Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Inklusive Bildung nach wie vor in vielen Bundesländern die Ausnahme

01.09.2011
Bertelsmann Stiftung: nur 20 Prozent aller Kinder und Jugendlichen mit besonderem Förderbedarf besuchen gemeinsamen Unterricht – bei den Grundschulen liegt Bremen vorne – bei den weiterführenden Schulen ist Schleswig-Holstein Spitzenreiter

Der Ausbau inklusiver Bildungsangebote kommt in Deutschland in zahlreichen Bundesländern nur schleppend voran: So ging im Schuljahr 2009/2010 von den 485.000 Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf in Deutschland nur jeder Fünfte auf eine Regelschule.

Die große Mehrheit wird weiterhin in separaten Förderschulen unterrichtet. Dabei wäre der gemeinsame Unterricht von Kindern mit und ohne Förderbedarf dringlich geboten: Denn der Anteil der Kinder mit diagnostiziertem Förderbedarf ist im Vergleich zum Vorjahr leicht gestiegen und über die Hälfte aller Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss kommt in Deutsch¬land aus Förderschulen.

Zudem wurde in Deutschland mit der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen ein Rechtsanspruch auf inklusive Bildung geschaffen. "Mangelnde Inklusion ist eines der drängendsten Probleme im deutschen Schulsystem. Trotzdem erfolgt der Ausbau inklusiver Bildung zu langsam. Alle Bundesländer müssen diese Aufgabe jetzt schnell und konsequent angehen", mahnt Jörg Dräger, für Bildung zuständiges Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung und Autor des am 29. August erschienenen Buches "Dichter, Denker, Schulversager".

Das schleppende Ausbautempo stellt viele Schülerinnen und Schüler und ihre Eltern vor ein Problem. Denn inklusive Bildung endet zu häufig nach der Kita. Während in den Kindertageseinrichtungen im Bundesdurchschnitt 68 Prozent der Kinder mit Förderbedarf gemeinsam mit Gleichaltrigen eine inklusive Einrichtung besuchen können, sinkt ihr Anteil in Grundschulen auf 35 Prozent und in den weiterführenden Schulen auf bundesweit nur 17,2 Prozent (ohne den Schwerpunkt Geistige Entwicklung). Eine große Anzahl von Kindern muss deswegen früher oder später auf eine separate Förderschule wechseln.

Dabei zeigen einige Bundesländer schon heute, dass mehr Inklusion machbar ist: In der Grundschule werden in Bremen 89 Prozent der Kinder mit Förderbedarf inklusiv unterrichtet. Mit einem Inklusionsanteil von über 70 Prozent nehmen auch Schleswig-Holstein und das Saarland Spitzen-plätze ein. Brandenburg (54,4 Prozent), Berlin (50,4 Prozent) und Baden-Württemberg (47,6 Prozent) sind ebenfalls auf einem guten Weg. Die anderen Bundesländer weisen Werte auf, die zum Teil deutlich unter dem Bundesdurchschnitt liegen. Schlusslichter sind Hamburg, das trotz deutlicher Fortschritte nur 18,7 Prozent der Grundschüler mit Förderbedarf gemeinsam unterrichtet, sowie Bayern mit 21,9 Prozent.

An den weiterführenden Schulen ist der Mangel an gemeinsamen Unterrichtsangeboten mit Abstand am größten. Hinter dem Spitzenreiter Schleswig-Holstein (47 Prozent) gelingt es auch in Berlin (42,5 Prozent) und in Brandenburg (37,3 Prozent) viele förderbedürftige Jugendliche in Regelschulen zu unterrichten. Mecklenburg-Vorpommern, das Saarland und Thüringen weisen in der Sekundarstufe Inklusionsanteile zwischen 22 und 28 Prozent auf. Die übrigen Bundesländer liegen unter dem Bundesdurchschnitt. Den niedrigsten Inklusionsanteil bei den weiterführenden Schulen haben Nordrhein-Westfalen (10,9 Prozent), Hessen (9,8 Prozent) und Sachsen-Anhalt (9 Prozent).

Bei einem Blick auf die einzelnen Förderschwerpunkte zeigen sich weitere extreme Länderunterschiede, die sich nicht durch die Förderbedarfe der Kinder und Jugendlichen erklären lassen. Im Förderschwerpunkt Lernen beispielsweise schwanken die Inklusionsanteile zwischen 2 Prozent (Sachsen) und 60 Prozent (Bremen). Bundesweit werden im Durchschnitt 42,6 Prozent aller Schüler diesem Förderschwerpunkt zugeordnet. Im Förderschwerpunkt Sehen werden in

Schleswig-Holstein alle Kinder inklusiv unterrichtet, in Bayern nur 11,9 Prozent. "Die großen Unterschiede zwischen den Bundesländern sind kaum nachvollziehbar und können nur das Ergebnis verschiedener Verfahren und Vorgehensweisen sein", kommentiert Dräger. "Sie zeigen aber auch, dass mehr Inklusion machbar ist, wenn sie gewünscht wird. Inklusion lässt sich aber nicht von oben verordnen. Schulen müssen dafür ausgestattet werden, Eltern und Pädagogen müssen dafür gewonnen werden. Wenn wir die Rahmenbedingungen für gemeinsamen, individuell fördernden Unterricht schaffen, profitieren nachweislich alle Kinder."

Die aktuelle Datenauswertung belegt, dass die Anzahl der Angebote und die Ausbaugeschwindigkeit beim gemeinsamen Unterricht erhöht werden müssen. Inwieweit die Qualität der neu geschaffenen inklusiven Bildungsangebote dabei mit dem Ausbautempo Schritt hält, kann auf der Grundlage der Daten nicht beurteilt werden. "Eine rein quantitative Betrachtung des Problems ist nicht ausreichend", mahnt Jörg Dräger. "Wenn wir kein Kind in unserem Bildungssystem zurücklassen und bei Eltern und Pädagogen Akzeptanz für Inklusion finden wollen, benötigen wir dringend mehr Transparenz über die Qualität der Angebote."

Wie gemeinsames Lernen aller Kinder gelingen kann, zeigen die Preisträgerschulen des "Jakob Muth-Preis für inklusive Schule". Mit dem Preis werden Schulen ausgezeichnet, in denen behinderte und nicht-behinderte Kinder vorbildlich gemeinsam lernen. Der Preis wird dieses Jahr zum dritten Mal von dem Bundesbeauftragten für die Belange behinderter Menschen, der Bertelsmann Stiftung, der Deutschen UNESCO-Kommission und der Sinn-Stiftung ausgeschrieben. Schulen und Schulverbünde können sich bundesweit noch bis zum 15. September 2011 unter www.jakob-muth-preis.de bewerben.

Rückfragen an: Anette Stein, Telefon: 0 52 41 / 81-81 274
E-Mail: anette.stein@bertelsmann-stiftung.de
Antje Funcke, Telefon: 0 52 41 / 81-81 243
E-Mail: antje.funcke@bertelsmann-stiftung.de

Ute Friedrich | idw
Weitere Informationen:
http://www.bertelsmann-stiftung.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Bildung Wissenschaft:

nachricht Das Klassenzimmer der Zukunft - DFKI & TUK eröffnen neues Labor für digitale Lehr- und Lernmethoden
03.05.2018 | Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz GmbH, DFKI

nachricht Technik unterstützt Inklusion in der Arbeitswelt
06.03.2018 | Karlsruher Institut für Technologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Bildung Wissenschaft >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: GRACE Follow-On erfolgreich gestartet: Das Satelliten-Tandem dokumentiert den globalen Wandel

Die Satellitenmission GRACE-FO ist gestartet. Am 22. Mai um 21.47 Uhr (MESZ) hoben die beiden Satelliten des GFZ und der NASA an Bord einer Falcon-9-Rakete von der Vandenberg Air Force Base (Kalifornien) ab und wurden in eine polare Umlaufbahn gebracht. Dort nehmen sie in den kommenden Monaten ihre endgültige Position ein. Die NASA meldete 30 Minuten später, dass der Kontakt zu den Satelliten in ihrem Zielorbit erfolgreich hergestellt wurde. GRACE Follow-On wird das Erdschwerefeld und dessen räumliche und zeitliche Variationen sehr genau vermessen. Sie ermöglicht damit präzise Aussagen zum globalen Wandel, insbesondere zu Änderungen im Wasserhaushalt, etwa dem Verlust von Eismassen.

Potsdam, 22. Mai 2018: Die deutsch-amerikanische Satellitenmission GRACE-FO (Gravity Recovery And Climate Experiment Follow On) ist erfolgreich gestartet. Am...

Im Focus: Faserlaser mit einstellbarer Wellenlänge

Faserlaser sind ein effizientes und robustes Werkzeug zum Schweißen und Schneiden von Metallen beispielsweise in der Automobilindustrie. Systeme bei denen die Wellenlänge des Laserlichts flexibel einstellbar ist, sind für spektroskopische Anwendungen und die Medizintechnik interessant. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien (Leibniz-IPHT) haben, im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projekts „FlexTune“, ein neues Abstimmkonzept realisiert, das erstmals verschiedene Emissionswellenlängen voneinander unabhängig und zeitlich synchron erzeugt.

Faserlaser bieten im Vergleich zu herkömmlichen Lasern eine höhere Strahlqualität und Energieeffizienz. Integriert in einen vollständig faserbasierten...

Im Focus: LZH zeigt Lasermaterialbearbeitung von morgen auf der LASYS 2018

Auf der LASYS 2018 zeigt das Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) vom 5. bis zum 7. Juni Prozesse für die Lasermaterialbearbeitung von morgen in Halle 4 an Stand 4E75. Mit gesprengten Bombenhüllen präsentiert das LZH in Stuttgart zudem erste Ergebnisse aus einem Forschungsprojekt zur zivilen Sicherheit.

Auf der diesjährigen LASYS stellt das LZH lichtbasierte Prozesse wie Schneiden, Schweißen, Abtragen und Strukturieren sowie die additive Fertigung für Metalle,...

Im Focus: Achema 2018: Neues Kamerasystem überwacht Destillation und hilft beim Energiesparen

Um chemische Gemische in ihre Einzelbestandteile aufzutrennen, ist in der Industrie die energieaufwendige Destillation gängig, etwa bei der Raffinerie von Rohöl. Forscher der Technischen Universität Kaiserslautern (TUK) entwickeln ein Kamerasystem, das diesen Prozess überwacht. Dabei misst es, ob es zu einer starken Tropfenbildung kommt, was sich negativ auf die Trennung der Komponenten auswirken kann. Die Technik könnte hier künftig automatisch gegensteuern, wenn sich Messwerte ändern. So ließe sich auch Energie einsparen. Auf der Prozesstechnik-Messe Achema in Frankfurt stellen sie die Technik vom 11. bis 15. Juni am Forschungsstand des Landes Rheinland-Pfalz (Halle 9.2, Stand A86a) vor.

Bei der Destillation werden Flüssigkeiten durch Verdampfen und darauffolgende Kondensation des Dampfes in ihre Bestandteile getrennt. Ein bekanntes Beispiel...

Im Focus: Vielseitige Nanokugeln: Forscher bauen künstliche Zellkompartimente als molekulare Werkstatt

Wie verleiht man Zellen neue Eigenschaften ohne ihren Stoffwechsel zu behindern? Ein Team der Technischen Universität München (TUM) und des Helmholtz Zentrums München veränderte Säugetierzellen so, dass sie künstliche Kompartimente bildeten, in denen räumlich abgesondert Reaktionen ablaufen konnten. Diese machten die Zellen tief im Gewebe sichtbar und mittels magnetischer Felder manipulierbar.

Prof. Gil Westmeyer, Professor für Molekulare Bildgebung an der TUM und Leiter einer Forschungsgruppe am Helmholtz Zentrum München, und sein Team haben dies...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

22. Business Forum Qualität: Vom Smart Device bis zum Digital Twin

22.05.2018 | Veranstaltungen

48V im Fokus!

21.05.2018 | Veranstaltungen

„Data Science“ – Theorie und Anwendung: Internationale Tagung unter Leitung der Uni Paderborn

18.05.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Rotierende Rugbybälle unter den massereichsten Galaxien

23.05.2018 | Physik Astronomie

Invasive Quallen: Strömungen als Ausbreitungsmotor

23.05.2018 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Matrix-Theorie als Ursprung von Raumzeit und Kosmologie

23.05.2018 | Physik Astronomie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics