Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Film oder Buch: Was Kindern mehr Wissen bringt

11.06.2013
Wie verstehen Kinder Filme? Lernen sie mit Texten besser als mit Filmen? Ändert sich das mit zunehmendem Alter? Solche und weitere Fragen untersuchen Entwicklungspsychologen der Universität Würzburg in einem neuen Forschungsprojekt.
„Die Sendung mit der Maus“ ist der Klassiker; „Willi wills wissen“ ist jüngeren Datums, genauso wie „Wissen macht Ah!“. Allen drei Sendungen ist gemeinsam, dass sie ein junges Publikum ansprechen und sich zum Ziel gesetzt haben, Wissen zu vermitteln. Aber sind Filme dazu überhaupt in der Lage?

Das untersucht das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG finanzierte neue Forschungsprojekt „Die Entwicklung kognitiver Filmverarbeitung“. Es läuft in der Abteilung Entwicklungspsychologie am Institut für Psychologie unter der Leitung der Professorin Gerhild Nieding.

Was passiert beim Filmbetrachten?

„Informationen werden Kindern im Vor- und Grundschulalter zunehmend durch Filme zur Verfügung gestellt. Dazu zählen Bildungsprogramme im Fernsehen und Lehrfilme im schulischen Kontext“, sagt Gerhild Nieding. Bislang existierten jedoch kaum Untersuchungen zur Frage, welche grundlegenden kognitiven Prozesse beim Verstehen von solchen Filmen bei Kindern überhaupt ablaufen.

Filme als Lehr-Lern-Medium kommen heutzutage in der Schule immer noch vergleichsweise spärlich zum Einsatz. Als Grund wird dafür häufig angeführt, dass Filme eher „oberflächlich“ verarbeitet würden, verglichen mit schriftlichen Texten. Deshalb würden sie weniger gut verstanden. Für die Psychologen stellt sich dabei allerdings die Frage: Was bedeutet eigentlich eine „oberflächliche“ oder eine „tiefe“ Verarbeitung?

Vom Lesen zum Verstehen

Die Mechanismen, die bei Erwachsenen beim Verstehen von schriftlichen Texten eine Rolle spielen, seien im Gegensatz zum Film auf einer breiten theoretischen Basis vergleichsweise gut erforscht, sagt Gerhild Nieding. „Textverstehen gilt als mehrstufiger Prozess, bei dem vom tatsächlichen Wortlaut ausgehend immer weiter abstrahiert wird“, sagt die Wissenschaftlerin. Am Ende dieses Prozesses stehe ein sogenanntes Situationsmodell.

In der ersten Stufe des Lesens geht es dieser Theorie nach darum, das Wort aufzunehmen. Anschließend muss dessen Bedeutung erkannt werden. Ganz zum Schluss ergänzt der Leser den Textinhalt mit seinem Vorwissen und stellt ihn so in einen allgemeineren Zusammenhang – er bildet das Situationsmodell.

Einen Text verstanden und somit „tief“ verarbeitet zu haben, bedeute somit, über eine Vorstellung der im Text beschriebenen Situation zu verfügen, die über das explizit im Text Gesagte hinausgeht. „Ob und wie sich diese Verarbeitungsprozesse von Kindern auch beim Verstehen von Filmen abspielen, ist bislang unklar und Gegenstand dieses Forschungsprojekts“, so Nieding.

Die Wissenschaftler werden im Rahmen des Forschungsprojekts Kinder im Alter von sechs, acht und zehn Jahren untersuchen sowie Erwachsene. Dabei wollen sie die kognitive Verarbeitung von Filmen mit der Verarbeitung von Hörtexten und bei älteren Probanden von schriftlichen Texten direkt miteinander vergleichen. Auf diese Weise können sie auch die Annahme testen, dass unterschiedliche Medien in bestimmten Altersbereichen unterschiedlich effektiv sind.

Die Experimente

Kindern einen Text vorlesen oder ihnen den Text vorlesen und gleichzeitig ein dazu passendes Bild präsentieren: So sieht beispielsweise eines der Experimente aus, die Gerhild Nieding und ihre Mitarbeiterin in dem Projekt, die Diplom-Psychologin Wienke Wannagat, in den kommenden Monaten durchführen werden.

„Anschließend präsentieren wir den Kindern den gleichen Text noch einmal, dann aber in leicht veränderter Form“, sagt Wienke Wannagat. Diese Veränderungen liegen dann jeweils auf einer unterschiedlichen Ebene des Textverstehens: mal beim Wort, mal bei der Bedeutung, mal beim Situationsmodell. Die Antwort auf die Frage, ob das Kind die Veränderung wahrgenommen hat, gibt Auskunft darüber, ob es ein Situationsmodell aufgebaut und somit den Text wirklich „tief“ verstanden hat.

Um die kognitiven Verarbeitungsprozesse abzubilden, die während der Textverarbeitung ablaufen, sollen in weiteren Experimenten eigens entwickelte kindgerechte sogenannte Online-Maße zur Anwendung kommen. Dabei handelt es sich um Aufgaben, die die Kinder während der Filmpräsentation durchführen. Hierbei sollen sie beispielsweise mit einem Tastendruck schnellstmöglich angeben, ob ein Objekt auf einem eingeblendeten Bild vorher im Film vorgekommen ist oder nicht.

„Betrachtet werden diejenigen Prozesse, die gemäß der psychologischen Textverstehensforschung für das Textverständnis besonders relevant sind“, sagt Gerhild Nieding. Es handele sich um Prozesse beim Aufbau mentaler Situationsmodelle, bei der Herstellung von Textkohärenzen, beim Aufbau analoger Vorstellungen sowie um die Funktion und Auslastung des Arbeitsgedächtnisses beim Textverstehen.

Von den Ergebnissen dieser Untersuchungen versprechen sich die Wissenschaftlerinnen auch einen praktischen Nutzen. Sie könnten beispielsweise als Grundlage dienen für Entscheidungen, welches Medium in welchem Alter am besten zur Vermittlung von Information geeignet ist.

Kontakt

Prof. Dr. Gerhild Nieding, T: (0931) 31-82747,
nieding@psychologie.uni-wuerzburg.de

Dipl. Psych. Wienke Wannagat, T: (0931) 31-84532,
wienke.wannagat@uni-wuerzburg.de

Gunnar Bartsch | Uni Würzburg
Weitere Informationen:
http://www.uni-wuerzburg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Bildung Wissenschaft:

nachricht Fast jeder vierte Hochschulabschluss ist ein Master
30.09.2016 | Statistisches Bundesamt

nachricht Digitaler Wandel kommt im Bildungsbereich an
25.08.2016 | Technologiestiftung Berlin

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Bildung Wissenschaft >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Elektronenautobahn im Kristall

Physiker der Universität Würzburg haben an einer bestimmten Form topologischer Isolatoren eine überraschende Entdeckung gemacht. Die Erklärung für den Effekt findet sich in der Struktur der verwendeten Materialien. Ihre Arbeit haben die Forscher jetzt in Science veröffentlicht.

Sie sind das derzeit „heißeste Eisen“ der Physik, wie die Neue Zürcher Zeitung schreibt: topologische Isolatoren. Ihre Bedeutung wurde erst vor wenigen Wochen...

Im Focus: Electron highway inside crystal

Physicists of the University of Würzburg have made an astonishing discovery in a specific type of topological insulators. The effect is due to the structure of the materials used. The researchers have now published their work in the journal Science.

Topological insulators are currently the hot topic in physics according to the newspaper Neue Zürcher Zeitung. Only a few weeks ago, their importance was...

Im Focus: Rätsel um Mott-Isolatoren gelöst

Universelles Verhalten am Mott-Metall-Isolator-Übergang aufgedeckt

Die Ursache für den 1937 von Sir Nevill Francis Mott vorhergesagten Metall-Isolator-Übergang basiert auf der gegenseitigen Abstoßung der gleichnamig geladenen...

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Firmen- und Forschungsnetzwerk Munitect tagt am IOW

08.12.2016 | Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Hochgenaue Versuchsstände für dynamisch belastete Komponenten – Workshop zeigt Potenzial auf

09.12.2016 | Seminare Workshops

Ein Nano-Kreisverkehr für Licht

09.12.2016 | Physik Astronomie

Pflanzlicher Wirkstoff lässt Wimpern wachsen

09.12.2016 | Biowissenschaften Chemie