Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neues Forschungsprojekt: Schulunterricht in Film und Video

24.04.2012
Filme über den Schulunterricht gibt es wie Sand am Meer. „Die Feuerzangenbowle“ und Doku-Soaps wie „SOS Schule“ gehören dazu, aber auch Fortbildungsvideos für Lehrer und Unterrichtsmitschnitte für Forschungszwecke. In all diesen Werken transportieren die Filmemacher ihre ganz eigenen Vorstellungen vom Unterricht. Diesem Phänomen geht Dr. Astrid Baltruschat an der Universität Würzburg auf den Grund.

Mit Filmen über die Schule hat sich Astrid Baltruschat schon in ihrer Doktorarbeit an der Freien Universität Berlin befasst. „Ich habe dort Filme analysiert, die Schüler und Lehrer über ihre eigenen Schulen gedreht hatten.“

Diese Studien hatten Folgen: Zunehmend suchten Fachkollegen den Rat von Baltruschat – zum Beispiel Sozialwissenschaftler, die für ihre Forschungsarbeit einzelne Schulstunden aufzeichnen und über das „Wie“ und „Was“ sprechen wollten.
Wirklichkeitsferne Blicke auf den Unterricht

Reicht es nicht, die Kamera hinten im Klassenzimmer laufen zu lassen, um ein objektives Bild vom Unterricht zu gewinnen? Scheinbar nicht: „Objektives Filmen ist gar nicht möglich, da sind sich die Filmwissenschaftler einig. Jeder Film ist das Ergebnis einer subjektiven Interpretation“, sagt Astrid Baltruschat. Schon allein durch die Platzierung der Kamera hinten im Klassenraum werde der Lehrer ins Zentrum gerückt, seine dominante Rolle stark betont. Die Schüler sind nur von hinten zu sehen, ihre Interaktionen mit dem Lehrer bleiben dem Zuschauer verborgen. Ein objektives Bild vom Unterricht wird so wohl eher nicht eingefangen.

Eine Kamera, die den Unterricht von hinten in der Totalen erfasst: Mit dieser Methode wurden in den 1990er-Jahren auch Filme im Rahmen der internationalen TIMSS-Bildungsstudien gedreht. Später kamen die Streifen als Anschauungsmaterial im Lehramtsstudium und in der Lehrerfortbildung zum Einsatz. Astrid Baltruschat hält das für bedenklich: „Weil diese Art von Filmen eine Perspektive auf den Unterricht schafft, die außer dem Kameramann niemand sonst im Klassenzimmer hat und die darum die Wirklichkeit nicht widerspiegelt.“ An diesem Beispiel macht die Wissenschaftlerin deutlich, dass es extrem wichtig ist, die Art und Weise des Filmens im Klassenzimmer gut zu hinterfragen.

DFG fördert das Projekt für drei Jahre

Mit Filmen über den Unterricht befasst sich Astrid Baltruschat jetzt in einem neuen Forschungsprojekt am Lehrstuhl für Schulpädagogik der Universität Würzburg. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert das Vorhaben drei Jahre lang. Baltruschat wird von zwei studentischen Hilfskräften unterstützt; Lehramtsstudierende können in dem Projekt auch Zulassungsarbeiten schreiben.

„Wir wollen unterschiedlichste Filme analysieren und daraus ableiten, welches Bild von Unterricht die jeweiligen Produzenten in ihren Köpfen hatten und wie sie es umgesetzt haben“, erklärt die Wissenschaftlerin. In die Analysen einbezogen werden Fortbildungsfilme für Lehrer ebenso wie Videos, die Wissenschaftler zu Forschungszwecken gedreht haben, aber auch Spiel- und Dokumentarfilme, Doku-Soaps und Videoclips wie etwa „Another Brick in The Wall“ von Pink Floyd.

Verschiedene Filmgenres gegenüberstellen

Spielfilme und Videoclips? „Gerade darin sind Techniken umgesetzt, die in Forscherfilmen häufig fehlen“, so Baltruschat. „Zum Beispiel fängt die Kamera verschiedene Perspektiven ein, oder die Interaktion zwischen Lehrern und Schülern ist durch Schnitt und Gegenschnitt ins Bild gesetzt.“ Die so unterschiedlichen Filmgenres sollen einander in dem Projekt dann gegenübergestellt werden. Für die Unterrichtsforschung mittels Videoaufzeichnung ergeben sich daraus vielleicht neue Anstöße.

