrobe des Jahres 2017, gekürt von der Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobiologie (VAAM). Halobacterium salinarum zählt zu den Archaeen, dem Reich von Mikroben, die zwar Bakterien ähneln, aber tatsächlich enger verwandt mit Pflanzen und Tieren sind.

Rot und salzig
Archaeen sind häufig an außergewöhnliche Lebensräume angepasst, beispielsweise heiße Quellen, extrem saure Gewässer oder – wie H. salinarum – an...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Neuer Algorithmus in der Künstlichen Intelligenz

24.01.2017 | Veranstaltungen

Gehirn und Immunsystem beim Schlaganfall – Neueste Erkenntnisse zur Interaktion zweier Supersysteme

24.01.2017 | Veranstaltungen

Hybride Eisschutzsysteme – Lösungen für eine sichere und nachhaltige Luftfahrt

23.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Im Interview mit Harald Holzer, Geschäftsführer der vitaliberty GmbH

24.01.2017 | Unternehmensmeldung

MAIUS-1 – erste Experimente mit ultrakalten Atomen im All

24.01.2017 | Physik Astronomie

European XFEL: Forscher können erste Vorschläge für Experimente einreichen

24.01.2017 | Physik Astronomie