Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ausbau des Ganztagsunterrichts verlangsamt sich

03.07.2014

Geringerer Zuwachs an Ganztagsplätzen in Schulen seit 2009 / 2,8 Millionen Ganztagsplätze fehlen / Bertelsmann Stiftung spricht sich für Rechtsanspruch aus und fordert gemeinsame Anstrengung von Bund und Ländern

Der Ausbau der Ganztagsschule kommt in Deutschland nur langsam voran: Mit Hilfe des vier Milliarden schweren Investitionsprogramms „Zukunft Bildung und Betreuung“ wurden von 2003 bis 2009 pro Jahr rund 175.000 Ganztagsplätze geschaffen.

Seit das Bundesprogramm ausgelaufen ist, kommen im Schnitt jährlich nur noch 104.000 Ganztagsschüler hinzu. Das belegt eine Studie des Essener Bildungsforschers Prof. Klaus Klemm im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. Derzeit geht jeder dritte Schüler (32,3 Prozent) ganztags zur Schule. Die Nachfrage ist allerdings deutlich höher: Bundesweit wünschen sich 70 Prozent aller Eltern einen Ganztagsplatz für ihr Kind (TNS Emnid/ JAKO-O 2012).

Die Lücke zwischen derzeitigem Ganztagsangebot und Elternwunsch beträgt damit rund 2,8 Millionen Ganztagsplätze. "Der Ausbau der Ganztagsschulen muss beschleunigt werden, weil sie eine bessere individuelle Förderung aller Kinder und damit mehr Chancengerechtigkeit ermöglichen“, sagte Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung.

„Mit einem schnelleren Ausbau des Ganztagsunterrichts wäre außerdem die aktuelle Debatte um das acht- oder neunjährige Gymnasium überflüssig: Wenn die Gymnasien den Unterricht mit sich abwechselnden Lern-, Übungs- und Entspannungsphasen sinnvoll über den ganzen Tag verteilen, kann der Weg zum Abitur ohne Nachteile für die Schüler auch in acht Jahren bewältigt werden."

Zwischen den Bundesländern bestehen beim Ganztagsausbau – ohne Berücksichtigung der Hortbetreuung – deutliche Unterschiede. Im vergangenen Schuljahr gingen in Sachsen 79,1 Prozent, in Hamburg 61,7 Prozent der Schüler ganztags zur Schule, in Baden-Württemberg hingegen waren es 18,9, in Bayern sogar nur 12,4 Prozent.

Dräger bekräftigte deshalb den Vorschlag der Bertelsmann Stiftung, jedem Schüler einen Rechtsanspruch auf den Besuch einer Ganztagsschule einzuräumen: „Ein Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz ist der entscheidende Hebel für den bedarfsorientierten Ausbau in ganz Deutschland“, so Dräger. Bei der jetzigen Ausbaugeschwindigkeit werde es noch mehr als 20 Jahre dauern, bis der Elternwunsch nach Ganztagsunterricht erfüllt werden könne.

Nicht nur beim Platzangebot, sondern auch in der Organisation des Ganztags zeigen sich große Unterschiede zwischen den Bundesländern. Bundesweit nutzt die Mehrzahl der Ganztagsschüler offene Angebote, in denen nicht die gesamte Klasse über Mittag in der Schule bleibt.

Gebundene Ganztagsangebote, in denen der Nachmittagsunterricht für alle Schüler der jeweiligen Klasse verbindlich ist, nutzen lediglich 14,4 Prozent aller Schüler. Die gebundene Ganztagsschule ist diejenige Schulform, der Wissenschaftler besonders große Möglichkeiten beim sozialen und kognitiven Lernen zuschreiben.

In Hessen und Schleswig-Holstein lernen weniger als fünf Prozent aller Erst- bis Zehntklässler im gebundenen Ganztag. Auch in Bayern, im Saarland und in Sachsen-Anhalt liegen die Zahlen im ein-stelligen Prozentbereich. In Sachsen (29,3 Prozent) hingegen nutzt fast jeder dritte, in Bremen und Mecklenburg-Vorpommern immerhin jeder vierte Schüler dieser Altersgruppe ein verbindliches Ganztagsangebot.

"Nur mit dem quantitativen Ausbau von Ganztagsplätzen ist es nicht getan. Wir brauchen auch Verbindlichkeit und Qualitätsstandards. Ganztagsschule muss mehr sein als eine Halbtagsschule mit Nachmittagsbetreuung. Dafür werden mehr Lehrkräfte und pädagogische Mitarbeiter benötigt", forderte Dräger.

Die Studie unterstreicht, dass der Ausbau guter Ganztagsschulen zusätzliche Ressourcen benötigt. Um den Bedarf an Ganztagsplätzen zu decken und für 70 Prozent der Schüler – entsprechend der KMK-Definition von Ganztagsschulen – an drei Tagen ein siebenstündiges Ganztagsangebot in Verantwortung der Schule zu gewährleisten, fallen bereits jährlich zusätzliche Kosten von 1,7 Milliarden Euro für Lehrkräfte und pädagogisches Personal an.

Die flächendeckende Ausweitung des gebundenen Ganztags für alle Schüler auf acht Stunden an allen fünf Schultagen, die aus Sicht der Bertelsmann Stiftung den pädagogisch besten Rahmen darstellen würde, erfordert sogar zusätzliche Mittel für qualifizierte Pädagogen in Höhe von jährlich knapp acht Milliarden Euro.

"Der Ausbau der Ganztagsschulen ist eine nationale Kraftanstrengung. Der Koalitionsvertrag der Großen Koalition betont zwar, dass durch den qualitätsvollen Ausbau der Ganztagsschulen die Chancengerechtigkeit und der Bildungserfolg der Kinder verbessert werden. Noch fehlen aber die Ressourcen, um allen Kindern und Jugendlichen Zugang zu guten Ganztagsplätzen zu eröffnen", bekräftigte Dräger. Bei der Finanzierung dieser zentralen Bildungsreform dürften sich Bund und Länder nicht länger hinter dem Kooperationsverbot verstecken.

Rückfragen an:

Ulrich Kober, Telefon: 0 52 41 / 81 81598
E-Mail: ulrich.kober@bertelsmann-stiftung.de

Dr. Nicole Hollenbach-Biele, Telefon: 0 52 41 / 81 81541
E-Mail: nicole.hollenbach-biele@bertelsmann-stiftung.de

Dr. Dirk Zorn, Telefon: 0 52 41 / 81 81546
E-Mail: dirk.zorn@bertelsmann-stiftung.de

Weitere Informationen:

http://Weitere Infos: Die Studie "Ganztagsschulen in Deutschland – die Ausbaudynamik ist erlahmt", die 16 Pressemitteilungen zu den Bundesländern und die Presse-Grafiken finden Sie unter:
http://www.bertelsmann-stiftung.de

Ute Friedrich | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Bildung Wissenschaft:

nachricht Gleich und Gleich gesellt sich gern!
21.03.2017 | Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation

nachricht Internationaler Masterstudiengang: TU Kaiserslautern bildet Experten für die Quantentechnik aus
15.03.2017 | Technische Universität Kaiserslautern

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Bildung Wissenschaft >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Im Focus: Auf der Spur des linearen Ubiquitins

Eine neue Methode ermöglicht es, den Geheimcode linearer Ubiquitin-Ketten zu entschlüsseln. Forscher der Goethe-Universität berichten darüber in der aktuellen Ausgabe von "nature methods", zusammen mit Partnern der Universität Tübingen, der Queen Mary University und des Francis Crick Institute in London.

Ubiquitin ist ein kleines Molekül, das im Körper an andere Proteine angehängt wird und so deren Funktion kontrollieren und verändern kann. Die Anheftung...

Im Focus: Tracing down linear ubiquitination

Researchers at the Goethe University Frankfurt, together with partners from the University of Tübingen in Germany and Queen Mary University as well as Francis Crick Institute from London (UK) have developed a novel technology to decipher the secret ubiquitin code.

Ubiquitin is a small protein that can be linked to other cellular proteins, thereby controlling and modulating their functions. The attachment occurs in many...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

Über Raum, Zeit und Materie

22.03.2017 | Veranstaltungen

Unter der Haut

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Impfstoffe zuverlässig inaktivieren mit Elektronenstrahlen

23.03.2017 | Biowissenschaften Chemie

Darmkrebs: Wenn die Wachstumsbremse fehlt

23.03.2017 | Biowissenschaften Chemie

Riesensalamander, Geckos und Olme – Verschwundene Artenvielfalt in Sibirien

23.03.2017 | Biowissenschaften Chemie