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Junge Kerls auf dem Weg zum Sägeprofi. Lernen in der Modellregion Berliner Wald

04.08.2009
Zehntes Laborgespräch informiert über Bildung und Berufsbildung entlang der Forst-Holz-Kette

Vergebens versuchen Buchfink und Amsel gegen das Kreischen der Motorsäge anzusingen. In der Sägewerkstatt im noblen Berliner Stadtteil Grunewald geht es zu wie in jeder normalen Sägerei im Forst.

Drei junge Männer nehmen einen mächtigen Eichenstamm ins Visier. Daraus, so die Tagesaufgabe für Pascal, Martin und Romano, sollen sie eine Sitzbank fertigen. Und doch täuscht der Eindruck der Normalität. In der Produktionsschule "Sägewerk Grunewald" ist alles etwas anders.

Die drei Berliner sind Berufsfachschüler an der August-Sander-Schule (ASS), einer Berufsschule im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Seit 2008 lassen sie sich zusammen mit 15 weiteren Schülern in der Produktionsschule Sägewerk Grunewald der Gesellschaft für berufsbildende Maßnahmen (GFBM) zum Holzbearbeitungsmechaniker ausbilden. Wenn sie ihre Ausbildung nach drei Jahren mit der Prüfung an der Industrie- und Handelskammer abschließen, können sie in Betrieben der Säge- oder der Holzwerkstoffindustrie arbeiten und Schnittholz, Hobelware oder Holzwerkstoffe herstellen.

Im einzigen Berliner Sägewerk hat eine Kooperation zwischen der ASS und der GFBM den Einstieg von Pascal, Martin und Romano ins Berufsleben ermöglicht. Der Verein will Jugendlichen eine Perspektive geben, die schlechte Karten auf dem regulären Ausbildungsmarkt hätten. "Die Produktionsschule in Grunewald ist das Herz der Modellregion Berliner Wald und Holz", berichtet Gudrun Laufer. Bei der Projektkoordinatorin der GFBM laufen seit 2005 die Fäden für die Modellregion zusammen, die vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) fachlich begleitet wird.

Ziel ist, Ergebnisse aus dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanzierten Förderschwerpunkt "Nachhaltige Waldwirtschaft" in die Berufspraxis umzusetzen. Die laufenden sechs Projekte sollen die komplette bildungs- und berufsbezogene Wertschöpfungskette Forst und Holz abdecken: Von der Ernte des Holzes über dessen Transport und Verarbeitung bis hin zum Handel.

Im wöchentlichen Wechsel besuchen die Jugendlichen im ersten Ausbildungsjahr Schule und Sägewerk. Im Sägewerk gibt es immer was zu tun: Die Schüler müssen Brennholz hacken, Einschnittarten lernen, Baumstämme an der Blockbandsäge korrekt zuschneiden oder Blumenkästen und Pflanzkübel bauen. Romano ist das nur recht: "Ich bin gern im Freien und interessiere mich für die Natur." Besonderen Spaß macht den drei Jungs aber, wenn sie auf Baustellen fahren. "Das ist einfach etwas anderes, wenn man draußen für einen Kunden den Dachstuhl herrichtet", erzählt Martin. Zudem lernen die Schüler, ein Projekt von der Abgabe eines Angebots über die Durchführung bis zur Abrechnung komplett umzusetzen.

Für die alltägliche Praxis der angehenden Holzbearbeitungsmechaniker ist die Sägewerkstatt schon jetzt gut mit Maschinen; Blockbandsäge, Abrichter-Dicktenhobelmaschine und Trockenkammer sind vorhanden. Produziert werden dort gemeinsam mit den Berliner Forsten Schnitt- und Energieholz sowie einfache Produkte der Marke "Berliner Holz", obendrein veredelt mit dem "Naturland"-Gütesiegel. Jetzt soll die Schule mit Bundes- und Landesmitteln der Gemeinschaftsinitiative zur Förderung der regionalen Infrastruktur sowie Eigenmitteln für insgesamt fast eine Million Euro zu einem Holzinformationszentrum ausgebaut werden.

"Wir wollen noch in diesem Jahr mit dem Bau beginnen", bestätigt Louis Kaufmann, eines der drei geschäftsführenden GFBM-Vorstandsmitglieder. Zeigen soll die Einrichtung nicht nur die wichtigsten bildungsrelevanten Ergebnisse aus den 25 Forschungsverbünden des Förderschwerpunktes, sondern auch, wie Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung entlang der Holzwertschöpfungskette vermittelt werden kann.

Im Unterschied zu Pascal, Romano und Martin, die gerade den Einstieg in den Berufsweg geschafft haben, stecken die Azubis in den Überbetrieblichen Ausbildungszentren (ÜAZ) des Berufsförderungswerkes des Bauindustrieverbandes in Wriezen und Brandenburg-Friesack bereits im zweiten und dritten Lehrjahr. Zwölf von ihnen, vornehmlich Tischler, errichteten in einem Projekt der Modellregion aus 40 verschlissenen Holzfenstern eines alten Depots im KZ Sachsenhausen einen gläsernen Turm. Parallel dazu setzten sich die Azubis mit der Geschichte des Konzentrationslagers auseinander und füllten die gläsernen Kuben mit Erinnerungsstücken und Fotografien. Ein ungewöhnlicher Ansatz. "Die Bauwirtschaft will einen gut ausgebildeten Fachmann. Alleine das reicht heute aber nicht mehr aus. Soziale und interkulturelle Kompetenzen, die eine Persönlichkeit prägen, sollen in der Ausbildung gleichfalls vermittelt werden", erläutert Angelika Thormann, Initiatorin des Projekts und Geschäftsführerin des Berliner Bildungsvereins Bautechnik.

