Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Theorie und Empirie von Bildungsgutscheinen

31.08.2005


Bildungsgutscheine ermöglichen nur leicht bessere Schülerleistungen, führen aber zu zunehmender sozialer Segregation. Den hochgesteckten Erwartungen ihrer Befürworter wird dieses Finanzierungsinstrument, wie es bislang in diversen Ländern zur Finanzierung von Schulen und Kindergärten eingeführt worden ist, nur teilweise gerecht. Wenn Gutscheine ihr Potenzial erfüllen sollen, kommt es vor allem auf ihre konkrete Ausgestaltung an. Dies sind die zentralen Ergebnisse einer aktuellen Untersuchung des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) zu den beobachtbaren Effekten von Bildungsgutscheinen. Die Studie leistet damit einen wichtigen Beitrag für die Diskussion und Gestaltung neuer Finanzierungsinstrumente in Deutschland, wie etwa für die Kitas in Hamburg, Berlin oder Bayern oder für Diskussionen über die Abschaffung von Schulbezirken in Nordrhein-Westfalen.



Befürworter von Bildungsgutscheinen - meist Ökonomen - erwarten durch deren Einführung bessere Schülerleistungen, geringere soziale Auslese und größere Wahlmöglichkeiten. Diesen Erwartungen stellt die Studie die empirischen Befunde von Untersuchungen aus verschiedenen Ländern wie den USA, Großbritannien, aber auch Chile und Kolumbien gegenüber. Die gegenüberstellende Betrachtung zeigt recht deutlich, dass die hochgesteckten Erwartungen nicht automatisch erreicht werden. So lassen sich zwar insgesamt etwas bessere Schülerleistungen nachweisen, allerdings scheint dies kein Automatismus zu sein.



Die vergleichsweise geringen Leistungssteigerungen können dadurch bedingt sein, dass die meisten Gutscheinsysteme sich an kleine Schülergruppen wenden und damit der Leistungsdruck auf die Einrichtungen vergleichsweise gering ist. Ein wesentlicher Grund für die nur geringen Verbesserungen könnte auch darin liegen, dass meist sehr kleine Modellversuche gestartet wurden, in die nur wenige Schüler einbezogen wurden. Daraus resultiert aber für die Schulen kein großer Anreizeffekt, durch Leistungssteigerungen um zusätzliche Schüler zu werben.

Darüber hinaus steht diesen leicht positiven Effekten eine zunehmende soziale Segregation gegenüber, wofür verschiedene Gründe verantwortlich zeichnen können. Diese Segregation ist auf teilweise erhebliche Schwächen in der Gestaltung der Gutscheine zurückzuführen, wenn die Eltern beispielsweise Schulgebühren finanzieren müssen. Aber auch unterschiedliche Auswahlkriterien der Eltern und Schüler sowie indirekte Anreize für Schulen und gut situierte Eltern, Kinder aus benachteiligten Schichten unabhängig von ihrer Leistungsfähigkeit von besseren Schulen fernzuhalten, begünstigen soziale Segregation.

Zunächst lassen sich unterschiedliche Entscheidungskriterien identifizieren. Während bildungsferne und sozio-ökonomisch schwächere Eltern vor allem auf Kosten und Entfernung achten, achten bildungsnähere Eltern direkt oder indirekt auf die soziale Zusammensetzung bzw. Umgebung der Schule. Viele, insbesondere bildungsferne Eltern ziehen auch nur eine einzige Schule in Betracht, an der sie ihr Kind dann auch anmelden.

Weiterhin kann auch das Annahmeverhalten der Schule oder der Kita die soziale Segregation verstärken, wenn sie frei über Aufnahme oder Ablehnung von Kindern entscheiden kann. Warum sollen sie Schüler aufnehmen, die möglicherweise höhere Kosten verursachen, weil sie mehr Betreuung brauchen. Ein dritter Aspekt ist die Ausgestaltung des Gutscheins, wenn etwa private Entgelte für den Besuch privater Schulen entrichtet werden müssen.

"Insgesamt lässt sich eine Kausalkette aufzeigen, die soziale Segregation begünstigt," so der Leiter des Forschungsinstituts Dr. Dieter Dohmen. Eltern haben seiner Meinung nach ein verständliches Interesse daran, dass ihre Kinder mit leistungsstärkeren Schülern in eine Klasse gehen. "Wenn aber Kinder aus bildungsfernen Schichten tendenziell schwächere Leistungen zeigen, dann werden Eltern Schulen mit einer günstigeren sozialen Zusammensetzung auswählen; dies sind dann Schulen in einem gehobenen Umfeld. Für die Schule kommt hinzu, dass der Förderungsaufwand für leistungsschwächere Schüler größer ist. Auch sie haben daher einen Anreiz, Kinder, die leistungsschwächer sein könnten, abzulehnen bzw. nicht anzunehmen. Dies betrifft überproportional Kinder aus bildungsfernen Schichten. Verstärkt werden kann dies, wenn der höhere Förderaufwand nicht durch unterschiedliche Erstattung kompensiert wird.

Damit können Sie wunderbar erklären, warum die Auseinandersetzungen um das dreigliedrige Schulsystem in Deutschland bisweilen so heftig geführt wird," so Dohmen weiter. "Bemerkenswert ist nur, dass andere Länder, die diese Differenzierung nicht vornehmen, mindestens ebenso gute Ergebnisse bei PISA erzielen.

