Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Frühkindliche Entwicklung: Im Handumdrehen – Wann Kinder lernen, vorausschauend zu handeln

20.11.2012
Wann und wie lernen Menschen, ihre Handlungen im Voraus zu planen?
Dieser Frage gehen Entwicklungspsychologinnen der Saar-Uni um Prof. Gisa Aschersleben gemeinsam mit Sportpsychologen der Uni Paderborn auf den Grund. Sie fanden heraus, dass das Vorschulalter von drei bis fünf Jahren eine entscheidende Phase für die Entwicklung von geplantem Handeln ist. Und: Bei vertrauten Gegenständen wie Gläsern können Kinder deutlich früher ihre Bewegungen vorausplanen als bei unbekannten Gegenständen.

Im Rahmen einer Studie beobachteten die Wissenschaftlerinnen, wie drei- bis achtjährige Kinder Gegenstände umdrehen und erforschten so, ob und ab wann die Kleinen dabei den „richtigen Dreh raushaben“ und den vorausplanenden Griff mit dem so genannten „End-state Comfort Effect“ nutzen.

Ein Glas steht mit der Öffnung nach unten auf dem Tisch. Soll ein Erwachsener es umdrehen, macht er zunächst etwas Seltsames: Er verdreht Hand und Arm auf recht unbequem anmutende Weise, greift so das Glas, dreht es und stellt es richtig herum hin: Jetzt könnte er direkt trinken, denn am Ende ist seine Handstellung bequem und – ebenso wie das Glas – „richtig herum“. Dieses Phänomen, das Psychologen den „End-state Comfort Effect“ nennen, beweist: Es wurde vorausschauend gedacht und die Bewegung im Voraus geplant!

Was so selbstverständlich abläuft, dass kein Gedanke mehr daran verschwendet wird, ist dem Menschen nicht in die Wiege gelegt, sondern wurde irgendwann erlernt. Aber wann und wie? Wann beginnen Kinder, ihre Bewegungen derart zu planen? Hiermit befassen sich Entwicklungspsychologinnen am Lehrstuhl von Professor Gisa Aschersleben an der Saar-Uni. Gemeinsam mit dem Paderborner Sportpsychologen Matthias Weigelt untersuchten Professor Aschersleben und ihre wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen Dr. Birgit Knudsen und Dr. Anne Henning den „End-state Comfort Effect“ bei Kindern. Rund 100 Jungen und Mädchen im Alter von drei bis acht Jahren – 16 Kinder in jeder Altersgruppe – drehten hierfür in einem Versuch Gläser um. In einem zweiten Versuchsaufbau steckten sie einen Holz-Stab, der an einer Seite auf eine kleine Platte montiert ist, in einen Holzklotz mit passendem Loch.

„Beim Versuch mit dem Stab steigern sich die Zahlen der Kinder, die den End-state Comfort Effect nutzten, von 13 Prozent der Dreijährigen bis zu 94 Prozent in der Gruppe der Achtjährigen“, erklärt Birgit Knudsen. „Dabei war auffallend, dass sich die Zahl der Kinder, die den Griff nutzten, zwischen drei und vier sowie zwischen vier und fünf Jahren jeweils verdoppelte“, so die Psychologin weiter. Das Vorschulalter ist demnach eine wichtige Phase, wenn es um geplante Bewegung geht, so die Folgerung der Forscherinnen. Im Alter von drei bis fünf Jahren machen die Kinder große Entwicklungsschritte und erwerben das für ein vorausplanendes Tun erforderliche Erfahrungswissen.

Dabei spielt es, so fanden die Entwicklungspsychologinnen außerdem heraus, eine große Rolle, ob ein Gegenstand für die Kinder aus dem täglichen Umgang vertraut ist oder nicht: Denn die Zahlen der kleinen End-State-Comfort-Nutzerinnen und -Nutzer waren bei dem vertrauten Glas bedeutend höher: Beim Versuch mit dem umgedrehten Glas nutzten bereits 63 Prozent der Dreijährigen und 100 Prozent der Achtjährigen den End-state Comfort-Griff.

„Vorausschauendes Planen der Bewegungen erfolgt also bei bekannten Gegenständen, mit denen die Kinder Erfahrungen im Alltag haben, deutlich früher“, erläutert Birgit Knudsen.

Dieses Ergebnis deckt sich mit weiteren aktuellen Forschungsergebnissen von Professor Aschersleben, wonach Vorschulkinder den Gebrauch von ihnen bekannten Werkzeugen genauer und korrekter imitieren, als bei solchen, die sie nicht kennen.

