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Die Wissenschaft als Vorreiter

03.03.2009
DFG-Konferenz zu den europäischen Perspektiven deutsch-russischer Forschungskooperation in Moskau

Am Ende stand eine Vision: die eines europäischen Forschungsraums, in dem der freie Austausch von Wissenschaftlern, Forschungsergebnissen und Technologien ebenso selbstverständlich ist wie der freie Austausch von Waren, Menschen, Dienstleistungen und Kapital. Eine Vision für das Jahr 2020.

Der Weg dorthin ist noch weit, aber es gibt viele Erfolg versprechende Ansätze. Das zeigte in großer Deutlichkeit die internationale Konferenz "Europäische Perspektiven für die deutsch-russische Wissenschaftskooperation", die vergangene Woche in Moskau stattfand.

Eingeladen hatte die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), unterstützt von der Vertretung der Europäischen Kommission in Russland; gekommen waren rund 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, vor allem aus Deutschland und Russland.

"Die Integration Russlands in den europäischen Forschungsraum ist eines der Hauptziele der DFG-Aktivitäten in Russland", unterstrich DFG-Präsident Professor Matthias Kleiner in seiner Begrüßung. Das hohe und über lange Zeit gewachsene Potenzial der deutsch-russischen Zusammenarbeit in der Wissenschaft, so Kleiner weiter, müsse und könne für Europa nutzbar gemacht werden. Die Wissenschaft habe hier eine Vorreiterrolle. Das seit 2003 in Moskau angesiedelte DFG-Büro mache deutlich, dass aus Sicht der DFG Russland eine Schlüsselrolle in der strategischen Partnerschaft zukomme.

Wie intensiv die deutsch-russische Forschungskooperation bereits ist, zeigten anschauliche Präsentationen aus verschiedenen Wissenschaftsgebieten. So arbeiten bereits seit Beginn der 90er-Jahre Luft- und Raumfahrttechniker der Universität Stuttgart mit dem Khristianovich Institut für Theoretische und Angewandte Mechanik in Novosibirsk zusammen in der Entwicklung von Hyperschall-Transportsystemen.

In der Archäologie sind die wissenschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Ländern besonders weit gediehen. Seit mehr als 15 Jahren arbeiten Deutsche und Russen in verschiedenen Grabungsprojekten zusammen, wie Professor Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin, darlegte. Die wissenschaftliche Zusammenarbeit sei so lebendig und belastbar, dass deutsch-russische Grabungsteams sogar in dritten Ländern wie dem Jemen oder der Mongolei gemeinsam arbeiteten. Vor allem die Zusammenarbeit der Studenten beider Nationen, die oft monatelang in einem Grabungshaus zusammenlebten, sei eine nicht zu unterschätzende Grundlage für Vertrauen, lebenslange wissenschaftliche Beziehungen und Bereicherung für beide Seiten, so Parzinger.

In der Quantenphysik arbeiten Wissenschaftler vom Institut für Festkörper- und Werkstoffforschung in Dresden zusammen mit der Moskauer Staatsuniversität. Diese Kooperation wird durch die Ausweitung auf weitere Institute in Deutschland und Europa sowie den Einbezug einer Reihe weiterer russischer Forschungsinstitute erheblich ausgeweitet.

In den Lebenswissenschaften schließlich gibt es seit 2006 ein Internationales Graduiertenkolleg in der Enzymforschung, das Doktoranden der Universitäten Gießen und Marburg sowie der Moskauer Lomonosov Universität zusammenbringt. Mit einem im 6. Rahmenprogramm geförderten Marie Curie-Doktorandennetzwerk hat das Graduiertenkolleg bereits den Zugang zu weiteren europäischen Fördermitteln und Standorten geschaffen.

Wie lässt sich die Zahl der erfolgreichen Kooperationen weiter steigern und auf europäischer Ebene noch sichtbarer machen? Diese Frage, vor allem von der russischen Seite gestellt, durchzog wie ein roter Faden die gesamte Konferenz. Eine weitere Antwort gab Professor Ernst-Ludwig Winnacker, Generalsekretär des European Research Council (ERC) und früherer DFG-Präsident. Er stellte die Fördermöglichkeiten des ERC dar, die für herausragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aller Nationen offenstehen, unter der Voraussetzung, dass sie mindestens zu 50 Prozent ihre Arbeit in einem europäischen Land leisten.

Assoziierte Teammitglieder können allerdings schon jetzt in Drittländern wie Russland finanziert werden und dort arbeiten. Da eine mögliche Assoziierung Russlands zum 7. Rahmenprogramm auf politischer Ebene weiter diskutiert wird, ermunterten alle Redner die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zur Fortsetzung und Ausweitung ihrer Kooperationen, um auf diesem Weg, unterhalb des Radarschirms der großen Politik, gemeinsam auch europäische Fördergelder einzuwerben.

Die neuen Chancen und Möglichkeiten verfehlten ihre Wirkung nicht. Beim Rundgespräch mit hochrangigen Vertretern der russischen Akademie der Wissenschaften und Rektoren der Hochschulen wurden zwar die mit 0,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts sehr niedrigen Investitionen des russischen Staates in Forschung und Technologie beklagt. Aber es gab auch Stimmen wie die von Professor Mikhail Ugryumow, Berater des Präsidiums der Akademie der Wissenschaften, der den Willen der Akademie zur Zusammenarbeit mit dem ERC hervorhob. Er kündigte an, dass die Akademie eine Nationale Kontaktstelle für den ERC einrichten werde. Konstantin Skryabin, Direktor des Zentrums für Bioengineering der Russischen Akademie der Wissenschaften, mahnte eindringlich, junge begabte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu fördern und Exzellenzzentren aufzubauen. Kleinere Zahlen und bessere Fördermöglichkeiten sowie eine kompromisslose Eliteförderung, seien die entscheidenden Faktoren für den Erfolg auch des russischen Wissenschaftssystems.

Das rege Interesse an den Einzelberatungen für die nationalen und europäischen Fördermöglichkeiten und die bereits erzielten Erfolge zeigten: Vielleicht ist die Vision des freien Europäischen Forschungsraums im Jahr 2020 doch nicht mehr so weit entfernt.

Weiterführende Informationen

Dr. Alice Rajewsky, Leiterin des DFG-Büros Russland, 119017 Moskau, 1. Kaza?ij Pereulok 5/2, Tel. +7 495 956-2706, Alice.Rajewsky@dfg.de

Dr. Eva-Maria Streier | idw
Weitere Informationen:
http://www.dfg.de

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