Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Die Achillesferse der Parasiten

12.01.2009
Wissenschaftler haben ein Hormon identifiziert, das dafür verantwortlich ist, ob eine Fadenwurmlarve zum Parasiten wird oder nicht.

Ob eine Fadenwurmlarve zu einem in Tieren parasitierenden Wurm wird oder sich freilebend im Boden weiterentwickelt, steuert ein einziges Hormon. Dies haben Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen herausgefunden. Da es sich bei dem Hormon um ein kleines, chemisch leicht herstellbares Molekül handelt, könnte es zur Parasitenbekämpfung genutzt werden. (Current Biology, 13. Januar 2009)


Rasterelektronenmikroskopische Aufnahme des Parasiten Strongyloides papillosus (Vordergrund) und der entfernten Verwandten Pristionchus pacificus (links) und Caenorhabditis elegans (rechts). Jürgen Berger / Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie

Parasiten lassen sich - im Gegensatz zu freilebenden Organismen - von einem Wirt versorgen und produzieren auch ihre Nachkommen in diesem Wirt. Eine sehr erfolgreiche Lebensform: Mehr als die Hälfte aller Tierarten sind vermutlich Parasiten. Einige Tiergruppen haben den Übergang von der freilebenden zur parasitischen Lebensweise mehrfach vollzogen. So ist bei den Fadenwürmern der Tierparasitismus mindestens viermal, der Planzenparasitismus mindestens dreimal unabhängig voneinander entstanden.

Ausgewachsene Fadenwurmparasiten produzieren meist eine hohe Zahl von Nachkommen. Diese werden vom Wirt, der je nach Art des Parasiten ein Säugetier oder auch ein Fisch, Käfer oder eine Pflanze sein kann, an die Umwelt freigegeben. Dort entwickeln sie sich freilebend im Boden oder Wasser bis zu einem Stadium, das in der Lage ist, einen neuen Wirt zu finden und zu infizieren. Dieses spezialisierte Stadium ist die "infektiöse Larve", welche sich, einmal in den Wirt eingedrungen, zum erwachsenen Tier weiterentwickelt. "Die Existenz dieses infektiösen Larvenstadiums bietet einen einzigartigen Ansatzpunkt, um die Parasiten gezielt zu bekämpfen", sagt Akira Ogawa, Erstautor der Studie.

Über die Entstehung des Parasitismus war bisher nur sehr wenig bekannt, da die Unterschiede zwischen freilebenden und parasitischen Formen zu groß waren, als dass sie Rückschlüsse auf Zwischenformen zuließen. Jetzt haben Wissenschaftler aus der Arbeitsgruppe von Ralf Sommer am Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen erstmals molekulare und pharmakologische Ähnlichkeiten zwischen den Larven der freilebenden Fadenwurmarten Caenorhabditis elegans und Pristionchus pacificus sowie dem in Schafen, Hasen und anderen Säugetieren parasitierenden Fadenwurm Strongyloides papillosus entdeckt. "Diese Gemeinsamkeiten geben uns Aufschluss darüber, wie der Parasitismus im Laufe der Evolution entstanden ist", sagt Ralf Sommer.

Wissenschaftler wussten schon lange, dass die infektiösen Larvenstadien der Fadenwurmparasiten einem spezialisierten Larvenstadium der freilebenden Arten, der Dauerlarve, äußerlich recht ähnlich sehen. Dennoch hatte man bisher keine molekularen Gemeinsamkeiten finden können. Akira Ogawa konnte nun erstmals nachweisen, dass die Entwicklung der spezialisierten Larvenstadien in den freilebenden Arten C. elegans und P. pacificus und dem Säugetierparasiten S. papillosus von demselben Hormon gesteuert wird. Dieses unterbindet bei C. elegans und P. pacificus die Ausbildung einer Dauerlarve und bei S. papillosus die Weiterentwicklung zur infektiösen Larve. Die Larven entwickeln sich stattdessen direkt zum freilebenden ausgewachsenen Tier. "Da es sich bei dem Hormon um ein kleines, chemisch leicht herstellbares Molekül handelt, könnte diese Beobachtung pharmakologisch zur Parasitenbekämpfung genutzt werden", sagt Akira Ogawa. "Wir werden testen, ob auch andere parasitische Fadenwürmer auf dieses Hormon reagieren".

Die meist nur wenige Millimeter großen Fadenwürmer (Nematoden) sind mit über einer Million Arten die größte Gruppe des Tierreichs. Sie kommen auf allen Kontinenten und in fast allen Ökosystemen der Erde vor. Zwar sind die meisten Arten völlig harmlos und leben beispielsweise im Erd- oder Meeresboden, einige Arten sind jedoch gefürchtete Krankheitserreger, die Menschen sowie Tiere und Pflanzen befallen. So gehören zum Beispiel der Madenwurm (Enterobius vermicularis) und der bekannte Spulwurm (Ascaris lumbricoides) zu den Nematoden. Während Spulwürmer für Menschen, Schweine, Hunde und Katzen meist harmlos sind, infizieren die Hakenwürmer Ancylostoma duodenale und Necator americanus weltweit eine Milliarde Menschen, von denen etwa 50.000 pro Jahr an den Folgen der Infektion sterben. Auch die vor allem in Afrika verbreitete Flussblindheit wird von einem Nematoden hervorrufen. Auf Plantagen können Fadenwürmer die Pflanzen so stark schädigen, dass es zu Ernteausfällen kommt.