Projektleiterin hofft auf drei Erträge

Die Chancen, aber auch die Grenzen von Lehrerfortbildungsfilmen aufzeigen zu können – das ist ein Ergebnis, das sich Astrid Baltruschat von ihrem DFG-Projekt erhofft. Der zweite Ertrag, den sie sich verspricht: Dazu beizutragen, dass Unterrichtsfilme künftig mit noch mehr Bedacht geplant und realisiert werden, wenn sie der Studierendenausbildung, der Fortbildung oder der Forschung dienen sollen.

Ihr drittes Anliegen ist akademischer Natur: „Ich möchte zwei Traditionen der Unterrichtsforschung verknüpfen, die bisher eher nebeneinander herlaufen.“ Damit meint sie zum einen die deutsche Tradition der allgemeinen Didaktik, des rein theoretischen Nachdenkens über Unterrichtskonzepte. Diese möchte sie mit der angelsächsischen Tradition der empirischen Bildungsforschung verbinden, die auf konkreten Beobachtungen im Unterricht basiert.

Kontakt

Dr. Astrid Baltruschat, Lehrstuhl für Schulpädagogik der Universität Würzburg, T (0931) 31-89472, astrid.baltruschat@uni-wuerzburg.de

Gunnar Bartsch | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-wuerzburg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Bildung Wissenschaft:

nachricht Digitales Know-how für den Mittelstand: Uni Bayreuth entwickelt neuartiges Weiterbildungsprogramm
28.09.2017 | Universität Bayreuth

nachricht Physik-Didaktiker aus Münster entwickeln Lehrmaterial zu Quantenphänomenen
22.09.2017 | Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Bildung Wissenschaft >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung

Seit dreißig Jahren gibt eine bestimmte Uranverbindung der Forschung Rätsel auf. Obwohl die Kristallstruktur einfach ist, versteht niemand, was beim Abkühlen unter eine bestimmte Temperatur genau passiert. Offenbar entsteht eine so genannte „versteckte Ordnung“, deren Natur völlig unklar ist. Nun haben Physiker erstmals diese versteckte Ordnung näher charakterisiert und auf mikroskopischer Skala untersucht. Dazu nutzten sie den Hochfeldmagneten am HZB, der Neutronenexperimente unter extrem hohen magnetischen Feldern ermöglicht.

Kristalle aus den Elementen Uran, Ruthenium, Rhodium und Silizium haben eine geometrisch einfache Struktur und sollten keine Geheimnisse mehr bergen. Doch das...

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Im Focus: Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt

Eine gemeinsame Studie der Universität Bern und des Inselspitals Bern zeigt, dass spezielle Bindegewebszellen, die in normalen Blutgefässen die Wände abdichten, bei Lungenkrebs nicht mehr richtig funktionieren. Zusätzlich unterdrücken sie die immunologische Bekämpfung des Tumors. Die Resultate legen nahe, dass diese Zellen ein neues Ziel für die Immuntherapie gegen Lungenkarzinome sein könnten.

Lungenkarzinome sind die häufigste Krebsform weltweit. Jährlich werden 1.8 Millionen Neudiagnosen gestellt; und 2016 starben 1.6 Millionen Menschen an der...

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Das Immunsystem in Extremsituationen

19.10.2017 | Veranstaltungen

Die jungen forschungsstarken Unis Europas tagen in Ulm - YERUN Tagung in Ulm

19.10.2017 | Veranstaltungen

Bauphysiktagung der TU Kaiserslautern befasst sich mit energieeffizienten Gebäuden

19.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Forscher finden Hinweise auf verknotete Chromosomen im Erbgut

20.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Saugmaschinen machen Waschwässer von Binnenschiffen sauberer

20.10.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Strukturbiologieforschung in Berlin: DFG bewilligt Mittel für neue Hochleistungsmikroskope

20.10.2017 | Förderungen Preise