Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wie Menschen Schäden an Gebäuden wahrnehmen

22.06.2017

Wie Laien Gebäudeschäden im Vergleich zu Fachleuten beurteilen, haben Bochumer Psychologinnen gemeinsam mit Ingenieuren untersucht. Im Gegensatz zu Experten beurteilten Laien Schäden an historischen Gebäuden als weniger schlimm als vergleichbare Schäden an modernen Bauwerken. Sehr starke und sehr leichte Schäden schätzten sie ähnlich ein wie Fachleute. Mittelschwere Schäden hingegen unterschätzten die Laien großteils.

Die Studie ist Teil des Sonderforschungsbereichs 837 „Interaktionsmodelle für den maschinellen Tunnelbau“, der seit 2010 an der Ruhr-Universität Bochum läuft. Für die Umfrage kooperierten die Teams von Prof. Dr. Annette Kluge, Lehrstuhl für Wirtschaftspsychologie, und Prof. Dr. Peter Mark, Lehrstuhl für Massivbau. Ziel der Forscherinnen und Forscher ist es, ingenieurtechnische Grenzwerte mit dem subjektiven Empfinden von Menschen zu vergleichen. Bei starken Abweichungen müsse man eventuell über Maßnahmen nachdenken, um die Bevölkerung entsprechend zu informieren.


Katharina Friedrichs und Markus Obel im Virtual-Reality-Labor an der RUB

© RUB, Kramer


Katharina Friedrichs und Markus Obel

© RUB, Kramer

Big Ben ist intakt

109 Probandinnen und Probanden füllten einen Online-Fragebogen aus. Sie sahen 36 Bilder von historischen Gebäuden und Wohnhäusern mit unterschiedlich schweren Schäden und sollten beurteilen, für wie bedenklich sie diese hielten.

Die Befragten teilten die Bilder in die Kategorien null bis vier ein, wobei null für „vernachlässigbare Schäden“ stand und vier für „schwere Schäden“. Die gleichen Fotos hatten auch wissenschaftliche Mitarbeiter vom Lehrstuhl für Massivbau kategorisiert.

Große Risse und markante Schiefstellungen, die die Experten in Kategorie vier sortiert hatten, fielen meist auch den Laien als bedrohlich auf. In der niedrigsten Schadenskategorie null stimmten die Beurteilungen von Laien und Experten ebenfalls meist überein.

„89 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer schätzten zum Beispiel richtig ein, dass ein historisches Gebäude wie der Big Ben keine Schäden aufweist“, beschreibt Katharina Friedrichs, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Wirtschaftspsychologie.

Kleine Risse nicht wahrgenommen

Anders sah es in den mittleren Schadenskategorien eins bis drei aus. Leichte Schäden an Wohnhäusern – von den Experten als Kategorie eins und zwei eingestuft – werteten 85 Prozent der Befragten als vernachlässigbar. Feine Haarrisse in den Fassaden, so vermutet Markus Obel, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Massivbau, nehmen Laien kaum wahr.

Ziel beim Tunnelbau sei es, auch solche Beeinträchtigungen zu vermeiden – selbst wenn sie nur rein optischer Natur seien und die Tragfähigkeit nicht beeinflussten. Denn Risse in der Fassade, auch wenn sie nur optischer Natur sind, können den Wert einer Immobilie senken; die Kosten für die Beseitigung der Schäden müsste der Bauherr des Tunnelprojekts tragen.

Besonders bei historischen Gebäuden wich die Laienmeinung stark von der Einschätzung der Experten ab. Katharina Friedrichs gibt ein Beispiel: „Ein Kirchturm mit deutlich erkennbarer Schieflage wurde von 53 Prozent der Befragten als vernachlässigbar beschädigt oder gar nicht beschädigt gewertet.“ Insgesamt beurteilten die Teilnehmer Wohnhäuser akkurater als alte Türme, Kirchen und Burgen.

„Um die Ergebnisse verallgemeinern zu können, müssen wir nun weitere Gruppen mit unterschiedlichen Ansprüchen untersuchen, zum Beispiel Anwohnerinnen und Anwohner oder Besitzer von Geschäfts- und Privatimmobilien sowie Naturschutzorganisationen“, beschreibt Annette Kluge die nächsten Schritte.

Förderung

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft förderte die Studie im Rahmen des Sonderforschungsbereichs 837 „Interaktionsmodelle für den maschinellen Tunnelbau“.

Pressekontakt

Katharina Friedrichs
Lehrstuhl für Wirtschaftspsychologie
Fakultät für Psychologie
Ruhr-Universität Bochum
Tel.: 0234 32 22677
E-Mail: katharina.friedrichs@rub.de

Markus Obel
Lehrstuhl für Massivbau
Fakultät für Bau- und Umweltingenieurwissenschaften
Ruhr-Universität Bochum
Tel.: 0234 32 28121
E-Mail: markus.obel@rub.de

Angeklickt

Sonderforschungsbereich 837
http://sfb837.sd.rub.de/

Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie
http://www.aow.ruhr-uni-bochum.de/index.html.de

Lehrstuhl für Massivbau
http://www.massivbau.rub.de/

Dr. Julia Weiler | idw - Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen:
http://www.ruhr-uni-bochum.de/

Weitere Berichte zu: Fassade Haarrisse Massivbau Ruhr-Universität Schiefstellungen Tunnelbau

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Architektur Bauwesen:

nachricht Neueinschätzung der Erdbebengefährdung Deutschlands
13.06.2018 | Helmholtz-Zentrum Potsdam - Deutsches GeoForschungsZentrum GFZ

nachricht Im Herzen der Stadt
06.06.2018 | Bau-Fritz GmbH & Co. KG, seit 1896

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Architektur Bauwesen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Innovative Handprothesensteuerung besteht Alltagstest

Selbstlernende Steuerung für Handprothesen entwickelt. Neues Verfahren lässt Patienten natürlichere Bewegungen gleichzeitig in zwei Achsen durchführen. Forscher der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) veröffentlichen Studie im Wissenschaftsmagazin „Science Robotics“ vom 20. Juni 2018.

Motorisierte Handprothesen sind mittlerweile Stand der Technik bei der Versorgung von Amputationen an der oberen Extremität. Bislang erlauben sie allerdings...

Im Focus: Temperaturgesteuerte Faser-Lichtquelle mit flüssigem Kern

Die moderne medizinische Bildgebung und neue spektroskopische Verfahren benötigen faserbasierte Lichtquellen, die breitbandiges Laserlicht im nahen und mittleren Infrarotbereich erzeugen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien Jena (Leibniz-IPHT) zeigen in einer aktuellen Veröffentlichung im renommierten Fachblatt Optica, dass sie die optischen Eigenschaften flüssigkeitsgefüllter Fasern und damit die Bandbreite des Laserlichts gezielt über die Umgebungstemperatur steuern können.

Das Besondere an den untersuchten Fasern ist ihr Kern. Er ist mit Kohlenstoffdisulfid gefüllt - einer flüssigen chemischen Verbindung mit hoher optischer...

Im Focus: Temperature-controlled fiber-optic light source with liquid core

In a recent publication in the renowned journal Optica, scientists of Leibniz-Institute of Photonic Technology (Leibniz IPHT) in Jena showed that they can accurately control the optical properties of liquid-core fiber lasers and therefore their spectral band width by temperature and pressure tuning.

Already last year, the researchers provided experimental proof of a new dynamic of hybrid solitons– temporally and spectrally stationary light waves resulting...

Im Focus: Revolution der Rohre

Forscher*innen des Instituts für Sensor- und Aktortechnik (ISAT) der Hochschule Coburg lassen Rohrleitungen, Schläuchen oder Behältern in Zukunft regelrecht Ohren wachsen. Sie entwickelten ein innovatives akustisches Messverfahren, um Ablagerungen in Rohren frühzeitig zu erkennen.

Rückstände in Abflussleitungen führen meist zu unerfreulichen Folgen. Ein besonderes Gefährdungspotential birgt der Biofilm – eine Schleimschicht, in der...

Im Focus: Überdosis Calcium

Nanokristalle beeinflussen die Differenzierung von Stammzellen während der Knochenbildung

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universitäten Freiburg und Basel haben einen Hauptschalter für die Regeneration von Knochengewebe identifiziert....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Leben im Plastikzeitalter: Wie ist ein nachhaltiger Umgang mit Plastik möglich?

21.06.2018 | Veranstaltungen

Kongress BIO-raffiniert X – Neue Wege in der Nutzung biogener Rohstoffe?

21.06.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen im August 2018

20.06.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Der “Stein von Rosetta” für aktive Galaxienkerne entschlüsselt

21.06.2018 | Physik Astronomie

Schneller und sicherer Fliegen

21.06.2018 | Informationstechnologie

Innovative Handprothesensteuerung besteht Alltagstest

21.06.2018 | Innovative Produkte

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics