Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Bildungswesen zwischen Bewegung und Stillstand

13.06.2014

Eine unabhängige Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unter Federführung des DIPF legt heute den Bericht „Bildung in Deutschland 2014“ vor.

Die empirische Bestandsaufnahme des gesamten deutschen Bildungswesens dient als Informations- und Beratungsgrundlage für alle mit Bildung befassten Professionen und die interessierte Öffentlichkeit. 2014 stellt der alle zwei Jahre herausgegebene Bildungsbericht erstmals die Veränderungsdynamik der Informationen zum Bildungswesen im Zeitverlauf der bisherigen Ausgaben dar. Gleichzeitig beleuchtet der Bericht in einem Schwerpunktkapitel die Situation von „Menschen mit Behinderungen im Bildungssystem“.

Die Mitglieder der Autorengruppe vertreten folgende Einrichtungen: Das Deutsche Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF), das Deutsche Jugendinstitut (DJI), das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW), das Soziologische Forschungsinstitut an der Universität Göttingen (SOFI) sowie Statistischen Ämter des Bundes und der Länder (Destatis und StLÄ). Die Erarbeitung des Berichts wird von der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland (KMK) und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert.

„Der Bericht zeigt ein Bildungswesen zwischen Bewegung und Stillstand“, erläutert Professor Dr. Marcus Hasselhorn vom DIPF, der Sprecher der Autorengruppe. „So lässt sich ein erfreulicher Wandel des Bildungsverhaltens festhalten – ein Trend zu mehr Bildung“, so Hasselhorn: Unter 3-Jährige nehmen viel häufiger Angebote der Kindertagesbetreuung in Anspruch.

Immer mehr Schulabsolventinnen und -absolventen erwerben eine Hochschulzugangsberechtigung, zuletzt 57 Prozent. Und die Zahl der Studienanfängerinnen und -anfänger ist in den letzten 13 Jahren um zirka 200.000 auf mehr als 500.000 Personen angestiegen. Der Sprecher der Autorengruppe betont jedoch: „Nicht alle gesellschaftlichen Gruppen sind Teil dieser Dynamik, Unterschiede in der Beteiligung bleiben bestehen.“ Einige Beispiele:

Trotz eines sinkenden Anteils wächst nach wie vor fast jedes dritte Kind in Deutschland in mindestens einer Risikolage für schlechtere Bildungschancen auf – also in einem erwerbslosen, armutsgefährdeten oder bildungsfernen Elternhaus. Kinder von Eltern mit niedrigem Schulabschluss nehmen seltener an zusätzlichen Bildungsangeboten wie Musikkursen teil. Ausländische Jugendliche landen beim Zugang zur Berufsausbildung fast zur Hälfte im Übergangssystem, von den deutschen Jugendlichen ist es dagegen nur jeder Vierte.

Und unter den 30- bis unter 35-Jährigen haben Personen mit Migrationshintergrund fünf Mal so häufig keinen allgemeinbildenden bzw. drei Mal so häufig keinen beruflichen Bildungsabschluss.

Insgesamt macht die Autorengruppe fünf zentrale Handlungsfelder im Bildungswesen aus:

- Frühkindliche Betreuungsangebote: Hier lag der Schwerpunkt in den letzten Jahren auf dem quantitativen Ausbau. Jetzt gilt es, sich verstärkt der Angebotsqualität, aber auch regionalen und kommunalen Unterschieden beim Ausgestalten und Bereitstellen der Angebote zu widmen.

- Ganztagsschule: Angesichts der gestiegenen Nachfrage erscheint ein klares pädagogisches Konzept für die Gestaltung der Ganztagsbeschulung erforderlich. Es sollte übergreifende Standards verbindlich machen und zugleich auf die Spezifika der Schulen eingehen.

- Übergangssystem: Immer noch mündet über eine Viertelmillion Jugendliche nach dem Schulabschluss zunächst ins Übergangssystem ein. Daher bleibt die Herausforderung der Organisation des Übergangs in die Berufsausbildung – vor allem die inhaltliche Systematisierung und politische Koordinierung des Systems.

- Berufs- und Hochschulausbildung: Soll es nicht zu einer Konkurrenz um demografisch bedingt zurückgehende Schulabsolventenzahlen zwischen den beiden großen Ausbildungsbereichen kommen, bedarf es trotz institutioneller Differenzen einer neuen, gemeinsamen Strategie.

Als fünftes zentrales Handlungsfeld nennt der Bildungsbericht die Inklusion von Menschen mit Behinderungen auf allen Stufen und in allen Bereichen des Bildungssystems. Hasselhorn betont: „Die Umsetzung der Inklusion stellt Bildungspolitik und Bildungspraxis vor grundlegende Herausforderungen, insbesondere vor dem Hintergrund bestehender Strukturen und gewachsener Selbstverständnisse.“ Im Schwerpunktkapitel werden die Dimensionen dieses Handlungsfelds thematisiert:

- Bildungsteilhabe und Bildungsangebote: Das Bildungssystem trägt dem Grundsatz optimaler Förderung von Menschen mit Behinderungen bislang vor allem mit spezialisierten institutionellen Angeboten Rechnung. Insbesondere im Schulbereich ist zu klären, wo welche Schülerinnen und Schüler inkludiert und wo Sondereinrichtungen zumindest in Teilen beibehalten werden sollten.

- Ressourcen: In den einzelnen Institutionen des Bildungssystems besteht ein unterschiedliches Verständnis von Bildung und Lernen und dementsprechend Inklusion. Das Sozialsystem ist wiederum auf Individualansprüche ausgerichtet. Trotz unterschiedlicher Rechtsgrundlagen gilt es, diese Ansätze zu verbinden.

- Diagnostik: Zentrale Bedeutung für die Inklusion kommt der Diagnostik zu. Sie muss unter Beibehaltung professioneller Standards weiterentwickelt werden, um vermehrt zur Unterstützung von Bildungsprozessen genutzt werden zu können. In vielen Bereichen des Bildungssystems wird dies nicht ohne die Entwicklung neuer diagnostischer Werkzeuge möglich sein.

- Personal und Qualifikation: Es ist von hoher Bedeutung, das pädagogische Fachpersonal gemäß den Anforderungen eines inklusiven Bildungssystems zu qualifizieren. Das Augenmerk sollte sich darüber hinaus auf den richtigen Einsatz der unterschiedlichen pädagogischen Spezialisierungen und auf die Finanzierung des Personals richten.

Weitere Informationen: www.bildungsbericht.de
Pressekontakt: Philip Stirm, DIPF, +49 (0)69 24708-123, stirm@dipf.de

Das Deutsche Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) unterstützt Wissenschaft, Politik, Verwaltung und Praxis im Bildungsbereich durch Forschung und wissenschaftliche Infrastrukturangebote. Forschungsschwerpunkte sind die Struktur und die Steuerung des Bildungswesens, die Qualität und die Wirkung von Bildungsprozessen, die individuelle Entwicklung in Bildungskontexten, Möglichkeiten der Bildungsinformation und die Bildungsgeschichte. Zu den wissenschaftlichen Infrastrukturangeboten des Instituts zählen Online-Informationssysteme wie der Deutsche Bildungsserver, das Bereitstellen von Forschungsdaten und -literatur sowie die Koordination und Beratung von Forschungsverbünden. Das DIPF ist Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft.

Weitere Informationen:

http://www.dipf.de
http://www.bildungsbericht.de

Christine Schumann | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Bildung Wissenschaft:

nachricht Fast jeder vierte Hochschulabschluss ist ein Master
30.09.2016 | Statistisches Bundesamt

nachricht Digitaler Wandel kommt im Bildungsbereich an
25.08.2016 | Technologiestiftung Berlin

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Bildung Wissenschaft >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Im Focus: Neuer Sensor: Was im Inneren von Schneelawinen vor sich geht

Ein neuer Radarsensor erlaubt Einblicke in die inneren Vorgänge von Schneelawinen. Entwickelt haben ihn Ingenieure der Ruhr-Universität Bochum (RUB) um Dr. Christoph Baer und Timo Jaeschke gemeinsam mit Kollegen aus Innsbruck und Davos. Das Messsystem ist bereits an einem Testhang im Wallis installiert, wo das Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung im Winter 2016/17 Messungen damit durchführen möchte.

Die erhobenen Daten sollen in Simulationen einfließen, die das komplexe Geschehen im Inneren von Lawinen detailliert nachbilden. „Was genau passiert, wenn sich...

Im Focus: Neuer Rekord an BESSY II: 10 Millionen Ionen erstmals bis auf 7,4 Kelvin gekühlt

Magnetische Grundzustände von Nickel2-Ionen spektroskopisch ermittelt

Ein internationales Team aus Deutschland, Schweden und Japan hat einen neuen Temperaturrekord für sogenannte Quadrupol-Ionenfallen erreicht, in denen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

Die Perspektiven der Genom-Editierung in der Landwirtschaft

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Parkinson-Krankheit und Dystonien: DFG-Forschergruppe eingerichtet

02.12.2016 | Förderungen Preise

Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave

02.12.2016 | Studien Analysen

Nach der Befruchtung übernimmt die Eizelle die Führungsrolle

02.12.2016 | Biowissenschaften Chemie