Originalpublikation:
Akira Ogawa, Adrian Streit, Adam Antebi, Ralf J. Sommer: A Conserved Endocrine Mechanism Controls the Formation of Dauer and Inefective Larvae in Nematodes. Current Biology, 13. Januar 2009, 10.1016/j.cub.2008.11.063.
Ansprechpartner:
Prof. Dr. Ralf J. Sommer
Tel: +49 (0)7071-601-371
E-Mail: Ralf.Sommer@tuebingen.mpg.de
Dr. Susanne Diederich (Presse- und Öffentlichkeitsabteilung)
Tel: +49 (0)7071-601-333
E-mail: presse@tuebingen.mpg.de
Das Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie betreibt Grundlagenforschung auf den Gebieten der Biochemie, Molekularbiologie, Genetik sowie Zell- und Evolutionsbiologie. Es beschäftigt rund 325 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und hat seinen Sitz auf dem Max-Planck-Campus in Tübingen. Das MPI für Entwicklungsbiologie ist eines der 80 Institute und Forschungseinrichtungen der Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V.

Dr. Susanne Diederich | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de
http://www.eb.tuebingen.mpg.de/abteilungen/4-evolutionsbiologie/
http://www.mpg.de/bilderBerichteDokumente/multimedial/mpForschung/2007/heft04/012/index.html

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Blattkäfer: Schon winzige Pestizid-Dosis beeinträchtigt Fortpflanzung
26.07.2017 | Universität Bielefeld

nachricht Akute myeloische Leukämie (AML): Neues Medikament steht kurz vor der Zulassung in Europa
26.07.2017 | Universitätsklinikum Ulm

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Navigationssystem der Hirnzellen entschlüsselt

Das menschliche Gehirn besteht aus etwa hundert Milliarden Nervenzellen. Informationen zwischen ihnen werden über ein komplexes Netzwerk aus Nervenfasern übermittelt. Verdrahtet werden die meisten dieser Verbindungen vor der Geburt nach einem genetischen Bauplan, also ohne dass äußere Einflüsse eine Rolle spielen. Mehr darüber, wie das Navigationssystem funktioniert, das die Axone beim Wachstum leitet, haben jetzt Forscher des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) herausgefunden. Das berichten sie im Fachmagazin eLife.

Die Gesamtlänge des Nervenfasernetzes im Gehirn beträgt etwa 500.000 Kilometer, mehr als die Entfernung zwischen Erde und Mond. Damit es beim Verdrahten der...

Im Focus: Kohlenstoff-Nanoröhrchen verwandeln Strom in leuchtende Quasiteilchen

Starke Licht-Materie-Kopplung in diesen halbleitenden Röhrchen könnte zu elektrisch gepumpten Lasern führen

Auch durch Anregung mit Strom ist die Erzeugung von leuchtenden Quasiteilchen aus Licht und Materie in halbleitenden Kohlenstoff-Nanoröhrchen möglich....

Im Focus: Carbon Nanotubes Turn Electrical Current into Light-emitting Quasi-particles

Strong light-matter coupling in these semiconducting tubes may hold the key to electrically pumped lasers

Light-matter quasi-particles can be generated electrically in semiconducting carbon nanotubes. Material scientists and physicists from Heidelberg University...

Im Focus: Breitbandlichtquellen mit flüssigem Kern

Jenaer Forschern ist es gelungen breitbandiges Laserlicht im mittleren Infrarotbereich mit Hilfe von flüssigkeitsgefüllten optischen Fasern zu erzeugen. Mit den Fasern lieferten sie zudem experimentelle Beweise für eine neue Dynamik von Solitonen – zeitlich und spektral stabile Lichtwellen – die aufgrund der besonderen Eigenschaften des Flüssigkerns entsteht. Die Ergebnisse der Arbeiten publizierte das Jenaer Wissenschaftler-Team vom Leibniz-Instituts für Photonische Technologien (Leibniz-IPHT), dem Fraunhofer-Insitut für Angewandte Optik und Feinmechanik, der Friedrich-Schiller-Universität Jena und des Helmholtz-Insituts im renommierten Fachblatt Nature Communications.

Aus einem ultraschnellen intensiven Laserpuls, den sie in die Faser einkoppeln, erzeugen die Wissenschaftler ein, für das menschliche Auge nicht sichtbares,...

Im Focus: Flexible proximity sensor creates smart surfaces

Fraunhofer IPA has developed a proximity sensor made from silicone and carbon nanotubes (CNT) which detects objects and determines their position. The materials and printing process used mean that the sensor is extremely flexible, economical and can be used for large surfaces. Industry and research partners can use and further develop this innovation straight away.

At first glance, the proximity sensor appears to be nothing special: a thin, elastic layer of silicone onto which black square surfaces are printed, but these...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

10. Uelzener Forum: Demografischer Wandel und Digitalisierung

26.07.2017 | Veranstaltungen

Clash of Realities 2017: Anmeldung jetzt möglich. Internationale Konferenz an der TH Köln

26.07.2017 | Veranstaltungen

2. Spitzentreffen »Industrie 4.0 live«

25.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Robuste Computer für's Auto

26.07.2017 | Seminare Workshops

Läuft wie am Schnürchen!

26.07.2017 | Seminare Workshops

Leicht ist manchmal ganz schön schwer!

26.07.2017 | Seminare Workshops