Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Fachkräftemangel – in Deutschland ein hausgemachtes Problem

17.11.2010
„Das Problem ‚Fachkräftemangel‘ ist größtenteils hausgemacht. Jedenfalls in Deutschland“, sagt Professor Georg Spöttl, Leiter des Instituts Technik und Bildung (ITB) an der Universität Bremen, einer der größten unabhängigen Forschungseinrichtungen für Berufsbildung in Europa. Zur Situation hierzulande meint er: „Es gibt ein großes Potenzial, doch es wird nicht genutzt. Dabei haben gerade wir beste Möglichkeiten, das Problem zu lösen.“

Schuld am Fachkräftemangel seien vor allem die demografische Entwicklung sowie die schlechte Schulausbildung, klagt die Industrie. „Beides spielt sicher eine große Rolle, wird aber derzeit überbewertet“, sagt Spöttl. „Die wesentlichen Gründe für den aktuellen Mangel liegen anderswo. Zum Beispiel im Übergangssystem, das Jugendliche auf die berufliche Bildung vorbereiten soll. Es blockiert wertvolles Potenzial.“

„Jugendliche in betriebliche Praxis integrieren statt im Übergangssystem parken“

„Statt sie nach der Schule im Rahmen einer betrieblichen Ausbildung in die Praxis zu integrieren, werden zeitweise bis zu 700.000 der bis 25-Jährigen im Übergangssystem und in Qualifizierungssubsystemen geparkt, also in Maßnahmen, die nicht die berufliche Erstausbildung betreffen“, sagt Spöttl. „Es landen nicht nur zu viele Jugendliche in berufsvorbereitenden Maßnahmen, sondern sie bleiben dort auch zu lange. Damit tauchen sie in keiner Arbeitslosenstatistik auf und verbringen wertvolle Zeit in einem System mit zu vielen nicht miteinander verknüpften, unkoordinierten und teilweise ineffektiven Einzelmaßnahmen.“

Der Bremer Forscher fordert ein Aufräumen und Gesundschrumpfen des Übergangssystems sowie ein nachhaltiges Implementieren erfolgreicher Maßnahmen. „Dadurch werden dann Mittel frei, die viel effektiver zur Förderung des dualen Berufsbildungssystems eingesetzt werden können – indem man beispielsweise Ausbildungsbetriebe und Berufsschulen unterstützt, damit keine Qualifizierung mehr ohne betriebliche Anbindung stattfindet“, meint Spöttl.

„Nun mit Macht die Meister an die Hochschulen holen? Das ist der falsche Weg!“

Angesichts der Arbeitsmarktlage habe die Politik auch das Thema „Durchlässigkeit“ neu für sich entdeckt, sagt Spöttl. Hochschulen sollen sich mehr für Praktiker mit Berufsausbildung öffnen und Meister zu Ingenieuren ausbilden. “Ich begrüße den weiteren Abbau von Hürden, aber zur Lösung des Problems ist das der falsche Weg. Jedenfalls in der Weise, wie er nun beschritten wird.“ Er beanstandet „vor allem das undifferenzierte Vorgehen“. Ohne Vorbereitung auf ein Studium sei der Erfolg noch lange nicht gesichert.

Dazu Prof. Dr.-Ing. Bernd Kuhfuß vom Fachbereich Produktionstechnik der Uni Bremen: „Indem wir jetzt verstärkt Berufspraktiker für ein Ingenieurstudium gewinnen, verlagern wir das Problem doch nur. Mit dem Stopfen des einen Loches reißt ein anderes auf, denn damit werden dem Arbeitsmarkt hochqualifizierte Fachkräfte entzogen, und den Betrieben gehen so die knappen, erfahrenen Topleute verloren.“

„Politik und Schulen sind gefordert. Auch die Unternehmen müssen erheblich mehr tun.“

Spöttl hält er eine größere, inhaltliche Öffnung der beruflichen Bildung für unbedingt erforderlich und bemängelt die fehlende Flexibilität im Berufsbildungssystem. Auch die schwächeren Jugendlichen müssten dort ausgebildet und dürften nicht ins Übergangssystem abgeschoben werden. Defizite sieht der Bildungsforscher jedoch nicht nur in Politik, den etablierten Systemen, bei Verbänden und Bildungseinrichtungen, sondern auch in der Industrie.

„Mit Leiharbeit, Zeitverträgen und Praktika bindet man kein Personal. Die Menschen wollen feste Arbeitsplätze, anständige Verträge, Zukunftsaussichten sowie die Möglichkeit, beruflich voranzukommen, und die Jugendlichen brauchen echte Perspektiven“, sagt der ITB-Leiter und fordert von den Unternehmen eine langfristige Personalplanung sowie in der Berufsbildung eine Orientierung an Geschäfts- und Arbeitsprozessen. „Das beginnt schon bei den Berufsanfängern und mit einer höheren Beteiligung an der Berufsausbildung. Nur 25 Prozent der Unternehmen bilden bisher aus.“ In produzierenden Betrieben sieht Spöttl derzeit eine Ausbildungsquote von ungefähr 10 Prozent als „gesund“ an, doch die meisten kämen nicht einmal auf 4 Prozent.

„Ungenutzte Reserven erschließen und den Nachwuchs motivieren“

„Darüber hinaus gibt es noch einige andere, ungenutzte Reserven, die mit relativ geringem Aufwand erschlossen werden können“, ergänzt ITB-Wissenschaftler Dr. phil. Lars Windelband. „Über bessere Betreuungsmöglichkeit für Kinder lassen sich zum Beispiel hochqualifizierte Frauen wieder in das Berufsleben einbinden. Die Politik und auch die Unternehmen können da noch mehr tun“, meint der Berufsbildungsforscher und kritisiert weiter: „Es wird auch nicht genug in ältere Arbeitnehmer investiert, und die Unternehmen setzen bei Einstellungen leider nach wie vor auf die Jüngeren.“

„Ein großes Problem in Deutschland ist auch der Mangel an Interessenten für die technischen Ausbildungsberufe und Ingenieur-Studiengänge“, sagt Windelband. „Häufig fehlt es den Kindern an Anregungen, sich mit Technik zu beschäftigen. Wir müssen versuchen, sie mehr dafür zu begeistern und für eine Ausbildung in dem Bereich zu motivieren.“ Ein Beispiel sei die Initiative „mikromal“ des Sonderforschungsbereiches „Mikrokaltumformen“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft an der Bremer Uni. Die Wissenschaftler haben ihre komplexen Forschungsinhalte für das Verständnis von Grundschülern aufbereitet, gehen in die Klassen und regen sie zum Mitforschen an. Das Ergebnis: So einige der Kinder hegen inzwischen den Berufswunsch „Erfinder“.

Weitere Informationen und Ansprechpartner:

Universität Bremen
Institut Technik und Bildung (ITB)
Prof. Dr. Georg Spöttl (ITB-Sprecher)
Tel. 0421 218-46 34
E-Mail: spöttl@uni-bremen.de
Dr. phil. Lars Windelband
Tel.: 0421 218-90 12
E-Mail: lwindelband@uni-bremen.de

Eberhard Scholz | idw
Weitere Informationen:
http://www.itb.uni-bremen.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Bildung Wissenschaft:

nachricht Die Verbindung macht’s
24.03.2017 | Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V.

nachricht Gleich und Gleich gesellt sich gern!
21.03.2017 | Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Bildung Wissenschaft >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Im Focus: A quantum walk of photons

Physicists from the University of Würzburg are capable of generating identical looking single light particles at the push of a button. Two new studies now demonstrate the potential this method holds.

The quantum computer has fuelled the imagination of scientists for decades: It is based on fundamentally different phenomena than a conventional computer....

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Im Focus: Turmoil in sluggish electrons’ existence

An international team of physicists has monitored the scattering behaviour of electrons in a non-conducting material in real-time. Their insights could be beneficial for radiotherapy.

We can refer to electrons in non-conducting materials as ‘sluggish’. Typically, they remain fixed in a location, deep inside an atomic composite. It is hence...

Im Focus: Hauchdünne magnetische Materialien für zukünftige Quantentechnologien entwickelt

Zweidimensionale magnetische Strukturen gelten als vielversprechendes Material für neuartige Datenspeicher, da sich die magnetischen Eigenschaften einzelner Molekülen untersuchen und verändern lassen. Forscher haben nun erstmals einen hauchdünnen Ferrimagneten hergestellt, bei dem sich Moleküle mit verschiedenen magnetischen Zentren auf einer Goldfläche selbst zu einem Schachbrettmuster anordnen. Dies berichten Wissenschaftler des Swiss Nanoscience Institutes der Universität Basel und des Paul Scherrer Institutes in der Wissenschaftszeitschrift «Nature Communications».

Ferrimagneten besitzen zwei magnetische Zentren, deren Magnetismus verschieden stark ist und in entgegengesetzte Richtungen zeigt. Zweidimensionale, quasi...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Meeresschutz im Fokus: Das IASS auf der UN-Ozean-Konferenz in New York vom 5.-9. Juni

24.05.2017 | Veranstaltungen

Diabetes Kongress in Hamburg beginnt heute: Rund 6000 Teilnehmer werden erwartet

24.05.2017 | Veranstaltungen

Wissensbuffet: „All you can eat – and learn”

24.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Hochspannung für den Teilchenbeschleuniger der Zukunft

24.05.2017 | Physik Astronomie

3D-Graphen: Experiment an BESSY II zeigt, dass optische Eigenschaften einstellbar sind

24.05.2017 | Physik Astronomie

Optisches Messverfahren für Zellanalysen in Echtzeit - Ulmer Physiker auf der Messe "Sensor+Test"

24.05.2017 | Messenachrichten