Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Mehr Freiraum für Risiko: DFG fördert erste Reinhart Koselleck-Projekte

12.12.2008
Sechs Wissenschaftler erhalten für besonders innovative Forschungsideen bis zu 1,25 Millionen Euro

Mehr Freiraum für besonders innovative und im positiven Sinne risikobehaftete Forschung erhalten sechs Wissenschaftler von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).

Sie sind die ersten Forscher, die im Rahmen der Reinhart Koselleck-Projekte der DFG gefördert werden. Für ihre geplanten Arbeiten erhalten sie einen Pauschalbetrag zwischen 500 000 und 1,25 Millionen Euro, den sie über fünf Jahre sehr flexibel einsetzen können.

Die Reinhart Koselleck-Projekte der DFG ermöglichen ausgewiesenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Durchführung von Forschungsprojekten, die weder im Rahmen der Arbeit an ihrer jeweiligen Institution noch in den anderen Förderverfahren der DFG realisiert werden können. Da besonders innovative und risikoreiche Forschungen in der Regel noch weniger planbar sind als sonstige Forschungsarbeiten, reicht bei der Antragstellung eine fünfseitige Projektskizze aus. Zusätzlich zu ihren Ideen sollen die antragstellenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch mit ihrem bisherigen wissenschaftlichen Lebenslauf überzeugen und den nötigen Vertrauensvorschuss rechtfertigen. "Es geht uns um die kühne Idee und um die Person, die in der Lage ist, sie zu verwirklichen", erklärte DFG-Präsident Professor Matthias Kleiner anlässlich der ersten Bewilligungsentscheidungen im Hauptausschuss von Deutschlands zentraler Forschungsförderorganisation. Selbst renommierte Forscherinnen und Forscher, die risikoreiche, aber vielversprechende und zukunftsweisende Forschung betreiben wollten, hätten bislang keine derartigen Möglichkeiten gehabt, Fördergelder zu beantragen, so Kleiner. "Das besonders hohe Risiko kann in der gewagten Idee, der originellen Hypothese oder auch in der neuen oder neu angewendeten Methode liegen. Die Reinhart Koselleck-Projekte schließen in diesem Kontext eine wichtige Lücke im Portfolio der DFG und in der deutschen Forschungsförderung."

Namensgeber des neuen Fördermoduls ist der im Jahr 2006 verstorbene Reinhart Koselleck, einer der bedeutendsten deutschen Historiker des 20. Jahrhunderts, der in Deutschland zu den Begründern der modernen Sozialgeschichte gehörte. Die Koselleck-Projekte wurden im Januar 2008 vom Hauptausschuss der DFG auf den Weg gebracht. Seit Juni 2008 nimmt die DFG Anträge auf Förderung entgegen. .

Die ersten Reinhart Koselleck-Projekte im Kurzporträt:

Prof. Dr. Klaus Fiedler (57), Sozialpsychologie, Professor am Psychologischen Seminar der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Klaus Fiedler will einen kognitiv-ökologischen Ansatz der Entscheidungsforschung weiterentwickeln, der ökologische Grenzen rationaler Entscheidungen einbezieht. Mit dieser Alternative zu traditionellen Erklärungsansätzen der Entscheidungsforschung sollen Antworten auf brennende Fragen der modernen Informationsgesellschaft gefunden werden. Zu diesem Zweck will Fiedler ein leistungsfähiges Netzwerk führender Forscher etablieren und einen intensiven Austausch junger Wissenschaftler durch ein spezielles Förderprogramm auf diesem Gebiet vorantreiben.

Prof. Dr. Reiner Kirchheim (65), Materialwissenschaften, Professor am Institut für Materialphysik der Georg-August-Universität Göttingen

Reiner Kirchheim will mit einem experimentell und theoretisch ausgerichteten Ansatz demonstrieren, dass sich die bekannte Wirkung von grenzflächenaktiven Substanzen generell auf Defekte in Festkörpern erweitern lässt. So könnten bestimmte Atome und Moleküle die Defekte eines Materials stabilisieren und neuartige Eigenschaften von Werkstoffen ermöglichen, zum Beispiel nanoporöse Metalle als innovative Wasserstoffspeicher oder nanokristallinen Stahl. Zudem will Kirchheim klären, ob mit diesem Ansatz die Bildungsenergie von Defekten auf Null reduziert werden kann - eine Fragestellung, die auch in zahlreichen anderen Disziplinen von großem Interesse ist.

Prof. Dr. Dominik Marx (45), Theoretische Chemie, Professor an der Fakultät für Chemie und Biochemie der Ruhr-Universität Bochum

Dominik Marx befasst sich mit der theoretischen Untersuchung von chemischen Reaktionen, die durch mechanischen Einfluss auf chemische Substanzen und insbesondere auf Elektronenpaarbindungen in Molekülen hervorgerufen werden. Diese Prozesse unterscheiden sich konzeptionell von thermisch oder photochemisch induzierten Reaktionen, wie sie üblicherweise in experimentellen wie auch theoretischen Untersuchungen betrachtet werden. Ein besonderer Fokus des Projekts liegt dabei auf mechanochemischen Simulationen. So will Marx eine Vielzahl verschiedener Systeme und Reaktionstypen untersuchen. Diese Ergebnisse sollen zunächst durch eine Kombination von statistischer Mechanik und Elektronenstruktur theoretisch analysiert werden. Fernziel ist jedoch, einen allgemeinen Rahmen samt Leitlinien für das Verständnis der Mechanochemie vorzuschlagen.

Prof. Dr. Erich Schröger (50), Psychologie, Professor am Institut für Psychologie der Universität Leipzig

Der Mensch ist mental anpassungsfähig durch seine Fähigkeit, die Welt zu interpretieren, implizite wie explizite Vorhersagen über die Zukunft zu treffen und so die Folgen seines eigenen Handelns abzuschätzen. Auf diesem Gebiet der kognitiven und biologischen Psychologie will Erich Schröger zwei traditionelle Forschungsfelder erweitern und zusammenführen. Insbesondere geht es ihm um die Bereiche der automatischen Modellierung und der systematischen Erfassung von auditiven Regeln sowie um die Unterdrückung von Hirnantworten auf selbstgeschaffene auditive Reize. Schröger will durch eine primär experimentelle Herangehensweise beweisen, dass in beiden Bereichen die Erstellung von Vorhersagen und das Prüfen ihres Eintreffens eine zentrale Rolle spielen und auf vergleichbaren kognitiven Prozessen beruhen.

Dr. Roland Schüle (51), Molekulare Medizin, Leiter der Zentralen Klinischen Forschung am Klinikum der Universität Freiburg

Das Prostatakarzinom, die in der westlichen Hemisphäre mit am häufigsten vorkommende Tumorerkrankung bei Männern, steht im Forschungsfokus von Roland Schüle. Bislang existiert für Patienten mit androgen-unabhängigen Prostatakarzinomen weder ein geeignetes klinisches Management noch eine dauerhafte Therapie. Schüle will deshalb mit seinem Reinhart Koselleck-Projekt die molekularen Mechanismen dieses Krankheitsbilds charakterisieren und aus den Ergebnissen innovative Therapieansätze ableiten.

Dr. Stefan Schuster (42), Heisenberg-Stipendiat der DFG und Privatdozent am Institut für Zoologie II der Universität Erlangen-Nürnberg

Wie steuert unser Gehirn komplexe Entscheidungen und wie stellt es sich dabei auf die sich fortwährend ändernden Gesetzmäßigkeiten und Randbedingungen der Umwelt ein? Diese Kernfragen der kognitiven Neurobiologie will Stefan Schuster auf zellulärer Ebene an Fischen untersuchen. Schuster kombiniert Verhaltensphysiologie, Elektrophysiologie, funktionelle Bildgebung, 'Computational Neuroscience' und Zebrafisch-Genetik. Damit will er ergründen, wie die Welt auf der Ebene eines sehr kleinen Entscheidungsnetzwerks im Wirbeltiergehirn so repräsentiert ist, dass flexibles, aber dennoch stabiles Handeln möglich ist.

Weiterführende Informationen

Informationen zu den Reinhart Koselleck-Projekten finden sich unter:
www.dfg.de/forschungsfoerderung/einzelfoerderung/kompaktdarstellung_reinhart_koselleck_projekte.html
Ansprechpartnerin in der DFG:
Dr. Sarah Holthausen, Tel. +49 228 885-2032, Sarah.Holthausen@dfg.de

Marco Finetti | idw
Weitere Informationen:
http://www.dfg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Bildung Wissenschaft:

nachricht Meilenstein in der Forschung: Enabling Innovation
06.09.2017 | Rheinische Fachhochschule Köln

nachricht Max Planck School of Photonics: Nationales Exzellenznetzwerk für Photonikforschung ausgewählt
04.09.2017 | Fraunhofer-Gesellschaft

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Bildung Wissenschaft >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Im Focus: Hochautomatisiertes Fahren bei Schnee und Regen: Robuste Warnehmung dank intelligentem Sensormix

Schlechte Sichtverhältnisse bei Regen oder Schnellfall sind für Menschen und hochautomatisierte Fahrzeuge eine große Herausforderung. Im europäischen Projekt RobustSENSE haben die Forscher von Fraunhofer FOKUS mit 14 Partnern, darunter die Daimler AG und die Robert Bosch GmbH, in den vergangenen zwei Jahren eine Softwareplattform entwickelt, auf der verschiedene Sensordaten von Kamera, Laser, Radar und weitere Informationen wie Wetterdaten kombiniert werden. Ziel ist, eine robuste und zuverlässige Wahrnehmung der Straßensituation unabhängig von der Komplexität und der Sichtverhältnisse zu gewährleisten. Nach der virtuellen Erprobung des Systems erfolgt nun der Praxistest, unter anderem auf dem Berliner Testfeld für hochautomatisiertes Fahren.

Starker Schneefall, ein Ball rollt auf die Fahrbahn: Selbst ein Mensch kann mitunter nicht schnell genug erkennen, ob dies ein gefährlicher Gegenstand oder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Die Erde und ihre Bestandteile im Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

23. Baltic Sea Forum am 11. und 12. Oktober nimmt Wirtschaftspartner Finnland in den Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

6. Stralsunder IT-Sicherheitskonferenz im Zeichen von Smart Home

21.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

OLED auf hauchdünnem Edelstahl

21.09.2017 | Messenachrichten

Weniger (Flug-)Lärm dank Mathematik

21.09.2017 | Physik Astronomie

In Zeiten des Klimawandels: Was die Farbe eines Sees über seinen Zustand verrät

21.09.2017 | Geowissenschaften