Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Das Lernen lernen

30.09.2003


Motivation, Selbstvertrauen und wirkungsvolle Lernstrategien haben großen Einfluss auf den Lernerfolg, zeigt der neue OECD-Bericht, der auf der PISA-Studie basiert.



Erfolgreiches Lernen hängt nicht nur von gutem Unterricht und guten Rahmenbedingungen ab, sondern auch davon, welche Einstellung Schüler zum Lernen haben. Dies besagt ein neuer Bericht der OECD, der auf der PISA-Studie (Programme for International Student Assessment) basiert. In 26 der inzwischen 43 Länder, die an PISA-teilgenommen haben, wurden 15-Jährigen nicht nur auf ihre Lesekompetenz und Kompetenzen im mathematischen und naturwissenschaftlichen Bereich getestet, sondern auch gefragt, ob und welche Strategien sie beim Lernen nutzen, wie hoch ihre Motivation und ihr Selbstvertrauen beim Wissenserwerb sind und ob sie eher kooperative oder wettbewerbsorientierte Lernformen bevorzugen.



Die Daten belegen, dass Schüler bessere schulische Leistungen erzielen, wenn sie motiviert sind, über effektive Lernstrategien verfügen und sich selber auch zutrauen, ihr Lernen zu steuern. Um solche Einstellungen und Techniken in Zukunft stärker zu fördern, müssen Schulen nicht nur Unterrichtsinhalte, sondern auch auf das "Wie des Lernens" vermitteln. Schüler brauchen reichhaltige Erfahrungen mit dem Lernen, um zu begreifen, wie sie am besten lernen, welche Methoden effektiv sind und wie sie Verantwortung für ihr eigenes Lernen übernehmen können. Erst wenn sie diese Lernkompetenz entwickelt haben, werden sie auch nach der Schulzeit selbständig weiterlernen und den Anforderungen des Berufslebens gewachsen sein.

Nach ihren eigenen Angaben zum Lernen lassen sich die Schüler vier verschiedenen Lernergruppen zuordnen. Die Gruppe der lernstärksten Schüler zeichnet sich sowohl durch häufigen Einsatz von effektiven Lerntechniken und -strategien aus als auch durch Einstellungen und Überzeugungen, die das Lernen fördern. Diese Schüler verwenden vorrangig Strategien, die auf das Verstehen und Durchdringen des Gelernten abzielen und die als Elaborations- und Kontrollstrategien bezeichnet werden. Außerdem trauen sich diese Schülerinnen und Schüler auch zu, schwierige Lernziele zu erreichen (Selbstwirksamkeit) und sind bereit, Anstrengung und Ausdauer in ihre eigenes Lernen zu investieren. Schüler aus dieser Gruppe der stärksten Lerner schneiden auf der PISA Skala im Schnitt 63 Punkte oder rund eine Kompetenzstufe besser ab als die Schüler aus der Gruppe der ’lernschwachen Schüler’.

Dieser positive Zusammenhang zwischen den Lernmethoden, der Motivation und dem Selbstvertrauen der Schüler auf der einen, und der schulischen Leistung der Schüler auf der anderen Seite findet sich in allen an der Studie beteiligten Ländern. Ein weiteres gemeinsames Merkmal aller Länder ist jedoch auch, dass es an allen Schulen eine Reihe von Schülern gibt, deren Lernzugänge als verbesserungswürdig zu bezeichnen sind: Diese Schüler weisen ein geringes Selbstvertrauen auf, sind kaum motiviert und verfügen über wenig effektive Lernstrategien. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass gerade diese Gruppe der lernschwachen Schüler besonders stark davon profitieren würde, wenn ihnen die Schule Hilfestellung beim selbstgesteuerten Lernen geben würde. (Abb. 1). Denn die Leistungszuwächse zwischen der Gruppe von Lernern, die sehr selten Gebrauch von Kontrollstrategien macht und der Gruppe von Lernern, die diese regulativen Strategien wenigstens manchmal anwenden, sind besonders hoch.

In allen Ländern haben Schüler eine positivere Sicht ihrer eigenen Fähigkeiten im Lesen als in Mathematik (Abb. 2). Trotz dieser Gemeinsamkeiten finden sich aber auch deutliche Unterschiede zwischen den Teilnehmerstaaten: Dänische Schüler haben das höchste und koreanische Schüler das geringste Vertrauen in ihre akademischen Fähigkeiten, sowohl was die Lesekompetenz als auch die Mathematik betrifft. Die Mittelwerte im Selbstvertrauen sind zwar in den Ländern verschieden hoch, was auch kulturell bedingt sein mag, aber auf der individuellen Ebene zeigen sich dennoch die gleichen Zusammenhänge: In Korea wie in Dänemark schneiden Schüler, die sich etwas zutrauen, besser ab, als solche mit weniger Selbstvertrauen.

Geschlechtsunterschiede, der Einfluss der Familie und der Migrationshintergrund schlagen sich oft auch in unterschiedlichen Lernvoraussetzungen und Einstellungen zum Lernen nieder, zeigte die Studie:

· Obwohl Jungen schlechter beim Lesen abschneiden, haben sie insgesamt einige Lernvorteile: sie vertrauen zum Beispiel eher als Mädchen darauf, dass sie Lernaufgaben erfolgreich bewältigen. Andererseits halten Mädchen mehr von ihren Lesefähigkeiten und haben größeres Interesse am Lesen.

· Schüler aus sozial begünstigten Schichten lernen auch besser. Sie glauben insbesondere eher daran, dass sie Erfolg haben werden, verwenden häufiger effektive Lernstrategien und sind interessierter am Lesen. Der in PISA gezeigte Leistungsvorteil von Schülern aus sozial bessergestellten Familien lässt sich dabei zu einem erheblichen Anteil darauf zurückführen, dass diese Schüler über bessere Lernvoraussetzungen im Sinne von Motivation, Lernstrategien und Selbstvertrauen verfügen.

· Schüler aus Einwandererfamilien, deren Leseleistung in den meisten Ländern wesentlich schwächer als die der Einheimischen ist, verfügen nicht generell über schlechtere Lernvoraussetzungen. In der Mehrzahl der Länder sind ihre Herangehensweisen ähnlich wie die der einheimischen Schüler und in einigen Ländern, wie Australien und Neuseeland, weisen Migranten sogar bessere Lernvoraussetzungen auf. In Deutschland verwenden Migranten in der Regel weniger Elaborationsstrategien und trauen sich im Fach Deutsch weniger zu. Ihr Interesse an Mathematik ist jedoch stärker ausgeprägt als das ihrer deutschen Mitschüler.

Insgesamt zeigte die Studie, dass die Lerneinstellungen einen überraschend starken Einfluss auf die Lesekompetenz haben. Rund ein Fünftel der Leistungsunterschiede in der Lesekompetenz der Schüler lässt sich auf ihre unterschiedlichen Lernvoraussetzungen im Sinne von Strategien, Motivation und leistungsbezogenem Selbstvertrauen zurückführen.

Wenn man aus diesem Ergebnis eine Konsequenz ziehen will, dann sollte das "Wie des Lernens" stärker zum Unterrichtsgegenstand werden. Lehrer könnten ihre Schüler dabei unterstützen, ein Repertoire an effektiven Lernstrategien aufzubauen und ihnen auch helfen, Zuversicht und Interesse zu entwickeln. Solche pädagogischen Unterstützungsprozesse sollten auch ein zentrales Element der Lehrerausbildung sein.

Die komplette Studie kann in Kürze als pdf-Dokument auf der Homepage der OECD abgerufen werden.

Dr. Antonia Rötger | idw
Weitere Informationen:
http://www.pisa.oecd.org

Weitere Berichte zu: Lernstrategie Lernvoraussetzung Lesekompetenz

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Bildung Wissenschaft:

nachricht MINT Nachwuchsbarometer 2017: Digitale Bildung in Deutschland braucht ein Update
22.06.2017 | acatech - Deutsche Akademie der Technikwissenschaften

nachricht Die Verbindung macht’s
24.03.2017 | Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Bildung Wissenschaft >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Vorbild Delfinhaut: Elastisches Material vermindert Reibungswiderstand bei Schiffen

Für eine elegante und ökonomische Fortbewegung im Wasser geben Delfine den Wissenschaftlern ein exzellentes Vorbild. Die flinken Säuger erzielen erstaunliche Schwimmleistungen, deren Ursachen einerseits in der Körperform und andererseits in den elastischen Eigenschaften ihrer Haut zu finden sind. Letzteres Phänomen ist bereits seit Mitte des vorigen Jahrhunderts bekannt, konnte aber bislang nicht erfolgreich auf technische Anwendungen übertragen werden. Experten des Fraunhofer IFAM und der HSVA GmbH haben nun gemeinsam mit zwei weiteren Forschungspartnern eine Oberflächenbeschichtung entwickelt, die ähnlich wie die Delfinhaut den Strömungswiderstand im Wasser messbar verringert.

Delfine haben eine glatte Haut mit einer darunter liegenden dicken, nachgiebigen Speckschicht. Diese speziellen Hauteigenschaften führen zu einer signifikanten...

Im Focus: Kaltes Wasser: Und es bewegt sich doch!

Bei minus 150 Grad Celsius flüssiges Wasser beobachten, das beherrschen Chemiker der Universität Innsbruck. Nun haben sie gemeinsam mit Forschern in Schweden und Deutschland experimentell nachgewiesen, dass zwei unterschiedliche Formen von Wasser existieren, die sich in Struktur und Dichte stark unterscheiden.

Die Wissenschaft sucht seit langem nach dem Grund, warum ausgerechnet Wasser das Molekül des Lebens ist. Mit ausgefeilten Techniken gelingt es Forschern am...

Im Focus: Hyperspektrale Bildgebung zur 100%-Inspektion von Oberflächen und Schichten

„Mehr sehen, als das Auge erlaubt“, das ist ein Anspruch, dem die Hyperspektrale Bildgebung (HSI) gerecht wird. Die neue Kameratechnologie ermöglicht, Licht nicht nur ortsaufgelöst, sondern simultan auch spektral aufgelöst aufzuzeichnen. Das bedeutet, dass zur Informationsgewinnung nicht nur herkömmlich drei spektrale Bänder (RGB), sondern bis zu eintausend genutzt werden.

Das Fraunhofer IWS Dresden entwickelt eine integrierte HSI-Lösung, die das Potenzial der HSI-Technologie in zuverlässige Hard- und Software überführt und für...

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Internationale Fachkonferenz IEEE ICDCM - Lokale Gleichstromnetze bereichern die Energieversorgung

27.06.2017 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz zu aktuellen Fragen der Stammzellforschung

27.06.2017 | Veranstaltungen

Fraunhofer FKIE ist Gastgeber für internationale Experten Digitaler Mensch-Modelle

27.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Mainzer Physiker gewinnen neue Erkenntnisse über Nanosysteme mit kugelförmigen Einschränkungen

27.06.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wave Trophy 2017: Doppelsieg für die beiden Teams von Phoenix Contact

27.06.2017 | Unternehmensmeldung

Warnsystem KATWARN startet international vernetzten Betrieb

27.06.2017 | Informationstechnologie