Daneben hat das Workcamp noch einen anderen, wesentlichen Nutzen: den Praxiseffekt. Denn die Teilnehmer hatten im Herbst 2008 auch geholfen, 40 neue Fenster für die Gedenkstätte Sachsenhausen zu bauen. "Viele ÜAZ-Auszubildende sind nur noch zu kurzen Praktika in Betrieben. Die für den späteren Berufsalltag so wichtige Praxis lernen sie in den simulierten Arbeitssituationen aber nicht", sagt Thormann. Nur auf der Baustelle oder auf solchen Seminaren könnten sie die nötige Routine sammeln.

Der Glasturm, der jetzt auf dem Gelände der internationalen Begegnungsstätte neben dem KZ in Oranienburg steht, soll künftig im Neuen Museum im KZ Sachsenhausen sowie in beiden Ausbildungsstätten in Wriezen und Brandenburg-Friesack zu sehen sein.

Der bunte Strauß hat auch andere begeistert. Die Vereinten Nationen (UN) zeichnete die Modellregion Berliner Wald und Holz als offizielles UN-Dekadeprojekt 2008 / 09 aus. Eine Anerkennung, durch die sich auch das BIBB bestätigt sieht. "Die Modellregion bietet eine optimale Möglichkeit, Ergebnisse aus den Forschungsverbünden in die Praxis umzusetzen", schildert Monika Meiser vom BIBB. Denn was Wissenschaftler oft übersehen ist, dass ihre Ergebnisse in die berufliche Aus- und Weiterbildung umgesetzt werden müssen. "Den Prozess vom Baum zum Holzprodukt können bis zu 100 Berufe mitgestalten."

Das Querschnittsprojekt "Bi-FONA-Wald" des Bundesinstitutes für Berufsbildung (BIBB) gehört mit der Modellregion Berliner Wald zum Förderschwerpunkt "Nachhaltige Waldwirtschaft" des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). Das BMBF finanziert den Förderschwerpunkt im Zeitraum 2004 bis 2009 mit rund 30 Millionen Euro. Am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ ist die Wissenschaftliche Begleitung und Koordinierung des Förderschwerpunktes angesiedelt. Aufgabe der Wissenschaftlichen Begleitung ist es, auf nationaler und europäischer Ebene ein Netzwerk für Wissenschaft und Praxis zu schaffen und zu koordinieren; von hier aus wird auch die Öffentlichkeitsarbeit für den Förderschwerpunkt gesteuert. In seiner Gesamtheit befasst sich der Förderschwerpunkt vor allem mit drei Fragestellungen: Wie kann die Wertschöpfungskette Forst-Holz sowohl gewinnorientiert als auch ökologisch verträglich und sozial gerecht optimiert werden? Wie können Waldlandschaften so genutzt werden, dass die Lebensqualität der Menschen verbessert wird und gleichzeitig die Ressourcen langfristig gewährleistet sind? Wie sieht der Wald der Zukunft aus?

Links:
Das vollständige Laborgespräch ist auf der Website des Förderschwerpunktes nachzulesen:

http://www.nachhaltige-waldwirtschaft.de/fileadmin/Dokumente/Aktuelles/Laborgesp...

Weitere Informationen:
Daniela Weber
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ)
Telefon: 0341-235-1791
E-Mail: daniela.weber@ufz.de
Gudrun Laufer
Gesellschaft für berufsbildende Maßnahmen
Telefon: 030- 617764-43
E-Mail: laufer@gfbm.de
oder über:
Doris Böhme / Tilo Arnhold
Pressestelle Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ)
Telefon: 0341-235-1269
E-Mail: presse@ufz.de
Im Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) erforschen Wissenschaftler die Ursachen und Folgen der weit reichenden Veränderungen der Umwelt. Sie befassen sich mit Wasserressourcen, biologischer Vielfalt, den Folgen des Klimawandels und Anpassungsmöglichkeiten, Umwelt- und Biotechnologien, Bioenergie, dem Verhalten von Chemikalien in der Umwelt, ihrer Wirkung auf die Gesundheit, Modellierung und sozialwissenschaftlichen Fragestellungen. Ihr Leitmotiv: Unsere Forschung dient der nachhaltigen Nutzung natürlicher Ressourcen und hilft, diese Lebensgrundlagen unter dem Einfluss des globalen Wandels langfristig zu sichern. Das UFZ beschäftigt an den Standorten Leipzig, Halle und Magdeburg 900 Mitarbeiter. Es wird vom Bund sowie von Sachsen und Sachsen-Anhalt finanziert.

Die Helmholtz-Gemeinschaft leistet Beiträge zur Lösung großer und drängender Fragen von Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft durch wissenschaftliche Spitzenleistungen in sechs Forschungsbereichen: Energie, Erde und Umwelt, Gesundheit, Schlüsseltechnologien, Struktur der Materie, Verkehr und Weltraum. Die Helmholtz-Gemeinschaft ist mit 28.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in 15 Forschungszentren und einem Jahresbudget von rund 2,4 Milliarden Euro die größte Wissenschaftsorganisation Deutschlands. Ihre Arbeit steht in der Tradition des großen Naturforschers Hermann von Helmholtz (1821-1894).

Tilo Arnhold | idw
Weitere Informationen:
http://www.nachhaltige-waldwirtschaft.de/

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