Sonstige Einflussfaktoren, wie Lichteffekte beim richtigen Dreh, die die Forscherinnen in einer Vergleichsgruppe als Anreiz einsetzten, zeigten in der Studie demgegenüber keine Auswirkungen. Die Erkenntnisse der Saarbrücker Entwicklungspsychologinnen sind interessant unter anderem für die kindliche Frühförderung. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Forscherinnen jetzt im Magazin Frontiers in Cognition http://www.frontiersin.org/Cognition/10.3389/fpsyg.2012.00445/abstract (Der Artikel kann kostenlos heruntergeladen werden – open access journal)

Die frühkindliche Entwicklung ist ein zentraler Forschungsbereich der Arbeitseinheit Entwicklungspsychologie unter Leitung von Prof. Gisa Aschersleben, die sich insbesondere mit der sozial-kognitiven Entwicklung von Kindern in den ersten sechs Lebensjahren sowie deren Einflussfaktoren wie Eltern-Kind-Interaktion und Temperament beschäftigt.

Kontakt:
Prof. Gisa Aschersleben Tel.:0681-302-3839 E-Mail: aschersleben@mx.uni-saarland.de
Dr. Birgit Knudsen Tel.: 0681 302 3677 E-Mail: b.knudsen@mx.uni-saarland.de
Dr. Anne Henning Tel.: 0681 302 3863 E-Mail: a_henning@mx.uni-saarland.de

http://www.uni-saarland.de/entwicklungspsychologie

Hinweis für Hörfunk-Journalisten: Sie können Telefoninterviews in Studioqualität mit Wissenschaftlern der Universität des Saarlandes führen, über Rundfunk-Codec (IP-Verbindung). Interviewwünsche bitte an die Pressestelle (0681/302-2601) richten.

Claudia Ehrlich | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-saarland.de/entwicklungspsychologie
http://www.frontiersin.org/Cognition/10.3389/fpsyg.2012.00445/abstract

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Bildung Wissenschaft:

nachricht Digitales Know-how für den Mittelstand: Uni Bayreuth entwickelt neuartiges Weiterbildungsprogramm
28.09.2017 | Universität Bayreuth

nachricht Physik-Didaktiker aus Münster entwickeln Lehrmaterial zu Quantenphänomenen
22.09.2017 | Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Bildung Wissenschaft >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung

Seit dreißig Jahren gibt eine bestimmte Uranverbindung der Forschung Rätsel auf. Obwohl die Kristallstruktur einfach ist, versteht niemand, was beim Abkühlen unter eine bestimmte Temperatur genau passiert. Offenbar entsteht eine so genannte „versteckte Ordnung“, deren Natur völlig unklar ist. Nun haben Physiker erstmals diese versteckte Ordnung näher charakterisiert und auf mikroskopischer Skala untersucht. Dazu nutzten sie den Hochfeldmagneten am HZB, der Neutronenexperimente unter extrem hohen magnetischen Feldern ermöglicht.

Kristalle aus den Elementen Uran, Ruthenium, Rhodium und Silizium haben eine geometrisch einfache Struktur und sollten keine Geheimnisse mehr bergen. Doch das...

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Im Focus: Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt

Eine gemeinsame Studie der Universität Bern und des Inselspitals Bern zeigt, dass spezielle Bindegewebszellen, die in normalen Blutgefässen die Wände abdichten, bei Lungenkrebs nicht mehr richtig funktionieren. Zusätzlich unterdrücken sie die immunologische Bekämpfung des Tumors. Die Resultate legen nahe, dass diese Zellen ein neues Ziel für die Immuntherapie gegen Lungenkarzinome sein könnten.

Lungenkarzinome sind die häufigste Krebsform weltweit. Jährlich werden 1.8 Millionen Neudiagnosen gestellt; und 2016 starben 1.6 Millionen Menschen an der...

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Das Immunsystem in Extremsituationen

19.10.2017 | Veranstaltungen

Die jungen forschungsstarken Unis Europas tagen in Ulm - YERUN Tagung in Ulm

19.10.2017 | Veranstaltungen

Bauphysiktagung der TU Kaiserslautern befasst sich mit energieeffizienten Gebäuden

19.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Forscher finden Hinweise auf verknotete Chromosomen im Erbgut

20.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Saugmaschinen machen Waschwässer von Binnenschiffen sauberer

20.10.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Strukturbiologieforschung in Berlin: DFG bewilligt Mittel für neue Hochleistungsmikroskope

20.10.2017 | Förderungen Preise