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Soziologische Forschung untersucht den Stellenwert des Alters

26.08.2003


Wer kennt nicht das Bild der zwei Arbeiter, die einen Rentner tragen, gefolgt von der düsteren Prognose, dass in Zukunft ein Arbeiter einen Rentner trägt? Wer aber sieht die aktuelle Lage aus der Sicht der Älteren, der Rentner und jener, die auf dem Weg in den verdienten Ruhestand sind? In der öffentlichen Debatte werden die Rentner meist nur als Bezieher von Leistungen gesehen. Das Augenmerk liegt auf den Beitragszahlern. Prof. Dr. Martin Kohli vom Institut für Soziologie der Freien Universität Berlin untersucht das Thema seit langem in der "Forschungsgruppe Altern und Lebenslauf" (FALL). Kohli zeigt nicht nur die nachweislich wichtige Rolle der Rentner im sozialen Sektor, sondern belegt mit hochwertigen repräsentativen Daten auch, in wie weit die Älteren ihre Folgegeneration finanzieren.



Der Wohlfahrtsstaat Deutschland leidet an Überalterung. Immer weniger Arbeitnehmer müssen den Lebensunterhalt einer steigenden Anzahl an Rentnern bezahlen. Gleichzeitig werden die Empfänger älter, was zu einer längeren Konsumphase führt. Was in den Renten-Debatten oft unerwähnt bleibt, ist die Leistung, welche die Rentner in unserer Gesellschaft erbringen. Ihr Engagement liegt hauptsächlich im sozialen Bereich der Kinderbetreuung, der Ausführung von Ehrenämtern und der Pflege älterer Menschen. Leider wird diesem Sektor in unserer Gesellschaft weit weniger Aufmerksamkeit zuteil als dem Erwerbssektor. Betrachtet man nämlich neben Markt und Staat auch die Zivilgesellschaft und die Familie genauer, stellt sich heraus, dass Rentner in dem Sozialgefüge einen weitaus vielfältigeren Platz einnehmen als nur die Rolle des Beitragsempfängers. Dennoch dient eine polemische Position in der emotional zugespitzten Debatte der eigenen Darstellung scheinbar mehr als eine fundierte Argumentation. Aus einer Presseerklärung der Jungen Union vom 8. Juli 2003 geht die neoliberale Position Philipp Mißfelders deutlich hervor: "Es muss Schluss sein mit dem ausbeuterischen Umlagesystem, das nur zu Lasten der Jüngeren in unserem Land geht!"

Kohli stützt sich bei seinen Analysen auf den Alters-Survey. Das ist eine statistische Erhebung, die aufgrund des methodischen Vorgehens repräsentativ für die deutsche Bevölkerung zwischen 40 und 85 Jahren ist und im Jahre 1996 erstmals durchgeführt wurde. In der Stichprobe befinden sich knapp 5000 Befragte, die nach Alter, Geschlecht und Wohnort (Ostdeutschland beziehungsweise Westdeutschland) unterschieden werden. Thematisch konzentriert sich der Alters-Survey auf die gesellschaftliche Produktivität der Älteren und die innerhalb der Familien stattfindenden Transfers zwischen den Generationen. "Produktiv" ist in diesem Sinne, was anderen Menschen nützt: ein Ehrenamt, die Pflege Bedürftiger und die Betreuung von Kindern und Enkeln.


Obwohl die 40- bis 54-Jährigen immer noch die einkommensstärkste und die 70- bis 85-Jährigen die einkommensschwächste Gruppe innerhalb der Erhebung bilden, haben sich die Unterschiede, verglichen mit Daten aus den 1960er Jahren, verringert. Der Ausbau der Alterssicherung hat die Einkommen der Rentner an diejenigen der Erwachsenen im Erwerbsalter herangeführt. Viel mehr ins Gewicht fällt der Einkommensunterschied beim Vergleich zwischen Frauen und Männern sowie zwischen West- und Ostdeutschen.

Die Älteren sind produktiv - nur meist nicht mehr im Bereich der Erwerbsarbeit. Die Analyse des Alters-Survey hat ergeben, dass die 60- bis 85-jährigen Deutschen in den Bereichen Ehrenamt, Pflege und Kinderbetreuung im Jahr ungefähr 3,5 Milliarden Stunden überwiegend unentgeltlich tätig sind. Nimmt man einen durchschnittlichen in diesen Branchen üblichen Nettostundenlohn von 11,80 Euro an, lässt sich der Wert der geleisteten Arbeit auf etwa 41,3 Milliarden Euro beziffern, was 21 Prozent der 1996 geleisteten Zahlungen der gesetzlichen Altersvorsorge entspricht.

Neben den wirtschaftlich relevanten Dimensionen gibt der Alters-Survey auch einen klaren Blick auf das Verhältnis der Generationen untereinander. So leben mehr als ein Viertel der 70 bis 85-Jährigen mit mindestens einem ihrer Kinder im selben Haushalt oder in verschiedenen Haushalten im selben Haus. 45 Prozent haben mindestens ein Kind in der Nachbarschaft, bei zwei Dritteln wohnt ein Kind zumindest im selben Ort und bei neun Zehnteln nicht weiter als zwei Stunden entfernt. Diese Daten sind erstaunlich, verfolgt man die verschiedenen Diskussionen über die Individualisierung und Segmentierung der Gesellschaft, nach denen die Lösung des Individuums aus der Familie symptomatisch für die Entwicklung sein soll. Von einer räumlichen Isolation der Eltern von ihren Kindern kann tatsächlich nur bei einer Minderheit die Rede sein.

Die Verbundenheit der Generationen wird besonders deutlich, wenn man die materiellen Transfers beobachtet. Diese sind ganz überwiegend asymmetrisch: sie fließen von den Älteren zu den Jüngeren. Während 23 Prozent ihre Kinder materiell unterstützen, erhalten nur zwei Prozent der Befragten etwas von ihren Kindern. Transfers an die folgende Generation fließen zudem doppelt so häufig, wenn diese arbeitslos oder in einer Ausbildung ist. Insofern ergänzen oder übernehmen die Älteren die sozialstaatliche Absicherungsfunktion. Durch den Alters-Survey lässt sich auch dieses Verhältnis quantifizieren: 1996 belief sich der durchschnittliche Transferbetrag für die über 59-jährigen Geber auf etwa 3650 Euro, was hochgerechnet auf die deutsche Bevölkerung der 60- bis 85-Jährigen 17,2 Milliarden Euro oder rund neun Prozent der 1996 geleisteten Zahlungen der gesetzlichen Altersversorgungssysteme ausmacht.

Diese Zahlen betreffen nur die Transfers zwischen Lebenden; Erbschaften, die vom Umfang her noch höher sind, sind dazu zu rechnen. Dem öffentlichen Generationenvertrag, der Umlage von Erwerbstätigen zu den Rentnern, entspricht also ein privater Transferfluss in umgekehrter Richtung. Ohne die Rente, die das Haushaltseinkommen der 60- bis 85-Jährigen zu 83 Prozent ausmacht, wären vor allem in den unteren Einkommensschichten keine Transfers möglich. Der öffentliche Generationenvertrag ermöglicht den Familien also, Leistungen im privaten Generationenverhältnis zu erbringen. Und gerade die Eltern sind es, die aufgrund der familiären Nähe eintretende Notlagen beobachten und gezielt auf diese reagieren können. Über Leistungskürzungen nimmt man den Rentnern diese Möglichkeit des Gebens.

Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:

Prof. Dr. Martin Kohli
Institut für Soziologie
der Freien Universität Berlin
Tel: 030 - 838-57651
E-Mail: kohli@zedat.fu-berlin.de

Ilka Seer | idw
Weitere Informationen:
http://www.fu-berlin.de

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