Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Bildung für die Zukunft

20.09.2010
Träger des alternativen Nobelpreises entwerfen an der Alanus Hochschule Visionen für eine nachhaltige Bildung

Acht Menschen stehen sich auf der Bühne paarweise gegenüber, geben sich die Hand und versuchen mit der gefassten Hand ihren Partner an der Hüfte zu berühren, wer die meisten Treffer hat gewinnt. Einer der acht ist Alyn Ware, Friedensaktivist aus Neuseeland und Träger des alternativen Nobelpreises. Mit dieser praktischen Übung veranschaulicht er einen Ansatz der Konfliktlösung. Sieger des Spiels ist das Paar, das nicht miteinander kämpft, sondern sich einvernehmlich im Wechsel immer wieder gegenseitig berührt.

Im Rahmen einer Tagung zum Thema „Bildung neu denken“ an der Alanus Hochschule gab Ware Einblicke in die Friedenserziehung in Neuseeland, für die er 2009 mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Er demonstrierte damit Beispiele für die Bedeutung von Bildung zur Gestaltung einer lebenswerten Zukunft.

Gemeinsam mit Ware diskutierten rund 300 Teilnehmer und weitere acht Träger des Alternativen Nobelpreises zwei Tage lang Perspektiven für zukunftsfähige Bildung. Die Preisträger gelten als einflussreiche Wegbereiter sozialer und ökologischer Bewegungen und wurden in den vergangenen Jahren von der Right Livelihood Foundation geehrt, weil sie sich in herausragender Weise für eine lebenswerte Zukunft einsetzen. Dass bei der Lösung der weltweiten ökologischen und sozialen Probleme Bildung eine wichtige Rolle spielt, daran besteht kein Zweifel. „Doch welche Form von Bildung benötigen wir, um langfristig die natürlichen und sozialen Grundlagen der Welt zu bewahren und unsere Zukunft verantwortungsvoll zu gestalten?“, dies ist laut Marcelo da Veiga, Rektor der Alanus Hochschule eine der entscheidenden Fragen.

Das gegenwärtige westliche Bildungssystem scheint dazu ungeeignet zu sein. Denn es ist, so kritisiert unter anderem der Thailänder Sulak Sivaraksa, der im Jahr 1995 den Alternativen Nobelpreis erhielt, „allein auf Wissen und Denken fixiert“. Descartes Sinnspruch „Cogito ergo sum – ich denke also bin ich“ symbolisiert für den Buddhisten eine gefährliche, da Ich- und Intellektbezogene Einstellung. Nicanor Perlas von den Philippinen, der sich für eine gerechte Globalisierung einsetzt und 2003 von der Right Livelihood Foundation ausgezeichnet wurde, sieht außerdem die Gefahr, „dass Bildung heute nicht den Menschen, sondern der Wirtschaft, der Technologie und dem Markt dient“. In vielen Bildungsinstitutionen würden lediglich Fertigkeiten vermittelt, die Heranwachsende benötigen, um im globalisierten Wirtschaftssystem bestehen zu können und sich „angepasst in einer materialistischen und technisierten Welt zu verhalten“. Beide plädieren dafür, geistigen und spirituellen Elementen in der Bildung einen höheren Stellenwert zuzuweisen. Denn nur so können laut Perlas „wirkliche Werte gebildet werden“, eine der wichtigsten Voraussetzungen für gesellschaftliches und ökologisches Engagement. Das Ziel jeder nachhaltigen Bildung muss sein „wahrhaftig Mensch zu werden“, betont Perlas. „Zu verstehen, wer wir sind und was unsere Aufgabe in der Welt ist.“

„Wir alle können etwas bewegen, müssen uns aber selbst fragen, was wir mit unserem Leben ermöglichen möchten“, diese Erkenntnis ist für Clara von Recklinghausen zwar nicht neu, für die BWL-Studentin der Alanus Hochschule ist sie durch die Veranstaltung aber noch einmal unterstrichen worden. Sie hat sich vorgenommen, nun genauer zu untersuchen, in welcher Gemeinschaft sie lebt, sich ihr bewusster und verbindlicher zu öffnen. Für Mathias Wanner, Psychologie-Student aus Münster war die Veranstaltung vor allem die Gelegenheit, „konkrete Lebensweisheiten von sehr aktiven, erfahrenden Menschen übermittelt zu bekommen“. Studenten in direkten und persönlichen Austausch mit den vielfältigen Visionären zu bringen und die Diskussion ihrer Denkansätze zu ermöglichen, ist, so Rektor da Veiga, auch eines der wichtigsten Anliegen der Hochschule.

Einen ganz eigenen, neuen Weg in Sachen Studium geht die Studentin Tania Zuur, die eigens aus Schweden angereist ist, um an der Veranstaltung teilzunehmen und die Nobelreisträger zu erleben. Sie gehört zu einer internationalen Gruppe von jungen Menschen, die ihr Studium fern von universitärer Institutionalisierung selbst organisieren. „Jeder muss für sich seine Frage, sein Thema finden, dann sucht er sich den Ort und den Lehrer, von dem er etwas lernen kann“. Wichtig ist ihr dabei vor allem, sich selbst zu entwickeln; ein Hochschuldiplom findet sie hierfür überflüssig.

Welche Rolle spielen Universitäten im globalen Bildungsprozess? Rául Montenegro, Umweltaktivist aus Argentinien sieht sie als „Fabriken, in denen kulturelle Klone produziert werden“. Und auch Nicanor Perlas beobachtet kritisch die Entwicklung der Universitäten hin zu Institutionen, die Menschen zum funktionierenden Element in der globalisierten Wirtschaft bilden wollen. Aufgabe eines Studiums sei es vielmehr, zum Fragestellen anzuregen, Menschen darin zu bilden, Dinge zu reflektieren und bestehende Systeme zu hinterfragen. Aufgabe der Universitäten ist es Rebellen zu produzieren“, spitzte Swami Agnivesh, Aktivist aus Indien und Preisträger 2004, seine Vision im Schlussstatement zu.

Für Innovationen benötige es, so Ibrahim Abouleish, neben wissenschaftlichen Inhalten auch Kunst und Philosophie. Abouleish hat 2003 den alternativen Nobelpreis für das Geschäftsmodell seiner SEKEM-Initiative erhalten, das wirtschaftlichen Erfolg mit sozialer und kultureller Entwicklung verbindet. Teil seiner Initiative ist auch die Heliopolis Universität für nachhaltige Entwicklung, die einen interdisziplinären Ansatz verfolgt und Naturwissenschaften mit Geistes- und Kulturwissenschaften kombiniert. „Unser Planet leidet an zu viel Linearität“ meint Abouleish. Ein wissenschaftliches Studium fördere allein das lineare Denken. „Wir brauchen Kunst und Philosophie, um die Vorstellungskraft zu entwickeln, um auf neue Ideen zu kommen“. Nur so könne nachhaltige Entwicklung und das Potential zur Veränderung entstehen. Bei der Entwicklung seines Universitätsmodells sei auch die Alanus Hochschule Vorbild für ihn gewesen.

Die Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft ist eine Kunsthochschule in freier Trägerschaft mit rund 600 Studenten. Im Mai dieses Jahres wurde sie als erste nichtstaatliche Kunsthochschule Deutschlands vom Wissenschaftsrat akkreditiert und erhielt das Promotionsrecht im Fachbereich Bildungswissenschaft. Sie zeichnet sich durch eine einzigartige Kombination künstlerischer und wissenschaftlicher Fächer aus und vertritt einen interdisziplinären Ansatz. In sechs Fachbereichen wird auf den Gebieten der bildenden und darstellenden Kunst, der künstlerischen Therapien, der Architektur, der Bildungswissenschaft sowie der Betriebswirtschaftslehre gelehrt und geforscht.

Der Right Livelihood Award, im Deutschen bekannter als Alternativer Nobelpreis, wird seit 1980 an Personen, Organisationen und soziale Bewegungen vergeben. Eine international besetze Jury zeichnet jährlich vier Menschen oder Initiativen aus, die Lösungen für aktuelle Probleme finden und erfolgreich umsetzen. Die Einsatzbereiche der Preisträger sind vielfältig: Umwelt, Frieden, Abrüstung, Menschenrechte, Entwicklung, Kultur und Spiritualität, Verbraucherschutz, Bildung, Gesundheit oder Energie.

Claudia Zanker | idw
Weitere Informationen:
http://www.alanus.edu

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Bildung Wissenschaft:

nachricht Wie ein Roboter Kita-Kindern Sprachen beibringt
14.07.2017 | Universität Bielefeld

nachricht MINT Nachwuchsbarometer 2017: Digitale Bildung in Deutschland braucht ein Update
22.06.2017 | acatech - Deutsche Akademie der Technikwissenschaften

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Bildung Wissenschaft >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Molekulares Lego

Sie können ihre Farbe wechseln, ihren Spin verändern oder von fest zu flüssig wechseln: Eine bestimmte Klasse von Polymeren besitzt faszinierende Eigenschaften. Wie sie das schaffen, haben Forscher der Uni Würzburg untersucht.

Bei dieser Arbeit handele es sich um ein „Hot Paper“, das interessante und wichtige Aspekte einer neuen Polymerklasse behandelt, die aufgrund ihrer Vielfalt an...

Im Focus: Das Universum in einem Kristall

Dresdener Forscher haben in Zusammenarbeit mit einem internationalen Forscherteam einen unerwarteten experimentellen Zugang zu einem Problem der Allgemeinen Realitätstheorie gefunden. Im Fachmagazin Nature berichten sie, dass es ihnen in neuartigen Materialien und mit Hilfe von thermoelektrischen Messungen gelungen ist, die Schwerkraft-Quantenanomalie nachzuweisen. Erstmals konnten so Quantenanomalien in simulierten Schwerfeldern an einem realen Kristall untersucht werden.

In der Physik spielen Messgrößen wie Energie, Impuls oder elektrische Ladung, welche ihre Erscheinungsform zwar ändern können, aber niemals verloren gehen oder...

Im Focus: Manipulation des Elektronenspins ohne Informationsverlust

Physiker haben eine neue Technik entwickelt, um auf einem Chip den Elektronenspin mit elektrischen Spannungen zu steuern. Mit der neu entwickelten Methode kann der Zerfall des Spins unterdrückt, die enthaltene Information erhalten und über vergleichsweise grosse Distanzen übermittelt werden. Das zeigt ein Team des Departement Physik der Universität Basel und des Swiss Nanoscience Instituts in einer Veröffentlichung in Physical Review X.

Seit einigen Jahren wird weltweit untersucht, wie sich der Spin des Elektrons zur Speicherung und Übertragung von Information nutzen lässt. Der Spin jedes...

Im Focus: Manipulating Electron Spins Without Loss of Information

Physicists have developed a new technique that uses electrical voltages to control the electron spin on a chip. The newly-developed method provides protection from spin decay, meaning that the contained information can be maintained and transmitted over comparatively large distances, as has been demonstrated by a team from the University of Basel’s Department of Physics and the Swiss Nanoscience Institute. The results have been published in Physical Review X.

For several years, researchers have been trying to use the spin of an electron to store and transmit information. The spin of each electron is always coupled...

Im Focus: Das Proton präzise gewogen

Wie schwer ist ein Proton? Auf dem Weg zur möglichst exakten Kenntnis dieser fundamentalen Konstanten ist jetzt Wissenschaftlern aus Deutschland und Japan ein wichtiger Schritt gelungen. Mit Präzisionsmessungen an einem einzelnen Proton konnten sie nicht nur die Genauigkeit um einen Faktor drei verbessern, sondern auch den bisherigen Wert korrigieren.

Die Masse eines einzelnen Protons noch genauer zu bestimmen – das machen die Physiker um Klaus Blaum und Sven Sturm vom Max-Planck-Institut für Kernphysik in...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Operatortheorie im Fokus

20.07.2017 | Veranstaltungen

Technologietag der Fraunhofer-Allianz Big Data: Know-how für die Industrie 4.0

18.07.2017 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - September 2017

17.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

1,4 Millionen Euro für Forschungsprojekte im Industrie 4.0-Kontext

20.07.2017 | Förderungen Preise

Von photonischen Nanoantennen zu besseren Spielekonsolen

20.07.2017 | Physik Astronomie

Bildgebung von entstehendem Narbengewebe

20.07.2017 | Biowissenschaften Chemie