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Von Klimaforschung in Städten bis zur Therapie von Inkontinenz

27.04.2012
DFG richtet sieben neue Forschergruppen ein / Insgesamt mehr als 16 Millionen Euro für erste Förderperiode

Die Einrichtung von sechs neuen Forschergruppen und einer Klinischen Forschergruppe hat der Hauptausschuss der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) beschlossen. Die Forschungsverbünde sollen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Möglichkeit bieten, sich aktuellen und drängenden Fragen in ihren Fächern zu widmen und innovative Arbeitsrichtungen zu etablieren.

Wie alle DFG-Forschergruppen werden die neuen Einrichtungen orts- und fächerübergreifend arbeiten. Die Klinischen Forschergruppen verknüpfen die Bereiche Klinik, angewandte Forschung und Grundlagenforschung.

Das thematische Spektrum der Einrichtungen ist breit gefächert: Eine der neuen Forschergruppen untersucht beispielsweise die zukünftigen Auswirkungen des Klimawandels in Städten, andere erforschen hingegen die Rolle von Ribosomen innerhalb einer Zelle oder ergründen menschliche Entscheidungsprozesse und deren Konsequenzen auf wirtschaftliche und soziale Politik. Therapieansätze bei Harninkontinenz stehen im Mittelpunkt der Klinischen Forschergruppe.

In den nächsten drei Jahren werden die sechs neuen Forschergruppen circa 12,8 Millionen Euro erhalten; damit fördert die DFG insgesamt 191 Forschergruppen. Das Fördervolumen für die neue Klinische Forschergruppe beträgt für die erste Förderphase rund 3,4 Millionen Euro. Insgesamt unterstützt die DFG derzeit 33 Klinische Forschergruppen.

Die neuen Gruppen im Einzelnen (alphabetisch nach Sprecherhochschule):

Am Beispiel von Berlin untersuchen in der Forschergruppe 1736 „Urban Climate and Heat Stress in Mid-latitude Cities in View of Climate Change” Klimatologen, Stadtgeografen, Hydrologen, Mediziner, Architekten, Stadtplaner und Sozialwissenschaftler die Auswirkungen des zukünftigen Klimawandels. Im Zentrum der wissenschaftlichen Arbeit stehen dabei die Risiken zunehmender Wärmebelastungen für den Menschen und verschiedene Minderungs- und Anpassungsmöglichkeiten. Dazu gehören vor allem Maßnahmen zur Verbesserung des Klimas von Innenräumen besonders belasteter Bevölkerungsgruppen sowie gebäudetechnische und stadtplanerische Maßnahmen, beispielsweise durch die verstärkte Integration von Grünflächen. (Sprecher: Professor Dr. Dieter Scherer, Technische Universität Berlin)

Die Übertragung von elektronischer Anregungsenergie auf molekularer Ebene ist ein wesentlicher Schritt bei einer Vielzahl von chemischen und biochemischen Prozessen. Ziel der Forschergruppe 1789 „Intermolecular and Interatomic Coulombic Decay” ist das Verständnis eines neuartigen Übertragungsmechanismus für elektronische Energie zwischen Atomen oder Molekülen in einem schwach gebundenen Aggregat, zum Beispiel einer Flüssigkeit. Dieser sogenannte Interatomare oder Intermolekulare Coulomb-Zerfall (ICD) ist ein Autoionisationsprozess, an dem zwei verschiedene Zentren beteiligt sind: Eines, an dem eine Relaxation stattfindet, sodass elektronische Energie frei wird, und ein zweites, auf das die überschüssige Energie übertragen wird, sodass es dort zur Freisetzung eines schwach gebundenen Hüllenelektrons kommt. Neben dem reinen Verständnis von ICD liegt ein weiterer Schwerpunkt der Forschergruppe darin, mögliche Anwendungen dieses Effekts zu entwickeln und seine Relevanz für bisher nicht vollständig verstandene Prozesse in der Natur auszuleuchten. (Sprecher: Professor Dr. Reinhard Dörner, Universität Frankfurt)

Die Forschergruppe 1522 „Multiphysikalische Synthese und Integration komplexer Hochfrequenz-Schaltungen – MUSIK“ verfolgt das Ziel, die verstärkenden, steuernden, oszillierenden und schaltenden Eigenschaften mikroelektromechanischer Systeme (MEMS, M-Systeme) in eine multiphysikalische Synthese und Integration komplexer Hochfrequenz (HF)-Schaltungen zu überführen. Durch diesen Ansatz wird eine neuartige Schaltungstechnik („HF-Mikromechatronik“) erschlossen, die den bisher auf Technologie und Einzelelemente gerichteten Fokus der HF-MEMS-Forschung wesentlich übertrifft und auf eine anwendungsorientierte Systemebene hebt. Eine wichtige Rolle dabei spielt die Zusammenführung von Silicium- und Keramiktechnologien, die eine notwendige Voraussetzung zur Erschließung einer ganzheitlichen mikroelektromechanischen Schaltungstechnologie bildet. (Sprecher: Professor Dr. Matthias Hein, Technische Universität Ilmenau)

Die beiden „Entscheidungswissenschaften“ Wirtschaft und Psychologie bringt die Forschergruppe 1882 „Psychoeconomics. Interacting Decision Processes and Their Consequences for Economic Performance” zusammen, denn das Verstehen menschlicher Entscheidungsprozesse ist für beide Disziplinen essenziell. Entscheidungsmodelle sind wichtig, um Konsequenzen wirtschaftlicher und sozialer Politik, den Effekt von Anreizen und Bildungserwerb, Marktmechanismen und die Wirkungsbereiche von wirtschaftlichen Institutionen nachvollziehen zu können. Von einer Kooperation der verhaltensorientierten Schulen in Wirtschaft und Psychologie verspricht sich die Forschergruppe einen enormen Nutzen und will darauf basierend ein integratives, datenbasiertes Verständnis von Handlungsmotiven und Strategien entwickeln, die menschliches Verhalten, wie Konfliktlösung und Lernverhalten, beeinflussen. (Sprecher: Professor Dr. Carlos Alós-Ferrer, Universität Konstanz)

Wie funktioniert die molekulare Choreografie von Prozessen im und am Ribosom? Diese Frage stellt die Forschergruppe 1805 „Ribosome Dynamics in Regulation of Speed and Accuracy of Translation”. Die Übersetzung der genetischen Information einer Nukleotidkette in ein funktionales Protein ist ein zentraler biologischer Prozess. Das Ziel der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist daher, die dynamischen Aspekte der Ribosomenfunktion auf verschiedenen Ebenen zu entschlüsseln, von einer atomaren Analyse bis hin zur zellweiten stochastischen Betrachtung. Prokaryotische und eukaryotische Systeme dienen dabei als Forschungsobjekte, die Einblicke in Prinzipien, abweichende Funktionen und Regulation der Ribosomen ermöglichen. Dies soll mithilfe von interdisziplinären Verfahren aus hochauflösender Strukturwissenschaft, Biochemie und Biophysik gelingen. (Sprecherin: Professorin Dr. Zoya Ignatova, Universität Potsdam)

Ungewollter Harnverlust führt bereits in geringem Ausmaß zu sozialen, bei größeren Mengen aber auch zu gesundheitlichen Problemen. Die in Deutschland allein durch Behelfsmittel für Inkontinenz entstehenden Kosten übersteigen jährlich eine halbe Milliarde Euro. Für die häufigste Ursache von Harninkontinenz, der Stressinkontinenz, meist bedingt durch eine Schwäche oder Fehlfunktion des Harnröhrenschließmuskels, existiert bisher keine nachhaltige Behandlung. Die Klinische Forschergruppe 273 „Therapie der Harninkontinenz durch zellbasierte Regeneration des Harnröhrensphinkters“ untersucht daher verschiedene Aspekte einer möglichen kurativen, zellbasierten Therapie zur Stärkung des geschwächten Harnröhrensphinkters. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie man mithilfe von speziell gezüchteten Gewebsimplantaten oder der Applikation von Zellen die funktionelle Regeneration des Harnröhrenschließmuskels erreichen kann. (Sprecher: Professor Dr. Arnulf Stenzl, Universität Tübingen)
Molekulare Aggregate bilden die Basis für eine Reihe wissenschaftlicher und technologischer Entwicklungen, die zunehmend an wirtschaftlicher Bedeutung gewinnen. Gerade im Bereich der optischen Anwendungen werden solche Systeme aufgrund ihrer in weiten Bereichen einstellbaren Eigenschaften eingesetzt. Die Forschergruppe 1809 „Lichtinduzierte Dynamik in molekularen Aggregaten“ will untersuchen, wie die speziell angeordneten molekularen Bausteine in Aggregaten zu einer gewünschten lichtinduzierten Dynamik und damit Funktion des Gesamtsystems führen. Mithilfe eines interdisziplinären Ansatzes aus chemischen, physikalischen und quantendynamischen Methoden wird ein besseres Verständnis dieser Vorgänge erarbeitet, das die Herstellung neuer Materialien und Materialsysteme mit maßgeschneiderten Eigenschaften gestatten wird. (Sprecher: Professor Dr. Tobias Brixner, Universität Würzburg)

Weiterführende Informationen
Medienkontakt:
Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der DFG, Tel. +49 228 885-2443, presse@dfg.de

Ausführliche Informationen über DFG-Forschergruppen, Klinische Forschergruppen und Kolleg-Forschergruppen finden sich auch unter:

www.dfg.de/foerderung/programme/koordinierte_programme/index.html

Marco Finetti | idw
Weitere Informationen:
http://www.dfg.de/foerderung/programme/koordinierte_programme/index.html

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