Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Forschungsoffensive gegen Leseschwäche in der Grundschule

19.03.2012
Wissenschaftler der Universitäten Kassel und Gießen entwickeln ein psychologisch fundiertes Trainingsprogramm, um die Lesefähigkeit von Schülern in der Primarstufe zu fördern und zu verbessern.

Studien zeigen immer wieder, dass viele deutsche Schüler große Schwächen im Leseverständnis haben. Laut den PISA-Ergebnissen von 2009 haben sich die Leistungen von 15-Jährigen etwas verbessert, doch fast jedes fünfte Kind dieses Alters hat damit gravierende Probleme.

Der Schlüssel zur Verbesserung der Leseleistung liegt nach Ansicht der Forscher in der Grundschule. Sie haben rund 1600 Kinder der zweiten und vierten Klassen an 28 Grundschulen in Kassel und Gießen getestet und rund 900 von ihnen für das Training ausgewählt. Erste Ergebnisse werden Ende dieses Jahres erwartet.

„Wer von Anfang an leseschwach ist, bleibt das häufig auch. Die Schere zwischen lesestarken und –schwachen Schülern klafft mit zunehmendem Alter immer weiter auseinander. Deshalb ist es wichtig, in der Grundschule anzusetzen“, sagt Bettina Müller, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachgebiet Allgemeine Psychologie der Universität Kassel. Sie untersucht zusammen mit dem Leiter des Fachgebiets, Professor Dr. Tobias Richter, und Professor Dr. Marco Ennemoser und seinen Mitarbeiterinnen von der Universität Gießen verschiedene Programme zur differenzierten Leseförderung im Rahmen des auf drei Jahre angelegten, vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit rund 360.000 Euro geförderten Projekts.

Geschulte studentische Hilfskräfte betreuen jeweils eine Gruppe von zehn Schülerinnen und Schülern zwei Mal pro Woche beim Lesetraining. In Kassel beteiligen sich allein 13 Schulen mit rund 450 Kindern der zweiten und vierten Klassen. „Das Interesse der Schulen war sehr groß. Wir hatten mehr Anfragen, als wir aus Kapazitätsgründen bedienen konnten“, berichtet Richter. Die Eltern haben in die Teilnahme ihrer Kinder eingewilligt.

Welche Techniken sind überhaupt sinnvoll, um die Leseleistung zu verbessern? Wirksame Trainingsansätze seien vor allem im angelsächsischen Raum entwickelt worden, erklärt Professor Richter. Die hätten die Kasseler Wissenschaftler für deutsche Verhältnisse adaptiert. Die Wirksamkeit dieser Ansätze soll durch das Projekt empirisch-experimentell belegt werden.

Zum Konzept des in Kassel und Gießen eingesetzten Trainings gehört das tutorielle und peer-gestützte Lernen: Jeweils ein lesestarker und leseschwacher Schüler einer Jahrgangsstufe arbeiten im Team zusammen. Beide Schüler profitierten von dieser Art des Lernens, sagt Richter: „Der stärkere Leser ist das Vorbild und Modell, an dem sich der Schwächere orientieren kann.“ Die Rolle des „Lehrers“ stärke bei dem guten Leser die Konzentrationsfähigkeit, denn er muss ja auf die Fehler des anderen achten.

Die Wissenschaftler gehen außerdem davon aus, dass Lesefähigkeiten auf der effizienten Bewältigung bestimmter kognitiver Prozesse beruhen, die sich auf das Verstehen geschriebener Wörter, Sätze oder zusammenhängender Texte beziehen. Die Kasseler Forscher setzen nach der Analyse der Lesekompetenz des Grundschülers exakt an den Schwachstellen in drei Bereichen an: Es werden die Fähigkeiten, Silben und Worte anhand ihrer Lautbedeutung und Aussprache wieder zu erkennen (phonics training) und das flüssige, zügige Lesen (fluency training) trainiert sowie das strategische Lesen (Strategietraining), bei dem der Sinn eines Textes möglichst genau erfasst werden soll, geübt. Die Forscher erhoffen sich von dem Projekt neue Erkenntnisse darüber, wie die einzelnen kognitiven Prozesse beim Lesenlernen ineinander greifen. „Als Psychologen interessiert uns, was da mental abläuft“, sagt Richter.

Das Ergebnis einer Pilotuntersuchung mit 328 Kindern stimmt den Professor optimistisch, dass das in Kassel und Gießen erprobte Lesetraining tatsächlich Verbesserungen erzielen kann. Dafür gebe es zumindest schon Anhaltspunkte. Sollte das Projekt positive Ergebnisse zeigen, hofft Richter, dass die Verfahren in den Unterrichtsalltag der Grundschulen integriert werden. Dann müssten in einem nächsten Schritt Wege entwickelt werden, wie Lehrerinnen und Lehrer entsprechend geschult werden können.

Info
Prof. Dr. Tobias Richter
Universität Kassel
Fachbereich Humanwissenschaften
Institut für Psychologie
Tel.: 0561/804-3577
E-Mail: wtobias.richter@uni-kassel.de

Dipl.-Psych. Bettina Müller
Tel.: 0561/804-3804
E-Mail: wbettina.mueller@uni-kassel.de

Christine Mandel | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-kassel.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Bildung Wissenschaft:

nachricht Jeder Zweite nimmt mindestens einmal im Jahr an einer Weiterbildung teil
24.05.2018 | Deutsches Institut für Erwachsenenbildung - Leibniz-Zentrum für Lebenslanges Lernen e. V.

nachricht Das Klassenzimmer der Zukunft - DFKI & TUK eröffnen neues Labor für digitale Lehr- und Lernmethoden
03.05.2018 | Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz GmbH, DFKI

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Bildung Wissenschaft >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mit Hilfe molekularer Schalter lassen sich künftig neuartige Bauelemente entwickeln

Einem Forscherteam unter Führung von Physikern der Technischen Universität München (TUM) ist es gelungen, spezielle Moleküle mit einer angelegten Spannung zwischen zwei strukturell unterschiedlichen Zuständen hin und her zu schalten. Derartige Nano-Schalter könnten Basis für neuartige Bauelemente sein, die auf Silizium basierende Komponenten durch organische Moleküle ersetzen.

Die Entwicklung neuer elektronischer Technologien fordert eine ständige Verkleinerung funktioneller Komponenten. Physikern der TU München ist es im Rahmen...

Im Focus: Molecular switch will facilitate the development of pioneering electro-optical devices

A research team led by physicists at the Technical University of Munich (TUM) has developed molecular nanoswitches that can be toggled between two structurally different states using an applied voltage. They can serve as the basis for a pioneering class of devices that could replace silicon-based components with organic molecules.

The development of new electronic technologies drives the incessant reduction of functional component sizes. In the context of an international collaborative...

Im Focus: GRACE Follow-On erfolgreich gestartet: Das Satelliten-Tandem dokumentiert den globalen Wandel

Die Satellitenmission GRACE-FO ist gestartet. Am 22. Mai um 21.47 Uhr (MESZ) hoben die beiden Satelliten des GFZ und der NASA an Bord einer Falcon-9-Rakete von der Vandenberg Air Force Base (Kalifornien) ab und wurden in eine polare Umlaufbahn gebracht. Dort nehmen sie in den kommenden Monaten ihre endgültige Position ein. Die NASA meldete 30 Minuten später, dass der Kontakt zu den Satelliten in ihrem Zielorbit erfolgreich hergestellt wurde. GRACE Follow-On wird das Erdschwerefeld und dessen räumliche und zeitliche Variationen sehr genau vermessen. Sie ermöglicht damit präzise Aussagen zum globalen Wandel, insbesondere zu Änderungen im Wasserhaushalt, etwa dem Verlust von Eismassen.

Potsdam, 22. Mai 2018: Die deutsch-amerikanische Satellitenmission GRACE-FO (Gravity Recovery And Climate Experiment Follow On) ist erfolgreich gestartet. Am...

Im Focus: Faserlaser mit einstellbarer Wellenlänge

Faserlaser sind ein effizientes und robustes Werkzeug zum Schweißen und Schneiden von Metallen beispielsweise in der Automobilindustrie. Systeme bei denen die Wellenlänge des Laserlichts flexibel einstellbar ist, sind für spektroskopische Anwendungen und die Medizintechnik interessant. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien (Leibniz-IPHT) haben, im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projekts „FlexTune“, ein neues Abstimmkonzept realisiert, das erstmals verschiedene Emissionswellenlängen voneinander unabhängig und zeitlich synchron erzeugt.

Faserlaser bieten im Vergleich zu herkömmlichen Lasern eine höhere Strahlqualität und Energieeffizienz. Integriert in einen vollständig faserbasierten...

Im Focus: LZH zeigt Lasermaterialbearbeitung von morgen auf der LASYS 2018

Auf der LASYS 2018 zeigt das Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) vom 5. bis zum 7. Juni Prozesse für die Lasermaterialbearbeitung von morgen in Halle 4 an Stand 4E75. Mit gesprengten Bombenhüllen präsentiert das LZH in Stuttgart zudem erste Ergebnisse aus einem Forschungsprojekt zur zivilen Sicherheit.

Auf der diesjährigen LASYS stellt das LZH lichtbasierte Prozesse wie Schneiden, Schweißen, Abtragen und Strukturieren sowie die additive Fertigung für Metalle,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Größter Astronomie-Kongress kommt nach Wien

24.05.2018 | Veranstaltungen

22. Business Forum Qualität: Vom Smart Device bis zum Digital Twin

22.05.2018 | Veranstaltungen

48V im Fokus!

21.05.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Was einen guten Katalysator ausmacht

24.05.2018 | Biowissenschaften Chemie

Superkondensatoren aus Holzbestandteilen

24.05.2018 | Biowissenschaften Chemie

Neue Schaltschrank-Plattform für die Energiewelt

24.05.2018 | Messenachrichten

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics