Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Lösung für verzwickte Innovationsprobleme

14.07.2015

Mit Industrial Design Thinking (i.DT) lassen sich versteckte Nutzerbedürfnisse aufspüren und Ideen für innovative Produkte erzeugen. Siemens Corporate Technology in China hat die Methode seit drei Jahren erfolgreich in bisher mehr als 20 Entwicklungsprojekten eingesetzt. Jetzt kommt Industrial Design Thinking auch nach Deutschland.

Ist es möglich, eine innovative Idee für einen Computertomograph mit Legosteinen zu vermitteln oder ein Rettungsgerät für Minenarbeiter mit bunten Zetteln? Im Industrial Design Thinking (i.DT) Center bei Siemens Corporate Technology (CT) in Peking sind solche skurrilen Dinge ein wichtiger Teil eines ernsthaften Produktentwicklungprozesses. Die Arbeit mit Schere und Spielzeug öffnet Perspektiven und hilft Siemens-Ingenieuren, ihre Ideen zu vermitteln und im frühen Entwicklungsprozess schnell zu testen und weiterzuentwickeln.


Geburtsort für manche Innovationen: Das Prototyping Lab im i.DT

Industrial Design Thinking heißt die Methode, die bei Siemens CT in China seit Anfang 2012 für verzwickte Innovationsprobleme verwendet wird. Nicht nur die Lösung ist unbekannt, auch die Herausforderungen auf Seite des Kunden liegen im Dunkeln. Wie der Name schon andeutet: Der Kreativprozess nutzt stärker als andere Methoden visuelle und haptische Eindrücke, „das kommt den chinesischen Kollegen und Nutzern sehr entgegen“, sagt Dr. Bettina Maisch, die das i.DT-Center und -Programm in der chinesischen Hauptstadt aufgebaut hat.

Eine Stärke von Design Thinking ist, dass es auch Bedürfnisse aufspürt, die dem Nutzer gar nicht bewusst sind und die er nicht artikulieren kann. „Hidden needs“ nennt das die Expertin. Dazu nehmen die Teilnehmer in Rollenspielen die Perspektive von verschiedenen Nutzertypen ein. Die Ideen werden in mehreren schnellen rekursiven Schleifen mit Bastelmaterial gebaut, mit jedem Durchlauf ein wenig genauer.

Mehrere Monate und einige Workshops lang kann der Prozess dauern, angefangen von der Definition des Innovationsziels bis einem Verkaufsgespräch. Das definiert die ursprüngliche Herausforderung aus Sicht des Nutzers, erläutert anhand eines Prototyps welche Lösung gefunden wurde und welchen Nutzen er dem Kunden bietet.

Der Ansatz entstand in Palo Alto

Vorbild der CT-Forscher sind die Begründer des Design Thinking: drei US-Informatiker, darunter David Kelley, Gründer der Innovationsberatung IDEO und Professor an der Stanford University in Palo Alto. Anfang der 1990er Jahre suchten sie eine Methode, um die Wünsche von Nutzern in einer sehr frühen Phase des Innovationsprozesses einzubringen.

2005 spendete SAP-Mitgründer Hasso Plattner 35 Millionen Dollar, um das Hasso Plattner Institute of Design in Palo Alto zu gründen. Sein Ziel ist, eine Generation von Innovatoren für komplexe Herausforderungen vorzubereiten, kreatives Selbstvertrauen zu fördern und sie über die Grenzen traditioneller akademischer Disziplinen hinauszuführen.

Die Methode der designorientierten Entwicklung funktioniert ausgezeichnet im akademischen Umfeld und wurde bereits erfolgreich für Konsumgüter angewandt. Doch Käufer von Handys oder Autos sind nicht die Zielkunden von Siemens. Die kaufen Investitionsgüter, die Strom erzeugen oder die Produktivität in Fabriken steigern. Bettina Maisch und ihr Team haben die Methode von IDEO und der Stanford Universität adaptiert und für die Anforderungen des Unternehmens, seiner Mitarbeiter und Zielmärkte weiterentwickelt.

Was will der Nutzer?

„Bei unserem Ansatz gehen wir raus und beobachten und sprechen mit den Nutzern“, sagt Li Zhi Hao, der die i.DT-Aktivitäten in China seit 2015 leitet, „und so zeigen wir, dass wir durch ein tieferes Verständnis neue Chancen identifizieren können, die unseren Kunden sowie Siemens Nutzen stiften.“ Um diese Chancen zu entdecken, begleiten die Innovationsteams von Corporate Technology und der Geschäftseinheit Nutzer in ihrem Arbeitsumfeld. In einem Projekt in Wuhan lag der ursprüngliche Fokus darauf, die bestehende intelligente Verkehrsmanagement-Lösung zu verbessern. Das Team ging auf die Straße und interviewte verschiedene Beteiligte wie Fußgänger, Verkehrspolizisten und Taxifahrer.

Heraus kam eine mobile Anwendung, die es Polizisten erlaubt, schnell und einfach die Kontrolle über die Ampeln zu übernehmen. „Bei vielen Projekten haben wir mit Industrial Design Thinking herausgefunden, dass es eigentlich um ganz andere Bedürfnisse ging, als die Geschäftsbereiche ursprünglich gedacht hatten“, sagt Li Zhi Hao. Ein Beispiel ist ein neues Urin-Analysegerät. Normalerweise werden darin Teststreifen chemisch untersucht.

Siemens hat 80 Prozent Anteil am Weltmarkt, in China aber nur zwei Prozent, angeblich wegen des zu hohen Preises. Das neue Gerät dürfe dort wie die Konkurrenzprodukte nur noch 50 Euro kosten, so die Forderung aus dem Geschäftsbereich. Doch durch Feldforschung entdeckte das Team eine andere Geschäftschance in der Urin-Analyse. Interviews mit Nieren-Spezialisten und Laborleitern ergaben, dass geschultes Laborpersonal in zentralen Laboren 70 Prozent der vollautomatischen Urinanalysen von Hand mit einem Mikroskop nachkontrollieren müssen, weil die Messergebnisse kommerzieller Geräte zu ungenau sind.

In enger Zusammenarbeit mit dem Diagnostik-Geschäftsbereich entschied man, ein Produkt zu entwickeln, das diese Lücke schließt. Die Lösung: Ein Mikroskop, in das die Probe zwar manuell eingelegt wird, das die Feststoffe im Urin aber über eine automatische Bildverarbeitung bestimmt und schneller ist als die Begutachtung mit dem Auge. Dies ist nur ein Beispiel, wie Daten aus erster Hand der Feldforschung und die Offenheit für neue aber vielversprechende Chancen eine sinnvolle Richtung für die Entwicklung neuer Produkte bei Siemens weisen.

Chinesen denken visuell und spielerisch

Warum hat sich ausgerechnet Peking als Keimzelle des Design Thinking bei Siemens etabliert? „Die vielen unterschiedlichen Nutzerbedürfnisse in China sind ein wichtiger Innovationstreiber“, erklärt Dr. Arding Hsu, der bis 2014 Leiter der CT China war und die Methode vor drei Jahren einführen ließ. Hinzu kommt, dass Chinesen gerne spielerisch und visuell denken und arbeiten, Modelle basteln und diese Schritt für Schritt verbessern – alles Eigenschaften, die vom Design Thinking aufgegriffen werden.

Was sich in China bewährt hat, soll nun auch Kollegen in anderen Ländern helfen, innovativere Produkte zu entwickeln. Bettina Maisch arbeitet seit Anfang 2015 bei Corporate Technology in München Neuperlach. Dort und in Erlangen-Nürnberg soll sie ein Team für Industrial Design Thinking aufbauen, das die Business Units in Deutschland unterstützt.

In Peking nimmt ihr Kollege Li Zhi Hao im Frühjahr 2015 das deutlich erweiterte i.DT-Labor in Betrieb – mit größeren Workshopräumen, speziellen Projekträumen und einem „Shop“ bestückt mit den 3D-Druckern, CNC- und Laserschneidmaschine, um die groben Prototypen auf das nächste professionelle Level zu heben. „Industrial Design Thinking ist ein wichtiger Baustein, um näher an die Kunden zu kommen“, sagt Bettina Maisch, „die Innovationskultur bei Siemens wird davon profitieren.“
Bernd Müller

www.siemens.com

Bernd Müller | Siemens - Pictures of the Future

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Bildung Wissenschaft:

nachricht Digitales Know-how für den Mittelstand: Uni Bayreuth entwickelt neuartiges Weiterbildungsprogramm
28.09.2017 | Universität Bayreuth

nachricht Physik-Didaktiker aus Münster entwickeln Lehrmaterial zu Quantenphänomenen
22.09.2017 | Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Bildung Wissenschaft >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Im Focus: Neutron star merger directly observed for the first time

University of Maryland researchers contribute to historic detection of gravitational waves and light created by event

On August 17, 2017, at 12:41:04 UTC, scientists made the first direct observation of a merger between two neutron stars--the dense, collapsed cores that remain...

Im Focus: Breaking: the first light from two neutron stars merging

Seven new papers describe the first-ever detection of light from a gravitational wave source. The event, caused by two neutron stars colliding and merging together, was dubbed GW170817 because it sent ripples through space-time that reached Earth on 2017 August 17. Around the world, hundreds of excited astronomers mobilized quickly and were able to observe the event using numerous telescopes, providing a wealth of new data.

Previous detections of gravitational waves have all involved the merger of two black holes, a feat that won the 2017 Nobel Prize in Physics earlier this month....

Im Focus: Topologische Isolatoren: Neuer Phasenübergang entdeckt

Physiker des HZB haben an BESSY II Materialien untersucht, die zu den topologischen Isolatoren gehören. Dabei entdeckten sie einen neuen Phasenübergang zwischen zwei unterschiedlichen topologischen Phasen. Eine dieser Phasen ist ferroelektrisch: das bedeutet, dass sich im Material spontan eine elektrische Polarisation ausbildet, die sich durch ein äußeres elektrisches Feld umschalten lässt. Dieses Ergebnis könnte neue Anwendungen wie das Schalten zwischen unterschiedlichen Leitfähigkeiten ermöglichen.

Topologische Isolatoren zeichnen sich dadurch aus, dass sie an ihren Oberflächen Strom sehr gut leiten, während sie im Innern Isolatoren sind. Zu dieser neuen...

Im Focus: Smarte Sensoren für effiziente Prozesse

Materialfehler im Endprodukt können in vielen Industriebereichen zu frühzeitigem Versagen führen und den sicheren Gebrauch der Erzeugnisse massiv beeinträchtigen. Eine Schlüsselrolle im Rahmen der Qualitätssicherung kommt daher intelligenten, zerstörungsfreien Sensorsystemen zu, die es erlauben, Bauteile schnell und kostengünstig zu prüfen, ohne das Material selbst zu beschädigen oder die Oberfläche zu verändern. Experten des Fraunhofer IZFP in Saarbrücken präsentieren vom 7. bis 10. November 2017 auf der Blechexpo in Stuttgart zwei Exponate, die eine schnelle, zuverlässige und automatisierte Materialcharakterisierung und Fehlerbestimmung ermöglichen (Halle 5, Stand 5306).

Bei Verwendung zeitaufwändiger zerstörender Prüfverfahren zieht die Qualitätsprüfung durch die Beschädigung oder Zerstörung der Produkte enorme Kosten nach...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Dezember 2017

17.10.2017 | Veranstaltungen

Intelligente Messmethoden für die Bauwerkssicherheit: Fachtagung „Messen im Bauwesen“ am 14.11.2017

17.10.2017 | Veranstaltungen

Meeresbiologe Mark E. Hay zu Gast bei den "Noblen Gesprächen" am Beutenberg Campus in Jena

16.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

17.10.2017 | Informationstechnologie

Pflanzen gegen Staunässe schützen

17.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Den Trends der Umweltbranche auf der Spur

17.10.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz