Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Deutsch-britisches Forschungsprojekt bewilligt: Auf der Suche nach einer neuen Universalgrammatik

19.03.2009
Sprache, so die seit 400 Jahren vorherrschende Sichtweise, ist ein Ausdrucksmittel für von ihr unabhängige Gedanken.

Sprachliche Zeichen stehen stellvertretend für den bezeichneten Gegenstand und sind dabei arbiträr, also willkürlich, mit diesem verknüpft - eine Verbindung, die durch Übereinkunft und Konventionen reguliert wird.

Es gibt jedoch eine ältere sprachwissenschaftliche Tradition aus dem 13. Jahrhundert, für die Sprache nicht arbiträr ist. Das neue Forschungsprojekt "Uncartesianische Linguistik" knüpft an diese Tradition an und will zeigen, dass Sprache eben nicht Gedanken ausdrückt, sondern diese vielmehr erst generiert.

Vor diesem Hintergrund wollen Forscherinnen und Forscher der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München und der Durham University, Großbritannien, gemeinsam eine neue Konzeption von Universalgrammatik erarbeiten. Unterstützt werden sie dabei von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und ihrem britischen Pendant Arts & Humanities Research Council (AHRC). An der LMU ist Professor Elisabeth Leiss, Lehrstuhl für Germanistische Linguistik, verantwortlich, an der Durham University leitet Professor Wolfram Hinzen das Projekt.

Dass Sprache die Gedanken widerspiegelt und ausdrückt ist ein wesentlicher Aspekt der so genannten Axiomatik, die der vom Sprachwissenschaftler Noam Chomsky als "Cartesianischen Linguistik" bezeichneten Tradition zu Grunde liegt. Entscheidend in dieser Tradition ist eine gewisse Autonomie des Denkens gegenüber der Sprache: Sprache "übersetzt" die Leistungen des Verstands oder der Vernunft, die den "Inhalt" für Sprache bereitstellt, wohingegen die Sprache selbst nicht mehr als ihre materielle oder phonetische Seite ist. Sprache wird darüber hinaus als ein System von Zeichen betrachtet, die in einer arbiträren Beziehung zu den ausgedrückten Gedanken stehen. Diese Gedanken haben eine von Sprache unabhängige Existenz, sie sind bestimmt durch die Gesetze der Logik und Vernunft, nicht der Grammatik.

In einer "idealen" Sprache würde demgegenüber Grammatik und Logik gleichgesetzt sein. Genau das war eine Zielsetzung der Allgemeinen oder Philosophischen Grammatiken, die in großer Zahl seit dem 17. Jahrhundert publiziert wurden. Sie zielten darauf ab, die Einheit der Grammatiken menschlicher Sprachen zu bewahren gegen die aufstrebende Tradition der nationalen Philologien.

Das Projekt "Uncartesianische Linguistik" dagegen will an eine alternative universalgrammatische Tradition anknüpfen: diejenige der so genannten modistischen Grammatiken, die um das 13. Jahrhundert aufkamen. Sie zielten auf eine philosophische Begründung grammatischer Kategorien ab. Ihnen zufolge spiegelt sich die Struktur des Seins in der Struktur der Sprache wider und zwar in allen Sprachen auf dieselbe Weise. In der Tradition dieser frühen universalistischen Grammatiken betrachtet das deutsch-britische Projekt Sprache als nicht-arbiträr und somit als nicht willkürlich gesetzt: Die Ordnung des sprachlichen Zeichens ist die Ordnung des Denkens, so die Leitidee. Beide Ordnungen spiegeln Ordnungsprinzipien der Wirklichkeit wider.

Modistische Grammatiken waren "philosophisch" in dem Sinn, dass Sprache die Weise ist, in der wir zum Wissen von der Welt gelangen. Modistische Sprachphilosophie ist damit eine "Abbildungs-" oder "Widerspiegelungstheorie" der Sprache, doch zusätzlich versehen mit einer elaborierten Grammatiktheorie, welche Grammatik als Instrument der perspektivischen Darstellung von Welt definiert. Grammatik ist somit das Instrument, mit dem wir systematisch strukturierte Perspektiven von der Welt kodieren. Sprache stellt ein Format bereit, mit dem die Welt erst erfasst und in ein humanspezifisches kognitives Format gebracht werden kann.

An diese Grundüberlegungen knüpft das Projekt "Uncartesianische Linguistik" an. Ziel ist es, Linguistik und Philosophie nahtlos miteinander zu verbinden, um so systematisch eine neue philosophische Perspektive auf die Sprache zu entwickeln.

Kontakt:
Prof. Dr. Elisabeth Leiss
Lehrstuhl für Germanistische Linguistik
Tel.: 089 / 2180-2339
E-Mail: e.leiss@germanistik.uni-muenchen.de
Quelle: Ludwig-Maximilians-Universität München

| LMU München
Weitere Informationen:
http://www.kooperation-international.de
http://www.uni-muenchen.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Bildung Wissenschaft:

nachricht Weiterbildung – für die Arbeitswelt von morgen unerlässlich!
15.02.2018 | Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB)

nachricht Roboter als Förderer frühkindlicher Bildung – Neues Forschungsprojekt an der Uni Paderborn
07.02.2018 | Universität Paderborn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Bildung Wissenschaft >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Vorstoß ins Innere der Atome

Mit Hilfe einer neuen Lasertechnologie haben es Physiker vom Labor für Attosekundenphysik der LMU und des MPQ geschafft, Attosekunden-Lichtblitze mit hoher Intensität und Photonenenergie zu produzieren. Damit konnten sie erstmals die Interaktion mehrere Photonen in einem Attosekundenpuls mit Elektronen aus einer inneren atomaren Schale beobachten konnten.

Wer die ultraschnelle Bewegung von Elektronen in inneren atomaren Schalen beobachten möchte, der benötigt ultrakurze und intensive Lichtblitze bei genügend...

Im Focus: Attoseconds break into atomic interior

A newly developed laser technology has enabled physicists in the Laboratory for Attosecond Physics (jointly run by LMU Munich and the Max Planck Institute of Quantum Optics) to generate attosecond bursts of high-energy photons of unprecedented intensity. This has made it possible to observe the interaction of multiple photons in a single such pulse with electrons in the inner orbital shell of an atom.

In order to observe the ultrafast electron motion in the inner shells of atoms with short light pulses, the pulses must not only be ultrashort, but very...

Im Focus: Good vibrations feel the force

Eine Gruppe von Forschern um Andrea Cavalleri am Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie (MPSD) in Hamburg hat eine Methode demonstriert, die es erlaubt die interatomaren Kräfte eines Festkörpers detailliert auszumessen. Ihr Artikel Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, nun online in Nature veröffentlich, erläutert, wie Terahertz-Laserpulse die Atome eines Festkörpers zu extrem hohen Auslenkungen treiben können.

Die zeitaufgelöste Messung der sehr unkonventionellen atomaren Bewegungen, die einer Anregung mit extrem starken Lichtpulsen folgen, ermöglichte es der...

Im Focus: Good vibrations feel the force

A group of researchers led by Andrea Cavalleri at the Max Planck Institute for Structure and Dynamics of Matter (MPSD) in Hamburg has demonstrated a new method enabling precise measurements of the interatomic forces that hold crystalline solids together. The paper Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, published online in Nature, explains how a terahertz-frequency laser pulse can drive very large deformations of the crystal.

By measuring the highly unusual atomic trajectories under extreme electromagnetic transients, the MPSD group could reconstruct how rigid the atomic bonds are...

Im Focus: Verlässliche Quantencomputer entwickeln

Internationalem Forschungsteam gelingt wichtiger Schritt auf dem Weg zur Lösung von Zertifizierungsproblemen

Quantencomputer sollen künftig algorithmische Probleme lösen, die selbst die größten klassischen Superrechner überfordern. Doch wie lässt sich prüfen, dass der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Von festen Körpern und Philosophen

23.02.2018 | Veranstaltungen

Spannungsfeld Elektromobilität

23.02.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2018

21.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vorstoß ins Innere der Atome

23.02.2018 | Physik Astronomie

Wirt oder Gast? Proteomik gibt neue Aufschlüsse über Reaktion von Rifforganismen auf Umweltstress

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Wie Zellen unterschiedlich auf Stress reagieren

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics