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Ein saniertes Gebäude verbraucht zehn bis 30 Prozent weniger Heizenergie - so die übliche Vorstellung. Das von der Europäischen Kommission geförderte Forschungsprojekt SOLANOVA aber hat gezeigt, dass bis zu 91 Prozent möglich sind. Ein achtgeschossiger Plattenbau südlich von Budapest wurde unter Leitung der Universität Kassel saniert, an Fassade, Dach, Heizung und Fenstern. In Kombination mit komfortabler Lüftungstechnik und solarer Energiegewinnung konnte sein Energieverbrauch von umgerechnet 22 auf zwei Liter Heizöl pro Quadratmeter und Jahr gesenkt werden. Damit liegt er weit unter dem Durchschnittswert für Neubauten in Deutschland von sieben Litern Heizöl pro Quadratmeter und Jahr.
Jeder sanierte Quadratmeter des SOLANOVA-Hauses hat 240 Euro zuzüglich Mehrwertsteuer gekostet. Die Sanierung hält für mindestens 30 Jahre. In elf Jahren wird sie sich amortisiert haben. Verglichen mit dieser ökonomischen Sichtweise ergab die ökologische Sichtweise eine noch schnellere Amortisation. Es brauchte nur einen Winter, dann hatte der Plattenbau im sanierten Zustand schon mehr Energie eingespart, als für Sanierungsarbeiten und Herstellung der eingesetzten Technologie an Energie verbraucht wurde.
Das wirtschaftliche Potenzial ist riesig
Vergleichbar günstige Projekte in Deutschland gibt es nicht. Noch nicht.
Sanieren wird aber auch hier immer attraktiver. "Das wirtschaftliche Einsparpotenzial war nie größer als heute!", sagt Hermelink und schätzt es auf etwa 70 Prozent. Als Grund dafür sieht der Projektkoordinator von SOLANOVA neben steigenden Energiepreisen und einer gegenwärtigen Neubaurate von unter einem Prozent vor allem aktuelle Finanzierungs- und Förderbedingungen. Seit Januar wirbt die Bundesregierung mit zinsverbilligten Darlehen der KfW-Förderbank für umfangreiche Sanierungen.
Verbraucht das sanierte Gebäude schließlich genauso viel oder noch weniger Energie wie ein vergleichbarer Neubau, gibt es sogar zusätzlich Tilgungszuschüsse. Würde ein Gebäude das Energieniveau von SOLANOVA erreichen, ist das Darlehen im Ergebnis zinsfrei.
Gesetzesnovelle: Energieverbrauch von Gebäuden wird Wettbewerbsfaktor Für Neubauten und für den Gebäudebestand wird ab 2008 der Energieausweis eingeführt. Den können Kauf- und Mietinteressenten vom Eigentümer oder Vermieter einfordern, um sich über die energetische Qualität des Gebäudes zu informieren. Diese Regelung macht den Energieausweis zu einem Marktinstrument. "Es ist ziemlich offensichtlich, dass das Kriterium Energieverbrauch zu einem wichtigen Wettbewerbsfaktor wird", sagt Hermelink und sagt für die nächsten Jahre eine drastische Verschärfung der Richtlinien für den Energieverbrauch von Gebäuden voraus.
Klimaschutz mit Weitblick
Hermelink und seine Kollegen wollen nun mit ihrem Wissen in Deutschland eine Sanierungswelle in Gang zu setzen. Der erste Schritt ist der Kontakt zu Wohnungsbaugesellschaften. Das Interesse ist groß, der potenzielle Gewinn für Mieter, Wohnungsbaugesellschaften und für die Umwelt riesig. Die SOLANOVA-Technologie kann, sofern großflächig eingesetzt, ein effektives In-strument im Kampf gegen den Klimawandel werden: Um die Klimaerwärmung in akzeptablen Grenzen zu halten, müssen Industrieländer ihre Klimagasemissionen insgesamt um 80 bis 90 Prozent reduzieren. Das Sanierungskonzept von SOLANOVA kann dies im Gebäudebestand leisten. Dort liegen im Vergleich zu anderen Sektoren, wie beispielsweise dem Verkehr, besonders hohe Einsparpotenziale. Mehr als ein Viertel aller Energie in Deutschland wird für das Heizen von Wohnungen und die Warmwasseraufbereitung genutzt.
Uni Kassel berät Folgeprojekte: Sanierung ganzer Wohnviertel Durch den Erfolg von SOLANOVA fördert die Europäische Kommission nun noch größere Forschungsprojekte: Statt Plattenbauten werden ganze Wohnviertel saniert und das Energieversorgungssystem in das Konzept mit einbezogen.
Die Uni Kassel ist beratend bei einem Projekt dabei, das in Budapest, Sofia und Amsterdam durchgeführt wird. Es ist Teil der Concerto-Initiative der Kommission und baut auf dem theoretischen Ansatz von SOLANOVA auf.
Hintergrund: Das SOLANOVA-Projekt
SOLANOVA - "Solar unterstützte, integrierte ökoeffiziente Renovierung von großen Wohngebäuden und Energieversorgungssystemen" (www.solanova.eu) begann im Januar 2003. Es ist das erste Ökogebäude-Projekt der Europäischen Kommission in Osteuropa, das sich mit der Sanierung von großen Mehrfamilienhäusern beschäftigt. Äußerst kostengünstig und nachhaltig haben die Kasseler Wissenschaftler Hartmut Hübner und Andreas Hermelink einen energiefressenden Plattenbau in Ungarn zum komfortablen Super-Niedrigenergiehaus umgebaut.
Mit hocheffizienter Technologie werden die Wohnungen im Sommer kühl und im Winter warm gehalten. Alle Wohnungen besitzen etwa ein Lüftungsgerät mit Wärmerückgewinnung; Süd- und Westfenster sind mit wirksamem Sonnenschutz ausgestattet.
Solarenergie und Energieeffizienz werden zudem optimal miteinander kombiniert. Der Einsatz von Solarenergie kann nur dann große Anteile an der Energieversorgung erreichen, wenn ihm drastische Maßnahmen zur Verringerung des Energieverbrauchs voraus gehen. Dann ist es wie bei SOLANOVA möglich, dass eine nur 70 m2 große Solaranlage 20 Prozent des nach den Sanierungsarbeiten noch verbliebenen Gesamtwärmeverbrauchs von 42 Wohnungen deckt und so die Hälfte der benötigten Energie für Warmwasser bereitstellt. Bedürfnisse, Wünsche und Fähigkeiten der Bewohner wurden in dem Sanierungskonzept berücksichtigt.
Als soziales Projekt kann SOLANOVA den Abriss energetisch nicht tragfähiger Wohnquartiere und damit die Zerschlagung gewachsener Sozialstrukturen verhindern. In Ungarn wäre etwa ein Siebtel der Bevölkerung davon betroffen. Attraktivität von und Einkommensniveau in Plattenbausiedlungen sind zudem üblicherweise sehr gering. Nachhaltiges Sanieren wertet solche Wohnquartiere beträchtlich auf und die Wohnqualität nimmt zu.
Für ihr Konzept zur energetischen Sanierung unter Nutzung von Solarenergie wurden die Kasseler Wissenschaftler Ende 2006 mit dem Europäischen Solarpreis und Anfang 2007 mit dem Energy Globe Award ausgezeichnet. Er gilt als "Oscar für Nachhaltigkeit".
Andreas Hermelink | Quelle: Universität Kassel
Weitere Informationen: www.solanova.eu
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