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Lernen - der wichtigste Hebel der geistigen Entwicklung

21.02.2003


Die Kognitionspsychologin Prof. Dr. Elsbeth Stern stellt neue Erkenntnisse über die Fähigkeiten und Potentiale von Grundschulkindern vor



Nicht Intelligenz sondern Wissen ist der Schlüssel zum Können, betont die Kognitionspsychologin Prof. Dr. Elsbeth Stern vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Sie tritt damit einer gängigen Vorstellung entgegen, nach der die geistige Entwicklung von Kindern nahezu automatisch durch innere Reifungsvorgänge abläuft und Steuerungen allenfalls in den so genannten "Windows of Opportunities" also geeigneten Zeitfenstern sinnvoll seien. Förderung sei danach nur sehr eingeschränkt möglich. Diesen Mythen um die Gehirnentwicklung setzt Stern die neuesten Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften und eine Vielzahl an eigenen Forschungsergebnissen entgegen. Danach spielen Lernvorgänge und der Erwerb von Wissen eine deutlich größere Rolle für die geistige Entwicklung von Kindern als bisher angenommen.



Anstatt darauf zu warten, dass Kinder "von selbst" ein höheres Abstraktionsniveau erreichen, sollten Kinder schon sehr früh mit gezielten und inhaltlich interessanten Anregungen lernen, sich anspruchsvolle Denkwerkzeuge anzueignen, sagt Stern. Singen, Klatschen und Reimen im Kindergarten machen den Kindern zum Beispiel die Gliederung der Sprache in Silben bewusst, richten ihre Aufmerksamkeit auf die genaue Aussprache und schulen so die phonologische Bewusstheit, eine wichtige Voraussetzung, um später eine Rechtschreibschwäche zu verhindern.

Kulturtechniken wie Lesen und Schreiben, mathematische Modellierungen sowie die Konzepte aus den Naturwissenschaften wurden zwar ursprünglich von hochbegabten Menschen entwickelt, sind aber heute jedem zugänglich. Sicher aber sind diese Fertigkeiten nicht im genetischen Programm des Menschen verankert. Diese Kulturtechniken muss man lernen und üben, denn wer Buchstaben um Buchstaben entziffern muss, hat keine freien geistigen Kapazitäten mehr, um sich den Inhalt zu erschließen. Allerdings sei das Gehirn auch kein Muskel, der mit beliebigen Aufgaben und Beispielen trainiert werden könne, betont Stern. Die Kinder lernen an konkreten Inhalten und knüpfen sich im Idealfall ein immer dichteres Netz, um die Welt zu verstehen.

Am meisten lernen daher auch ausgerechnet die Schüler, die schon das beste Wissensnetz mitbringen, unterstreicht die Psychologin, denn sie ordnen Neues am sinnvollsten ein. Während sich Begabungsunterschiede oft durch vermehrtes Üben ausgleichen lassen, kann fehlendes Wissen den Erkenntnisfortschritt verhindern. Stern plädiert für eine deutlich anspruchsvollere Vor- und Grundschulpädagogik und setzt sich dafür ein, die Naturwissenschaften früher als bisher - aber auch deutlich besser - zu unterrichten. Wissen, Üben und Verstehen bedingen sich gegenseitig und machen alleine für sich genommen wenig Sinn. Etwas zu verstehen, nachdem man sich eine Weile darum bemüht hat, setzt im Gehirn Botenstoffe frei, die ein Glücksgefühl auslösen. Und dieses Vergnügen sollten wir allen Kindern auch in den Schulen häufiger gönnen, meint die Psychologin.

Dr. Antonia Rötger | idw
Weitere Informationen:
http://www.mpib-berlin.mpg.de/dok/full/stern/index.htm

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