Insgesamt gesehen," so fasst Dohmen die Studie zusammen, "zeigen sich deutliche Hinweise darauf, dass Gutscheine nicht per se zu besseren Schülerleistungen und abnehmender sozialer Segregation führen. Vielmehr ist die konkrete Ausgestaltung von zentraler Bedeutung, wie auch die Erfahrung mit Kita-Gutscheinen in Hamburg zeigt. Nur wenn zu leicht abrufbaren Qualitätsinformationen Beratung und Unterstützung für bildungsferne Eltern hinzukommen, kann ein solches System funktionieren. Zugleich muss der unterschiedliche Aufwand für unterschiedlich leistungsfähige Schüler kompensiert werden. Dies gilt erst recht für benachteiligte Schüler, zum Beispiel mit Migrationshintergrund. Soweit Gebühren fällig werden, wie etwa im Kita-Bereich, muss die Leistungsfähigkeit der Eltern hinreichend berücksichtigt werden und sichergestellt sein, dass Kinder nicht aus sozialen Gründen abgelehnt werden können," meint der Bildungsökonom. "Die Effekte unterschiedlicher Gestaltungsformen sind daher bei der Weiterentwicklung der Kita-Finanzierung in Hamburg oder anderen Bundesländern ebenso zu beachten wie bei der geplanten Aufhebung der Schulbezirke in Nordrhein-Westfalen. Nur die sorgfältige Planung und Vorbereitung ermöglicht das Erreichen der positiven Wirkungen und verhindert die gezeigten negative Effekte."

Die Studie steht allen Interessierten als FiBS-Forum Nr. 27 unter www.fibs-koeln.de zum Herunterladen zur Verfügung.

Birgitt A. Cleuvers | idw
Weitere Informationen:
http://www.fibs-koeln.de

Weitere Berichte zu: Bildungsgutschein Gutschein Schicht Segregation

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Bildung Wissenschaft:

nachricht Weiterbildung – für die Arbeitswelt von morgen unerlässlich!
15.02.2018 | Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB)

nachricht Roboter als Förderer frühkindlicher Bildung – Neues Forschungsprojekt an der Uni Paderborn
07.02.2018 | Universität Paderborn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Bildung Wissenschaft >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Vorstoß ins Innere der Atome

Mit Hilfe einer neuen Lasertechnologie haben es Physiker vom Labor für Attosekundenphysik der LMU und des MPQ geschafft, Attosekunden-Lichtblitze mit hoher Intensität und Photonenenergie zu produzieren. Damit konnten sie erstmals die Interaktion mehrere Photonen in einem Attosekundenpuls mit Elektronen aus einer inneren atomaren Schale beobachten konnten.

Wer die ultraschnelle Bewegung von Elektronen in inneren atomaren Schalen beobachten möchte, der benötigt ultrakurze und intensive Lichtblitze bei genügend...

Im Focus: Attoseconds break into atomic interior

A newly developed laser technology has enabled physicists in the Laboratory for Attosecond Physics (jointly run by LMU Munich and the Max Planck Institute of Quantum Optics) to generate attosecond bursts of high-energy photons of unprecedented intensity. This has made it possible to observe the interaction of multiple photons in a single such pulse with electrons in the inner orbital shell of an atom.

In order to observe the ultrafast electron motion in the inner shells of atoms with short light pulses, the pulses must not only be ultrashort, but very...

Im Focus: Good vibrations feel the force

Eine Gruppe von Forschern um Andrea Cavalleri am Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie (MPSD) in Hamburg hat eine Methode demonstriert, die es erlaubt die interatomaren Kräfte eines Festkörpers detailliert auszumessen. Ihr Artikel Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, nun online in Nature veröffentlich, erläutert, wie Terahertz-Laserpulse die Atome eines Festkörpers zu extrem hohen Auslenkungen treiben können.

Die zeitaufgelöste Messung der sehr unkonventionellen atomaren Bewegungen, die einer Anregung mit extrem starken Lichtpulsen folgen, ermöglichte es der...

Im Focus: Good vibrations feel the force

A group of researchers led by Andrea Cavalleri at the Max Planck Institute for Structure and Dynamics of Matter (MPSD) in Hamburg has demonstrated a new method enabling precise measurements of the interatomic forces that hold crystalline solids together. The paper Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, published online in Nature, explains how a terahertz-frequency laser pulse can drive very large deformations of the crystal.

By measuring the highly unusual atomic trajectories under extreme electromagnetic transients, the MPSD group could reconstruct how rigid the atomic bonds are...

Im Focus: Verlässliche Quantencomputer entwickeln

Internationalem Forschungsteam gelingt wichtiger Schritt auf dem Weg zur Lösung von Zertifizierungsproblemen

Quantencomputer sollen künftig algorithmische Probleme lösen, die selbst die größten klassischen Superrechner überfordern. Doch wie lässt sich prüfen, dass der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Von festen Körpern und Philosophen

23.02.2018 | Veranstaltungen

Spannungsfeld Elektromobilität

23.02.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2018

21.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vorstoß ins Innere der Atome

23.02.2018 | Physik Astronomie

Wirt oder Gast? Proteomik gibt neue Aufschlüsse über Reaktion von Rifforganismen auf Umweltstress

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Wie Zellen unterschiedlich auf Stress reagieren

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics