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Für Minuten stand das Herz still

12.01.2001


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Studenten beobachteten live Operationen der Herzchirurgen der Universität Rostock

Einige Tropfen Blut sickern aus einem etwa zehn Zentimeter langen Schnitt. Zwei Finger öffnen den Spalt. Kräftige Bewegungen, ähnlich einer Pumpe, werden sichtbar. Zweimal in der Sekunde schlägt das Babyherz, zu dem sich Prof. Gustav Steinhoff, Direktor der Klinik für Herzchirurgie an der Universität Rostock, behutsam vorarbeitet. Alles, was im Operationssaal geschieht, übertragen Kameras direkt in den Hörsaal der Klinik. Dort sitzen Studenten, Ärztekollegen und Krankenschwestern und beobachten voller Konzentration die Herzoperation.
"Herzchirurgie live" hieß es in dieser Woche an der Medizinischen Fakultät. Dieses Angebot steht äußerst selten auf dem Lehrprogramm für angehende Ärzte in der Bundesrepublik. In Rostock hatte es Premiere. "Praxisnähe mit hohem Informationsgehalt brauchen wir in der klinischen Ausbildung", fordert Gustav Steinhoff und bot deshalb an drei aufeinander folgenden Tagen den Medizinstudenten ab fünftem Fachsemester die Möglichkeit, den Herzchirurgen über die Schulter und auf die Finger zu schauen.
"Jetzt wird der Herzbeutel eröffnet, die Vorbereitungen für den Anschluss an die Herz-Lungen-Maschine beginnen", erläutert Oberarzt Dr. Bernd Westphal - er agiert an diesem Tag als Moderator der Lehrveranstaltung - die nächsten Videobilder. Die Kamera macht einen Schwenk auf den Instrumententisch, auf die vielen Helfer im Operationssaal, auf Monitore. Die Zahlen sind wichtig: Dem Baby geht es gut.
Dr. Westphal weist die Zuschauer darauf hin, dass die Maschine in wenigen Minuten Kreislauf- und Lungenfunktion für das Baby übernehmen wird, dessen Herz ruhen muss. Nur dann kann der Chirurg den angeborenen Herzfehler, in diesem Fall ein Loch in der Herzscheidewand, beheben. Immer langsamer schlägt das Herz des Säuglings. Absolute Ruhe herrscht im Hörsaal, der nächste Moment zieht die Zuschauer voll in seinen Bann - das Herz steht still.
Von den knapp 1095 Medizinstudenten an der Universität Rostock haben mehr als 600 die ersten vier Semester überstanden, befinden sich in der klinischen Ausbildung und durften zusehen. Zu ihnen gehören Rebekka Behneke und Henrik Lorenz. Sie studieren im 7. Semester und ließen sich die Live-Übertragungen der Herzoperationen nicht entgehen. Neben der Korrektur des angeborenen Herzfehlers - die Rostocker Herzchirurgen sind die einzigen in Mecklenburg-Vorpommern, die Kinder am Herzen operieren - standen an den beiden Tagen zuvor Bypass-Operation und Herzklappenersatz auf dem Lehrprogramm. "In den Vorlesungen ist oft nur Theoretisches zu hören. Auch auf noch so guten Dias lässt sich aber nicht erkennen, was eigentlich passiert, wie die Chirurgen konkret vorgehen", sagte Henrik Lorenz. "Wann sieht man mal eine Herzoperation. Kann sein, dass das die einzige Möglichkeit für mich ist", ergänzte Rebekka Behneke. Die 22-Jährige ist sicher, dass ihr späteres Fachgebiet nicht die Chirurgie sein wird. "Wenn ich später vielleicht einmal als Allgemeinmedizinerin arbeite, werde ich bestimmt mit Patienten zu tun haben, die am Herzen operiert wurden. Ich finde es unheimlich nützlich, einmal selbst gesehen zu haben, was sich dahinter verbirgt", meinte die Studentin.
"Doch, der fachliche Blick auf Techniken und Vorgehensweise dominierte", gaben die beiden Kommilitonen zu, dass der Gedanke an das Baby während der Operation völlig in den Hintergrund getreten war. Und während Henrik vor allem die Herz-Lungen-Maschine beobachtete - "nach den Darstellungen im Lehrbuch konnte ich mir absolut nicht vorstellen, wie das Gerät funktionieren könnte" - war für Rebekka der Augenblick des Herzstillstandes besonders spannend.
"Der Operateur schließt jetzt das Loch in der Herzscheidewand", erläutert Dr. Westphal den Fortgang der Operation. Eine Spezialkamera, die am Kopf von Prof. Steinhoff befestigt ist, ermöglicht den Zuschauern den gleichen Blick auf das Geschehen, wie ihn der operierende Arzt hat. Ganz ruhig ist die Hand des Chirurgen, die Stich für Stich das Loch näht und dafür sorgt, dass das Babyherz künftig so schlägt, wie es sein sollte. Nur wenige Minuten dauert es, bis diese entscheidende Phase der Operation erfolgreich gemeistert ist. Die Rückkehr aus dem Körperinneren bis zur letzten Hautnaht nimmt dagegen wieder einige Zeit mehr in Anspruch.
Zunächst kontrolliert Prof. Steinhoff, ob das Loch auch wirklich geschlossen ist. Danach werden Schritt für Schritt Kreislauf- und Lungenfunktion von der Maschine auf das operierte Herz zurückübertragen. Langsam fängt es wieder an zu schlagen, braucht ein paar Minuten der Erholung. Der Blick der Ärzte bleibt aufmerksam. Sie überprüfen, ob jedes Gefäß dicht ist, nirgendwo unerlaubt Blut austritt. Moderator Dr. Westphal weist in dieser Zeit im Hörsaal auf mögliche Risiken hin und beantwortet die Fragen des Publikums. Die Studenten wollen beispielsweise wissen, welches Nahtmaterial verwendet und wie die Behandlung in den nächsten Tagen fortgeführt wird.
Danach besteht letztmalig die Gelegenheit, das Herz des Babys zu beobachten. Die Ärzte beginnen mit der Endphase der Operation. Nachdem sie den Brustkorb geschlossen haben, ist der Herzschlag nur noch zu hören. Dann sind Ton und Bild weg. Das Klopfen kommt jetzt von den Zuschauern, signalisiert das Ende der Lehrveranstaltung "Herzchirurgie live".

Ansprechpartner:
Prof. Gustav Steinhoff
Tel. 0381-4946101

Dr.-Ing. Karl-Heinz Kutz | idw

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